Anfang Oktober las ich in meiner Tageszeitung einen Bericht darüber, dass schon zu diesem frühen Zeitpunkt sehr viele Kunden in den Geschäften auf der Suche nach Weihnachtsgeschenken seien. Bei einer Blitzumfrage stellte sich heraus, dass sie dem „Weihnachtstrubel" entgehen wollten. Außerdem wollten sie sicherstellen, dass sie das, was sie verschenken wollen, auch tatsächlich (noch) bekommen würden. Etwas amüsiert schloss der Bericht mit der Frage, wie die bereits seit August (!) angebotenen Lebkuchen und Dominosteine im Dezember wohl schmecken würden.
Zuerst wollte ich schmunzelnd darüber hinweggehen, aber dann dachte ich, dass das Verhalten immerhin ein erster Schritt sein könnte, sich die Vorweihnachtszeit anders einzuteilen und dadurch vielleicht auch die Feiertage etwas ruhiger erleben zu können. Und mir fiel ein, dass auch ich mir vor darüber Gedanken gemacht hatte, ob man Weihnachten nicht anders — ohne diese ganze Hektik — feiern könnte.
Ich war zu der Zeit voll berufstätig und mir schien es so, als ob sich der ganz normale Alltagsstress mit Beruf, Haushalt, Familie, Freizeit und Freundeskreis in der Weihnachtszeit noch einmal verdoppelte. Jedes Jahr nahm ich mir vor: Diesmal machst du's anders. Aber Jahr für Jahr stellte ich fest, dass alles, was ich mir ausgedacht hatte, nie zu dem gewünschten Erfolg führte. Dann lernte ich die Christliche Wissenschaft kennen und ich erinnere mich, dass ich mir in der Vorweihnachtszeit ein wenig Zeit abgerungen hatte, um im Leseraum zu lesen. Auf einem Tisch lag das Büchlein „Was Weihnachten für mich bedeutet" von Mary Baker Eddy. Dieser Anblick rührte mich zutiefst an und ich wünschte mir so sehnsüchtig, einmal ein Weihnachtsfest zu erleben, an dem ich genug Zeit haben würde, einfach nur dazusitzen und in aller Stille in diesem Büchlein zu lesen.
In dem erwähnten Büchlein schreibt Mary Baker Eddy: „Geliebte Brüder, wieder einmal ist Weihnachten gekommen und verstrichen. Hat es uns befähigt, mehr von dem heilenden Christus zu erkennen, der von Krankheit und Sünde erlöst?" (S. 33)
Als ich diese Frage zum ersten Mal las, war ich sehr überrascht. Denn sie unterscheidet sich erheblich von dem, was wir normalerweise im Zusammenhang mit Weihnachten gefragt werden. Üblicherweise will man von uns wissen, wo und mit wem wir gefeiert und was wir gegessen haben — meistens auch noch, was wir geschenkt bekommen haben. Etwas kürzer gefasst wird zuweilen einfach nur gefragt: „Na, alles gut überstanden?" Auch für uns selbst mag im Rückblick diese Frage die wichtigste sein: Verliefen die Feiertage gut, also harmonisch? Und wenn ja, dann wenden wir uns — erschöpft, aber zufrieden — wieder dem normalen Leben zu. So jedenfalls war es, wie bereits erwähnt, früher auch bei mir. Bis ich ernsthaft darüber nachzudenken begann, wie man die Weihnachtstage verbringen müsste, damit man die Frage von Mrs. Eddy zufriedenstellend für sich selbst beantworten könnte.
Auf jeden Fall, dachte ich mir, müsste man freie Zeit einplanen. Denn man bräuchte ja Zeit: zum Nachdenken, zum Lesen und — ganz wichtig: zum Reflektieren. Wenn jedoch die Feiertage mit Aktivitäten ausgefüllt sind und selbst die Vorbereitungen einen schon Wochen vorher in Atem halten, dann dürfte es schwierig sein, Zeit zur Besinnung zu finden. Also bedarf es der ganz bewussten Entscheidung, diese Zeit mit einzuplanen.
