Mein Lieblingsbild von Mary Baker Eddy ist ein Schnappschuss, den Calvin Frye 1903 machte. Er zeigt Eddy, wie sie in ihrem Arbeitszimmer zurückgelehnt in ihrem Armsessel sitzt, während das Licht durch die drei großen Fenster hereinflutet, die einen schönen Blick auf die von ihr so geliebten Hügel von Bow gewähren. Mit ihren gefalteten Händen locker im Schoß schaut sie John Lathrop, ihren Sekretär, an. Er steht ihr gegenüber am Schreibtisch, voller Respekt leicht vorgebeugt, mit einem Blatt Papier in der Hand. Auf der anderen Seite des Bildes sitzen Lida Fitzpatrick und Pamelia Leonard, zwei weitere Mitglieder des aufmerksam anblicken.
Das Zimmer auf dem Bild ist klein, auf viktorianische Art reichlich ausstaffiert, und hat eine feminine Note mit seinen Tüllgardinen und dem herzförmigen, von der Gardinenstange hängenden Ornament. Trotzdem ist es ganz offensichtlich das Arbeitszimmer einer Autorin. Der Stuhl, auf dem Eddy sitzt, ist dicht an den Schreibtisch gerückt, mit den Schreibfedern und Büchern und Papieren in greifbarer Nähe. Dicht am Fenster, doch immer noch in Reichweite, steht ein Bücherschrank voll von Akten. Dieses Arbeitszimmer gleich neben ihrem bescheiden eingerichteten Schlafzimmer ist der Raum, wo Mary Baker Eddy ihre Arbeit als erfolgreiche Berufsautorin verrichtete. Hier las sie, um mit den Weltereignissen auf dem Laufenden zu bleiben, schrieb Aufsätze für das Christian Science Journal, verfasste von der Presse erbetene Beiträge, las Korrektur und arbeitete unermüdlich an Wissenschaft und Gesundheit.
Doch dieser im Bild festgehaltene, sehr private Raum ist nicht nur Arbeitszimmer, sondern auch Büro. Denn Mary Baker Eddy, von spirituellem Eifer getrieben und von ihrem Haus aus über einer prosperierenden Kirche wachend, war ebenso Generaldirektorin, wie sie Autorin war. Fryes Kamera hat eine Frau auf Film gebannt, bemerkenswerterweise eine ältere Frau, die ganz klar in einer kleinen Besprechung mit Untergebenen den Vorsitz führt. Zwei jüngere Frauen und zwei Männer, einer hinter der Kamera, schauen auf diese ältere Frau und warten auf Anweisungen. Die Komposition dieses Schnappschusses zeigt, dass Frye selbstvergessen seine ganze Aufmerksamkeit der Führerin widmet, die buchstäblich und im übertragenden Sinn den Vorsitz hat.
Hier haben wir ein aus dem Leben in Pleasant View gegriffenes Bild. Als Eddy 1889 die Tagesgeschäfte der Bewegung aufgab und sich entschloss, in relativer Zurückgezogenheit leben, hörte sie jedoch nicht auf, ihre Rolle als Führerin der Christian Science Bewegung wahrzunehmen. Sie inspirierte ihre Anhänger, erarbeitete die langfristige Strategie und schlichtete die wichtigsten Meinungsverschiedenheiten. Sie verfolgte vor allem die neuesten Entwicklungen in der wachsenden jungen Kirche und wachte entschlossen darüber, dass die zunehmenden institutionellen Verpflichtungen und persönlichen Konflikte nicht die geistigen Ziele in den Hintergrund drängten.
Obwohl sich Eddy ihren Wohnsitz in Pleasant View vornehmlich als eine Stätte gedacht hatte, wo sie Zeit, Raum und Ruhe zum Beten, Denken, Schreiben und Lesen finden würde, war sie doch keine Pensionärin und hatte auch wenig Freizeit im heutigen Sinne. Fast täglich kamen Männer und Frauen mit dem Zug von Boston, um über die Aktivitäten der Bewegung zu berichten und ihre Zustimmung und ihren Rat einzuholen. Täglich erforderten Briefe geschäftlicher und persönlicher Art nicht nur ihre Aufmerksamkeit, sondern auch die Dienste einer Anzahl sehr fähiger männlicher Sekretäre. Somit war Mary Baker Eddys Haus in Pleasant View im Jahr 1903 das Zentrum eines modernen und höchst effizienten Kommunikationsnetzes. Indem sie die Kirchenangelegenheiten von ihrem abgeschiedenen Landsitz aus leitete, nahm sie die Telearbeitrevolution des späten 20. Jahrhunderts vorweg.
