In wenigen Tagen muß ich eine zehnseitige Prüfungsarbeit über ein geschichtliches Thema abgeben. Doch bevor ich damit anfangen kann, muß ich ein mündliches Referat vorbereiten, eine ganze Liste französischer Vokabeln lernen und die letzten hundert Seiten eines Romans lesen. Das meiste davon muß ich im Bus erledigen, auf der Fahrt zu einem weit entfernten Leichtathletikwettkampf, der zu keiner ungelegeneren Zeit hätte kommen können. Dazu kommt noch, daß ich an Sitzungen teilnehmen muß, die meine freie Zeit so sehr beanspruchen, daß mir nur hier und da zwischendurch ein wenig Zeit bleibt, um das alles zu bewältigen. Wenn ich es doch nur schon alles geschafft hätte!
Diese Situation ist nicht ungewöhnlich. Mit dem Studium scheinen oft Zeitknappheit, zuviel Arbeit, zu viele Verpflichtungen und Streß einherzugehen. Haben wir keine Möglichkeit, uns unseren inneren Frieden in höherem Maße zu bewahren?
Kürzlich mußte ich mehrere wissenschaftliche Arbeiten erledigen, die so manche Untersuchung und viel Nachdenken erfoderten. Es fiel mir besonders schwer, meine Gedanken über die abschließende Arbeit zu ordnen. Je näher der Abgabetermin rückte, desto kopfloser wurde ich. Am Abend vor dem Termin hatte mich die Furcht so sehr gepackt, daß ich mich unmöglich konzentrieren konnte. An jenem Abend fühlte ich mich mit dieser erdrückenden Last allein gelassen, und ich sehnte mich nach innerem Frieden. Ich rief laut: „Ach, hätte ich doch bloß nicht diese riesige Aufgabe vor mir! Wenn sie abgeschlossen ist, dann wird alles wieder gut sein.“
In diesem Augenblick fiel mir die Bibelgeschichte über Jesus und seine Jünger im Sturm ein. Die Jünger fürchteten um ihr Leben. Sie weckten ihren Meister und drangen mit den Worten in ihn: „Fragst du nichts danach, daß wir umkommen?“ Weiter heißt es in der Geschichte: „Und er stand auf und bedrohte den Wind und sprach zu dem Meer: Schweig und verstumme! Und der Wind legte sich, und es entstand eine große Stille.“ Mk 4:38, 39.
Mir war, als gälte Jesu Wort mir. Warum hast du solche Angst? Wieso hast du keinen Glauben? Mir wurde klar, daß die Verantwortung für die wissenschaftliche Arbeit für mich zu einer Last geworden war, und die Furcht, daß die Zeit und meine Fähigkeiten dafür nicht ausreichen würden, hatte mich geradezu gelähmt. Mir erging es wohl wie den Jüngern: Ich glaubte, ich sei in einem Sturm — in Gefahr und hilflos — und von Gott, von Seiner Liebe und Seinem Schutz getrennt. Auch verschob ich Frieden, Freude und Herrschaft auf einen späteren Zeitpunkt, zu dem sich die Umstände wieder beruhigt haben würden.
Ich betete. Ich überdachte meine Aufgabe erneut vom Standpunkt der Gegenwart — und nicht der Abwesenheit — Gottes und Seines Friedens. Ich sehnte mich danach, die Furcht durch die Gewißheit ersetzen zu können, daß Gott nahe war. Ich folgerte, daß ich, wenn ich als Sein Ebenbild tatsächlich eins mit Ihm war, weder von Seiner Fürsorge ausgeschlossen sein konnte noch dieser Aufgabe allein gegenüberstand. Ich erinnerte mich an eine Stelle in Wissenschaft und Gesundheit, in der bekräftigt wird, daß der Mensch unmöglich von Gott getrennt sein kann. Mrs. Eddy schreibt dort: „Der Mensch ist der Ausdruck vom Wesen Gottes. Wenn es je einen Augenblick gegeben hat, wo der Mensch die göttliche Vollkommenheit nicht zum Ausdruck gebracht hat, dann hat es einen Augenblick gegeben, wo der Mensch Gott nicht ausgedrückt hat, und infolgedessen eine Zeit, wo die Gottheit ohne Ausdruck, d. h. ohne Wesenheit gewesen ist.“ Wissenschaft und Gesundheit, S. 470. Die Annahme, daß ich von Gott getrennt werden könne, ließ darauf schließen, daß Gott manchmal unvollständig sei. Doch ich war mir des Wesens Gottes sicher genug, um zu wissen, daß das unmöglich war. Er existiert nicht nur: Er ist Alles! Und Seine Allheit läßt keinen Raum für irgendeinen Zufall.
