Vor einiger Zeit gab es in einer süddeutschen Tageszeitung die Kolumne „Ein perfekter Tag“. Darin beschrieben Künstler ihren perfekten Tag — für den einen gehörte dazu eine frische Brezel, andere unternahmen Fantasiereisen und für andere war ein gewöhnlicher Tag ohne Überraschungen perfekt. jedes Mal, wenn ich diese Kolumne las, überlegte ich mir, wie ich mir einen perfekten Tag vorstelle.
Was heißt überhaupt „perfekt“? Laut Definition im Wahrig-Wörterbuch stammt es vom lateinischen „perfectus“, das „vollendet“ bedeutet; perfekt heißt „vollkommen“. Das Merriam-Webster Dictionary führt weiter aus, dass „perfekt“ bedeutet, völlig ohne Fehler zu sein, makellos und lupenrein, es bedeutet auch, alle Erfordernisse zu erfüllen, akkurat, exakt, getreu zu sein, einem idealen Standard zu entsprechen und das Original wahrhaftig wiederzugeben. Das ist für mich der Schlüssel zu einem perfekten Tag: Als Gottes Kind Seine Vollkommenheit einfach widerzuspiegeln, zu leben und damit auch zu erleben!
Jesus und der perfekte Tag
Ich musste an Jesus denken. Er war sich wie niemand sonst in jedem Augenblick bewusst, dass die geistige Ordnung vollkommen ist, dass die göttliche Liebe jedes Detail regiert und er sich dieser Führung absolut anvertrauen konnte. Wie mag ein Tag mit ihm ausgesehen haben? Was hatten seine Schüler im Alltag mit ihm erlebt? Johannes schreibt: „Es sind noch viele andere Dinge, die Jesus getan hat. Wenn aber eins nach dem andern aufgeschrieben werden sollte, so würde ... die Welt die Bücher nicht fassen, die zu schreiben wären“ (Kapitel 21). Einen Hinweis darauf, dass für alles, was sie benötigten, stets gesorgt war — oft auf unkonventionelle Weise — finde ich z. B. in der originellen Lösung des Problems, die Tempelsteuer zu bezahlen. Als die Steuereintreiber Petrus nach dem Tempelgroschen fragten, wies Jesus Petrus an, die Angel am See auszuwerfen und aus dem Maul des ersten anbeißenden Fisches das benötigte Zweigroschenstück zu nehmen und den Steuereintreibern zu geben (Matthäus 17). War das nun ein Wunder oder Zufall? Mary Baker Eddy schreibt zum Thema Wunder: „Das Wunder führt keine Unordnung ein, sondern es entfaltet die ursprüngliche Ordnung, es errichtet die Wissenschaft des unveränderlichen Gesetzes Gottes.“ (Wissenschaft und Gesundheit [WuG], S. 135) In der ursprünglichen Ordnung ist alles vollkommen, die göttliche Liebe kennt keinen Mangel, da sie unendliche Fülle bedeutet. Sind wir auf den ersten Blick mit Mangel konfrontiert — Mangel an Gesundheit, Geld, Ideen, Intelligenz oder Sicherheit —, müssen wir diesen Mangel als Anspruch, als Täuschung der Wirklichkeit erkennen. Wir können durch diese Ansprüche auf die allem Sein zugrunde liegenden Vollkommenheit hindurchsehen. Dann erfahren wir diese tatsächlich existierende Fülle auch auf der menschlichen Ebene.
Im Zusammenhang mit der Beschreibung eines vollkommenen Tages musste ich an einen Tag denken, an dem ich die umfassende, alles ordnende Fürsorge der göttlichen Liebe so intensiv erlebt hatte, dass dieser Tag für mich beispielhaft ist.