Man könnte damit beginnen, sich ein paar Minuten der Stille zu gönnen, in denen man über die wahre Bedeutung von Weihnachten nachdenkt. Das könnte dann letztendlich zu der mentalen Ebene führen, auf der sich Mrs. Eddy befand, als sie diese Worte schrieb: „Ich liebe es, Weihnachten in der Stille ... zu begehen...“ und — sie fügt noch eine Erklärung hinzu, die ebenfalls für jeden von uns, auch und gerade heutzutage, ein wichtiger Hinweis sein kann: „Materielle Geschenke und Vergnügungen neigen dazu, die geistige Idee im Bewusstsein auszulöschen...“ (ebd. S. 12, 13).
In meiner Familie haben wir uns alle darauf geeinigt, dass nur noch die kleinen Kinder Weihnachtsgeschenke bekommen. Ich empfinde es inzwischen als ausgesprochen wohltuend, dass ich mich nicht mehr in diesen Einkaufsrummel stürzen muss. Dabei nehme ich es gerne in Kauf, dass auch ich selbst keine Geschenke mehr bekomme. Und dass ich auf die Frage „Was hast du geschenkt bekommen?“ mit „Nichts!“ antworten muss, was nicht selten einen mitleidigen Blick und ein erstauntes „Ach ...?” meines Gegenübers zur Folge hat. Denn dieser Verzicht auf die gegenseitigen Geschenke hat mir und der gesamten Familie im Gegenzug viel Zeit und Ruhe und Gelassenheit „geschenkt“.
Tatsächlich gewinnt man durch solche oder ähnliche Entscheidungen etwas von der Zeit, die nötig ist, um wirklich „besinnlich“ sein zu können. Laut Wahrig-Wörterbuch bedeutet das Wort „besinnlich" so viel wie „beschaulich" oder „nachdenklich“ — und für „beschaulich“ fand ich die synonyme Bedeutung „ruhig sinnend“. Mit anderen Worten, wenn wir uns ein „besinnliches Weihnachtsfest“ wünschen, geben wir eigentlich genau dieser Hoffnung Ausdruck, dass Zeit zum Nachdenken da sein und wir dadurch eine innere Ruhe finden mögen. Wenn wir das wirklich wollen, dann müssen wir etwas dafür tun: wir müssen uns, zumindest ein klein wenig, aus dem umtriebigen Weihnachtstrubel herauslösen. Dadurch könnten wir unsere Herzen für den „heilenden Christus“ öffnen.
Weltweit feiern die Christen die Geburt Jesu, die vor mehr als 2000 Jahren in Bethlehem geschah, und es ist durchaus ein erhebendes Gefühl, sich in diesem Gedanken mit vielen Millionen Menschen rund um den Erdball vereint zu wissen. Aber ist das alles? Eine religiöse Gedenkfeier? Für mich ist Weihnachten mehr. Nach meinem Verständnis ist durch die Geburt Jesu das Licht des Christus in die Welt gekommen und dieses Licht ist auch heute noch, für jeden von uns, gegenwärtig. Dieses Licht führte damals, in der Heiligen Nacht, die Hirten zu dem Stall, in dem das neugeborene Kindlein lag; es führte die Weisen aus dem Morgenland zur Krippe; es strahlte durch das ganze Erdenleben Jesu hindurch auf die Menschen; seine Jünger und Nachfolger haben es in die ganze Welt hinausgetragen; es leuchtete durch alle Zeiten hindurch weiter; und dieses immer-gegenwärtige Licht wärmt und tröstet und heilt — auch heute noch. So empfinde ich die Weihnachtsbotschaft.
Der Christus ist die Botschaft Gottes an die Menschen, und zwar an alle Menschen — nicht nur exklusiv an die Christen! Und die Botschaft Gottes ist Harmonie, Güte, Liebe — „Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens“. Die Menschen Seines Wohlgefallens, das sind alle diejenigen, die — und sei der Beitrag auch noch so gering — ein wenig mehr Güte und Liebe, Ruhe und Frieden in diese Welt bringen.