Das Gebet gab mir neue Inspiration. Ich war dankbar für die Gelegenheit, die mir dieses Projekt gab, Intelligenz, geistiges Verständnis und Vollkommenheit zum Ausdruck zu bringen — Eigenschaften, die ich als die klare Widerspiegelung des Gemüts besaß. Ich hörte auf, von meiner Arbeit aufzuschauen und nach der Uhr zu sehen. Statt dessen hielt ich an der Wahrheit fest, daß mein Frieden und meine innere Ruhe von Gott aufrechterhalten wurden, ganz gleich, was die Furcht mir einreden wollte. Nach und nach kamen mir Ideen, und die Informationen, die mich zuvor verwirrt hatten, erwiesen sich nun als logisch und sinnvoll.
Die Arbeit hatte sich nicht geändert, wohl aber mein Vorgehen; meine ganze Einstellung war zuversichtlicher geworden. Ich arbeitete nun in einer Atmosphäre, die nicht zeitgebunden zu sein schien. Ich fühlte mich so frei und war überzeugt, daß meine Fähigkeiten unmittelbar von Gott kamen und daß Er mich inniglich liebte. Am folgenden Tag gab ich eine Arbeit ab, die sehr viel ausgereifter und klarer formuliert war als alle anderen zuvor.
Nach diesem Erlebnis suchte ich einen Leseraum der Christlichen Wissenschaft auf und schlug in der Bibel und in Mrs. Eddys Schriften einige Stellen zum Thema Frieden nach. Ich stellte fest, daß beide deutlich zwischen dem Frieden einer materiellen Daseinsauffassung und dem inneren geistigen Frieden unterschieden. Im Johannesevangelium sagt Jesus: „Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt.“ Joh 14:27.
Ich erkannte, daß der innere Friede überhaupt kein materieller Zustand ist. Welchen Frieden wir auch immer mit einer sterblichen, begrenzten Daseinsauffassung in Verbindung bringen, er ist nicht verläßlich. In Wissenschaft und Gesundheit heißt es dazu: „Der Mensch und sein Schöpfer stehen in der göttlichen Wissenschaft in Wechselbeziehung zueinander, und das wirkliche Bewußtsein weiß nur um die Dinge Gottes.“ Wissenschaft und Gesundheit, S. 276. In der Nacht, in der ich meine Arbeit schrieb, erlangte ich Frieden durch die Inspiration, die ich dadurch fand, daß ich allein die Gegenwart und Macht Gottes anerkannte. Ein derartiger Friede ist verläßlich und dauerhaft, weil er vom materiellen Sinn völlig unabhängig ist. Wir brauchen nicht zu warten, bis wir weniger beschäftigt sind oder eine Aufgabe erledigt haben, um diesen Frieden zu empfinden. Der innere Frieden ist eine tiefe Ruhe — die Zusicherung, daß Gott nahe ist, Alles ist, und zwar trotz des positiven oder negativen Sinnenzeugnisses. Dieser Friede bestimmt stets den wahren geistigen Zustand des Menschen, und in dem Maße, wie wir die Vorstellung aufgeben, wir seien von Gott getrennt, und unser wahres geistiges Wesen erkennen, werden wir in höherem Maße Frieden haben.