Morgens: überwundene Prüfungsangst
Ich war an diesem Morgen verzweifelt, weil noch eine Mathematik-Klausur zu schreiben war, um einen Schein für die Zulassung zu den Vordiplom-Prüfungen zu bekommen. Obwohl ich mich auch mit Gebet auf die Prüfung vorbereitet hatte, wurde ich die Angst nicht los, dass ich die Klausur nicht schaffen würde. Meine Eltern merkten, wie verzweifelt ich war. Mein Vater fuhr mich daher mit dem Auto zur S-Bahn. Im Auto erzählte er mir davon, wie ein Kirchenmitglied einmal bei ihm angerufen hatte, um ihn um gebetvolle Unterstützung zu bitten. Sie hatte sich dem Anschein nach schwer verletzt. Mein Vater schilderte mir, wie er beim Nachdenken über das geistige Sein des Menschen sehr greifbar und klar erkennen konnte, dass in Wirklichkeit alles vollkommen gut war. Tatsächlich rief die Dame daraufhin bei ihm an und teilte ihm mit, dass sie geheilt war. Die lebhafte Schilderung meines Vaters, wie er diese geistige Wirklichkeit gesehen und erlebt hatte, beeindruckte mich. Ich nahm selbst einen Schimmer von geistigem Frieden und wunderbarer Unendlichkeit der göttlichen Liebe wahr.
Sind wir auf den ersten Blick mit Mangel konfrontiert — Mangel an Gesundheit, Geld, Ideen, Intelligenz oder Sicherheit —, müssen wir diesen Mangel als Anspruch, als Täuschung der Wirklichkeit erkennen.
Als ich in der S-Bahn saß, wurde ich ganz ruhig. Mir wurde bewusst, dass so, wie mich die S-Bahn vor dem draußen prasselnden Regen beschützte, so umgab und beschützte mich Gott. Mir kam der Gedanke, dass Gott keine Zensuren kennt. Es ist für Liebe völlig unerheblich, ob auf dem Schein „bestanden“ oder „nicht bestanden“ stehen würde. Das hatte keinen Einfluss auf die Fürsorge für mich. Gott ist Liebe und Liebe hat nichts anderes als das Beste für mich vorbereitet. Wenn ich die Klausur nicht bestehen sollte und das Studium abbrechen müsste, würde Gottes Liebe mir einen anderen Weg zeigen, der besser für mich war. Ich konnte in diesem Moment mein persönliches Planen und Zweifeln abgeben und mich dieser allumfassenden Liebe anvertrauen. Beim Umsteigen in die Straßenbahn traf ich wie üblich einen meiner Freunde aus meiner Lerngruppe. Er brachte mich so richtig zum Lachen. Völlig gelöst nahmen wir unsere Plätze im Hörsaal ein. Ich war in Hochstimmung. Ich hatte überhaupt keine Angst mehr, sondern fühlte mich ganz geborgen in Gott und begann eine Aufgabe nach der anderen zu bearbeiten.
Beim Umsteigen in die Straßenbahn traf ich wie üblich einen meiner Freunde aus meiner Lerngruppe. Er brachte mich so richtig zum Lachen. Völlig gelöst nahmen wir unsere Plätze im Hörsaal ein. Ich war in Hochstimmung. Ich hatte überhaupt keine Angst mehr.
Mittags: verlorener und wiedergefundener Ohrring
Anschließend fuhren wir mit einer Gruppe zum Essen, um den Semester-Abschluss zu feiern. Nach dem Essen stellte ich bei einem Blick in den Spiegel im Waschraum fest, dass ich einen Ohrring verloren hatte. Ich schaute mich im Restaurant um, fand aber nichts. Da er nicht teuer gewesen war, war es kein großer Verlust. Ich überlegte noch, ob ich den anderen Ohrring abnehmen sollte. Da kam mir der Gedanke, dass Gott mein einziger Schmuck ist und es unerheblich war, ob ich mit nur einem Ohrring besser oder schlechter aussehen würde. Mein Schmuck waren Gottes Freude, Liebe und Güte, die ich mühelos widerspiegeln konnte. Ich ließ den anderen Ohrring hängen. Eine Freundin setzte meinen Bekannten und mich an einer Straßenbahnhaltestelle auf ihrem Weg ab. Wir mussten keine fünf Minuten warten, da kam schon die nächste Bahn, in die wir einsteigen konnten. An der nächsten Haltestelle stand eine ältere Dame auf, ging zur Tür, sah mich an und zog meinen verlorenen Ohrring aus der Tasche, während sie auf mich zuging. „Gehört der vielleicht Ihnen?