Dieses ständige Kommen und Gehen zwischen Concord in New Hampshire, Boston und den sich immer weiter ausbreitenden Christian Science Zweigkirchen bedeutete, dass Pleasant View nicht nur als Büro, Privathaus und Gutshof diente, sondern auch, wenn nötig, als Restaurant und Absteigequartier. Besucher mussten vom Bahnhof abgeholt und dorthin gebracht und auch verpflegt werden und blieben mitunter auf einem Sofa im Wohnzimmer über Nacht. In Fryes Foto sagt uns die Anwesenheit von Mrs. Fitzpatrick und Mrs. Leonard, dass Mary Baker Eddy gänzlich Herr im eigenen Haus war. Bei den Hausangestellten waren ihre Kenntnisse in der Haushaltsführung und Gutsverwaltung Legende. Sie kümmerte sich um die Tagesmahlzeiten, erkundigte sich danach, ob die Köchin mit dem Zimmermädchen auskam, achtete darauf, dass das Haus und die Scheune gestrichen waren, und hatte ein wachsames Auge auf das Getreide, das auf dem Feld hinter dem Haus reifte.
Mary Baker Eddys Büro/Arbeitszimmer in Pleasant View war klein, gemütlich und unprätentiös, doch für sie und die meisten Frauen ihrer Generation stellte es einen unglaublichen Luxus dar. Wie fast alle Autorinnen und Geschäftsfrauen im 19. Jahrhundert hatte Eddy lange Zeit kein eigenes Zimmer. Sie konnte nicht die Tür schließen, wenn sie ihre Gedanken sammeln wollte, hatte keinen Schreibtisch, auf dem sie ihre Papiere ausgebreitet liegen lassen konnte, und auch keinen Arbeitsplatz, den sie nach ihren Bedürfnissen einrichten konnte. Zu Eddys Zeiten hatten wohlhabende Männer gewöhnlich eine Bücherei, ein Arbeitszimmer oder ein Büro im Haus, und die Ehefrau, die Kinder und Schwestern durften dort nicht unaufgefordert eintreten. Das Schlafzimmer einer Frau war kaum jemals eine Zufluchtsstätte, wo sie nach Belieben arbeiten konnte, es sei denn, sie war Invalidin, was leider bei den berühmten viktorianischen Schriftstellerinnen Elizabeth Barrett, Christina Rossetti und Alice James der Fall war. Im Gegensatz zum Zimmer eines amerikanischen Teenagers unserer Zeit, das den Status eines Allerheiligsten genießt, glichen die Schlafzimmer im 19. Jahrhundert — selbst bei den Reichsten — drittklassigen Hotelzimmern von heute. Sie waren zu warm im Sommer, zu kalt im Winter, wurden von Putzfrauen überwacht und oft auch mit anderen geteilt. Privatkorrespondenz und Tagebücher, die in einem Schuhkarton oder in einer Kommode versteckt waren, wurden oft entdeckt und gelesen, wie aus so vielen zeitgenössischen Romanen hervorgeht. Im 19. Jahrhundert schrieben daher selbst Frauen der oberen Gesellschaftsschicht, wie etwa George Sand, spät in der Nacht bei Kerzenlicht oder an einem schmalen Schreibtisch im Wohnzimmer vor den Augen der Familie, der Dienerschaft und von Besuchern. Jane Austen beklagte sich, dass sie jedes Mal wenn jemand ins Wohnzimmer trat und sie um etwas bat, den Roman, an dem sie gerade schrieb, unter das Löschpapier schieben musste.
Weniger gutsituierte Schriftstellerinnen, besonders die verheirateten unter ihnen, schrieben in der Küche, wenn sie nicht den Pudding rühren oder die Kartoffeln schälen mussten. Die Romanautorin Elizabeth Gaskell, eine Freundin der Brontë-Schwestern, schrieb ihre ersten Bücher mit ihrem Kind auf dem Schoß oder nachts, wenn ihr Ehemann, ein Pfarrer, die letzten Dorfbewohner endlich nach Hause geschickt hatte und die zu Besuch weilenden Geistlichen im Bett waren. Catherine Beecher bot ihrer Schwester Harriet Beecher Stowe bekanntlich Hilfe im Haushalt an, damit diese ihr Buch Onkel Toms Hütte fertig schreiben konnte. Susan B. Anthony wusste, dass sie ihre talentierte Freundin Elizabeth Stanton besuchen und deren Haushalt mit den vielen Kindern versorgen musste, damit Elizabeth eine Ansprache oder einen Artikel abfassen konnte, den die Frauenbewegung brauchte. In späteren Jahren erinnerten sich die Kinder, wie sie in der Küche spielten, als die Frauenrechtsbewegung in den Anfängen steckte und ihre Mutter eifrig am Tisch schrieb und die großen Gegenwartsprobleme beim Kochen und ewigen Flicken ausdiskutiert wurden.
Diese Autorinnen hatten mit enormen häuslichen Hindernissen zu kämpfen, doch stellten sie eine privilegierte Minderheit dar. Zumindest hatten sie ein Dach über dem Kopf und einen Vater, Ehemann oder Bruder, der finanziellen und psychologischen Beistand leistete. Mary Baker Eddy war insofern ungewöhnlich, als sie der Mittelschicht entstammte, im späten mittleren Alter alleinstehend war und zu einer Zeit für sich selbst sorgen musste, als rechtliche und soziale Beschränkungen die Frauen weitgehend von beruflicher Arbeit fernhielten. Im Jahr 1866 war sie allein auf ihre innere Kraft und die ungewisse Barmherzigkeit ihrer Freunde angewiesen. Sie begann die Arbeit an ihrem Manuskript über das Erste Buch Mose, die Grundlage für alle ihre später veröffentlichten Werke, im Wohnzimmer anderer Frauen, in kalten Pensionszimmern oder gar auf einem Felsen am Meer sitzend, was ihr immer den Tadel und das Gerede der Leute einbrachte. Sie sehnte sich nach Ruhe und Frieden und war ständig gezwungen umzuziehen, wobei sie das ihr so teure Manuskript jedes Mal in ihre kleine Truhe steckte. Als sie 1870 in Lynn Zimmer mietete, war das ein riesiger Schritt voran, doch auch hier war sie dem Lärm der Leute um sie herum und den Gerüchen anderer Leute Mahlzeiten ausgesetzt.
Gegen Ende des Jahres 1875, im Alter von vierundfünfzig Jahren, schätzte sich Mary Glover glücklich. Wissenschaft und Gesundheit war jetzt in der Druckerei und vor allem war es ihr gelungen, die Anzahlung auf das Haus an der Broad Street 8 in Lynn, Massachusetts, zusammenzubekommen. Endlich hatte sie ein eigenes Zuhause. Eddy, wie sie seit Januar 1877 hieß, vermietete die meisten Zimmer, um die Hypothek zurückzahlen zu können, und behielt nur zwei Zimmer vorne im Haus für sich selbst, wo sie Patienten empfing und Versammlungen abhielt, und außerdem eine kleine Dachkammer mit einem Dachfenster. Hier hatte sie den Luxus, stundenlang in Ruhe arbeiten zu können, wobei sie nicht am Tisch saß, sondern charakteristischerweise auf ihrem alten, mit Rosshaar gepolsterten Schaukelstuhl. Dort schrieb sie mit einem Stück Pappe als Unterlage auf ihrem Schoß.