“ Sie hatte bei ihrem Spaziergang den weißen Ohrring auf dem Uni-Parkplatz trotz des Schnees liegen sehen. Zuerst habe sie ihn gar nicht aufheben wollen, weil sie nicht wusste, was sie damit anfangen sollte. Dann dachte sie, dass sie ihrer Enkelin damit vielleicht eine Freude machen könnte. Wir waren beide sehr glücklich, dass wir uns hier getroffen und der Ohrring seinen Weg zu mir zurück gefunden hatte. Mein Bekannter meinte, dass das ja ein riesiger Zufall gewesen wäre. Aber, wie gesagt, bei Gott gibt es keine Zufälle, sondern nur Seine unfehlbare Leitung, die alles harmonisch zusammenwirken lässt. Ich war so dankbar für diesen großartigen Beweis der Fürsorge, die sich um so viele Details für einen rein äußerlich so wertlosen Gegenstand gekümmert hatte. Gott hatte die „richtigen“ Engelsgedanken an mich und die Dame geschickt und sich dann auch noch um das „richtige“ Timing, den „richtigen“ Straßenbahnwagen und die „richtige“ Sitzrichtung gekümmert. Und das alles für einen Modeschmuck-Ohrring. Und dabei wurde mir bewusst, dass es bei Gott eben kein „klein“ und „groß“ gibt, sondern nur Seine perfekte Ordnung.
Abends: Schutz im Straßenverkehr
Abends fuhr ich zu einer Geburtstagsfeier. Die Temperaturen lagen um den Gefrierpunkt und nach einer Viertelstunde begann es zu nieseln. Die Straßen verwandelten sich in spiegelglatte Rutschbahnen. Ich überlegte, was ich machen sollte. Sollte ich umdrehen oder eine Viertelstunde bis zu meinem Ziel weiterfahren? Nach den Erlebnissen des bisherigen Tages war ich so überzeugt davon, dass Gott für mich und alle Straßenteilnehmer sorgen würde, dass ich langsam und vorsichtig weiterfuhr. Ich hatte das Gefühl, dass dieser Tag gefeiert werden müsste und dass mich die Wetterverhältnisse nicht davon abhalten konnten. „Adhäsion, Kohäsion und Anziehungskraft sind Eigenschaften des Gemüts“, schreibt Mrs. Eddy (WuG, S. 124). Liebe würde mich und alle anderen auf der Spur halten. Ich kam an eine Ampel, das Auto vor mir drehte sich, ich hatte aber genügend Abstand zu diesem Wagen. Als ich bremste, rutschte ich allerdings auf die parkenden Autos am Straßenrand zu. Obwohl alles ganz schnell ging, hatte ich das Gefühl, alles in Zeitlupe zu sehen. Ich ging von der Bremse, lenkte gegen und kam Zentimeter von den Autos entfernt zum Stehen. Kurz darauf war ich dann auch sicher an meinem Ziel angekommen. Diese richtige Reaktion, von der Bremse zu gehen, hatte mir bis dahin niemand beigebracht. Ich wusste, dass ich in diesem Augenblick die Herrschaft des göttlichen Gemüts widergespiegelt hatte, die immer alles unter vollkommener Kontrolle hat.
Wir können uns jeden Morgen darauf einstellen und tiefe Freude darüber empfinden, dass Gott unser VaterMutter ist und wir Seine Kinder sind, die von Ihm jeden Augenblick geführt, geliebt und beschützt werden.
Egal ob es sich um ein benötigtes Zweigroschenstück, einen Modeschmuck-Ohrring, Prüfungen (die ich übrigens auch bestanden hatte), gefährliche Situationen oder einen anderen scheinbaren Mangel handelt — das unfehlbare Prinzip allen Seins erhält seine ursprüngliche Ordnung in jedem Detail harmonisch und lässt alle Ideen zu Seiner Verherrlichung zusammenwirken. Wir können uns jeden Morgen darauf einstellen und tiefe Freude darüber empfinden, dass Gott unser Vater-Mutter ist und wir Seine Kinder sind, die von Ihm jeden Augenblick geführt, geliebt und beschützt werden. So kann jeder von uns erleben, wie sich jede Einzelheit unseres Lebens harmonisch entfaltet und jeden Tag als perfekt erleben!