Wenn man das Haus an der Broad Street 8 (jetzt Nr. 12) heutzutage besucht, erhält man keinen richtigen Eindruck davon, wie der Haushalt zu Eddys Lebzeiten aussah. Das Haus ist größer, als es dem Besucher zuerst erscheint, doch kann man sich kaum vorstellen, dass Eddy hier sechs oder noch mehr Mieter aufnahm. Ruhe und Alleinsein gab es nur in beschränktem Maße. Morgens und abends herrschte auf der Treppe reger Verkehr, ständig klingelte jemand an der Tür und vor dem Haus rasselte die Straßenbahn, für die Anwohner ein bequemes Transportmittel. Als Mary Baker Eddy 1882 an der Columbus Avenue 569 in Boston ihr Massachusetts Metaphysical College einrichtete, wuchs damit ihr Haushalt und der Umfang ihrer häuslichen Sorgen und beruflichen Aktivitäten. Zuerst nahmen ihr Asa Gilbert Eddy und dann Calvin Frye soviel sie konnten von der Verwaltungsarbeit ab, doch musste Eddy immer noch ihren Pflichten als Vermieterin, Haushälterin und Buchführerin nachkommen. Außerdem hielt sie Vorträge und arbeitete als Lehrerin, Heilerin und Religionsführerin. „Man wird ganz verrückt vor Arbeit”, beklagte sie sich 1888 bei einer Freundin. Ihr College florierte und ihre Botschaft fand in breiten Kreisen Gehör, das Christian Science Journal gedieh unter ihrer redaktionellen Führung und die neu bearbeiteten Auflagen von Wissenschaft und Gesundheit liefen von der Druckerpresse, der Lärm im Flur, die Besucher vor der Haustür, die Bekannten, die darauf aus waren, sie auf der Straße anzusprechen — all das nahm ihre Zeit und Aufmerksamkeit in Anspruch. Gegen Ende des Jahres 1887 kaufte sie das elegante neue Haus an der Commonwealth Avenue 385 in Bostons Back Bay als persönlichen Wohnsitz, wo sie etwas Ruhe zu finden hoffte. Letzten Endes konnte sie jedoch erst mit ihrem Umzug nach Pleasant View 1892 zu einem häuslichen Arrangement kommen, bei dem sie bis in ihre späten achtziger Jahre aktiv und schöpferisch tätig blieb, trotz größter Anforderungen von Seiten der faszinierten Öffentlichkeit und der feindseligen Presse.
„Außer meiner Liebe zu Gott war ich meinem Zuhause am engsten in Liebe verbunden”, sagte Mary Baker Eddy einmal zu ihrem Haushalt, doch das Heim, das sie sich in Pleasant View geschaffen hatte, unterschied sich sehr von dem ihrer Kindheit in Bow, an das sie sich mit solch inniger Liebe erinnerte. Erstens war Pleasant View ihr eigenes Heim, nicht das ihres Vaters oder Ehemanns oder ihrer Schwester. Es war ein Haus, das sie ganz mit eigenem Geld bezahlt hatte. Für eine Frau von damals, die viele Hindernisse zu überwinden hatte, war das allein schon eine seltene Leistung, und es stellte eine ungewöhnliche persönliche Beziehung zu dem Haus her. Zweitens war das Haus auch ihr Arbeitsplatz — ihre Bibliothek, ihr Büro, der Hauptsitz einer Bewegung —, wo Arbeit und das persönliche Leben nahtlos ineinander übergingen. Nur wenige Frauen der damaligen oder selbst der heutigen Zeit genießen diese Verschmelzung von häuslicher Annehmlichkeit und beruflicher Produktivität. Letztlich war ihr Heim der traditionsgemäße „Mittelpunkt, wenn auch nicht die Grenze der Neigungen”, um Eddy zu zitieren (Wissenschaft und Gesundheit, S. 58). Es war der Sammelpunkt von Liebe, Vertrauen und Engagement inmitten eines sich nach innen und außen erstreckenden Netzwerkes herzlicher Beziehungen.
Dem Spruch „Daheim ist's am schönsten” hätten wohl die meisten Frauen des 19. Jahrhunderts von ganzem Herzen zugestimmt, auch Mary Baker Eddy. Sie hatte eine glückliche Kindheit gehabt und wurde von allen in der Familie geliebt — einer intakten Familie mit engen Bindungen und sozialem Engagement, die ihr Rückhalt gegeben und ihr das traditionelle Familienleben beschert hatte. Als Erwachsene war sie unermüdlich auf der Suche nach einem solchen Heim gewesen. Sie war jedoch dazu ausersehen, in gleichem Maße in die Zukunft wie in die Vergangenheit zu schauen, und ihr langes, bewegtes, arbeitsreiches, rastloses und erfolgreiches Leben gleicht in vieler Hinsicht eher dem Leben einer modernen amerikanischen Frau als der Mehrzahl ihrer Zeitgenossinnen. In dem Zuhause, das sie im Laufe der Jahre für sich, ihren Ehemann, ihre Schüler und ihre Freunde schuf, zeigte sie Ehrfurcht vor der Vergangenheit, erfand jedoch auch von neuem den Schnittpunkt von Heim und Arbeit einer Frau.
Außer einer Biografie von Mary Baker Eddy hat Dr. Gill auch Agatha Christie: The Woman and Her Mysteries geschrieben. Ihr jüngstes Buch, Nightingales, befasst sich neu mit dem Hintergrund von Florence Nightingales bemerkenswerter Familie.
