Was nun, Perfektionismus oder Vollkommenheit?
Ich sage Ihnen, das ist eine interessante Sache. Seit längerem schreibe ich nun an diesem Artikel, aber zufrieden mit dem Ergebnis bin ich immer noch nicht. Bin ich auf den menschlichen Perfektionismus hereingefallen?
Eines ist klar: Ich habe nur drei Seiten dieser Zeitschrift zur Verfügung. Also kann ich von diesem sehr tiefen und breiten Thema nur einen kleinen Aspekt beleuchten. ja — das weiß ich und trotzdem möchte ich alles hineinpacken, Ihnen alle meine Gedanken und Erfahrungen zu diesem Thema berichten. Das ist ja grundsätzlich eine gute Einstellung — und doch, könnte es vielleicht sein, dass ich dabei meine Leichtigkeit und Großzügigkeit an den Perfektionismus verliere?
In Christian Science wird der Mensch als das vollkommene Kind, als vollkommene Idee des vollkommenen Schöpfers betrachtet. Ich gehe also davon aus, dass ich — so wie jeder Mensch und die gesamte Schöpfung — vollkommen erschaffen bin. Ist die richtige Schlussfolgerung daraus dann, dass ich immer perfekt sein muss? Dass ich keinen Fehler machen darf, dass meine Wohnung immer perfekt sauber und ordentlich, dass ich die perfekte Mutter und Ehefrau sein muss? Uff — so zu denken bringt mich ganz schön unter Druck. Muss ich also, wenn ich von der Vollkommenheit des Seins ausgehe, auch eine Perfektionistin sein?
Schauen wir uns den Begriff Perfektionismus genauer an. Mein Duden sagt dazu: „Perfektionismus ist das Streben nach äußerster Perfektion.“
Was also genau ist Perfektion im Gegensatz zur Vollkommenheit?
Ich sehe weiter im Duden nach: Hier ist Perfektion definiert mit Vollkommenheit.
Wenn Perfektion und Vollkommenheit das Gleiche sind, dann spare ich Ihre und meine Zeit, beende den Artikel, beginne sofort damit, meine Wohnung auf Hochglanz zu polieren und lese dabei Erziehungsbücher über die perfekte Kindererziehung, Kochbücher für das perfekte Dinner, Zeitschriften über die perfekte Geldanlage und das alles natürlich perfekt gestylt und mit einem perfekten Lächeln auf den Lippen ... und Ihnen wünsche ich noch den perfekten Tag und viel Freude dabei, in Ihrem Leben alles perfekt zu gestalten ... aber Halt!
Interessanterweise definiert mein Wörterbuch den Begriff Vollkommenheit in umgekehrter Weise nicht einfach mit Perfektion — was doch eigentlich logisch wäre, wenn die Begriffe wirklich exakt das Gleiche aussagen würden.
In der Umschreibung des Wortes Vollkommenheit wird der Begriff „Perfektion“ (zumindest in meinem Wörterbuch) nicht ein einziges Mal genannt. Vielmehr wird dort geschrieben von der Beschaffenheit einer Sache, die völlig ihrem Wesen und ihrem Zweck entspricht; von dem Seinszustand vollständiger Erfüllung und von der Übereinstimmung eines Gegenstandes mit seiner Idee.
Also gibt es doch einen Unterschied zwischen Perfektion und Vollkommenheit. Aber welchen nun?
Weil Gott die vollkommene Liebe ist, bin ich Sein vollkommen geliebtes Kind. Deshalb kann ich jeder Aufgabe mit dem Wissen entgegentreten, dass hinter allem die Vollkommenheit steht und entdeckt werden kann.
Auffallend ist die unterschiedliche Wirkung, die die beiden Begriffe bei mir hervorrufen. Was geschieht in mir, wenn ich sage: „Ich bin immer perfekt. Weil ich perfekt bin, mache ich keine Fehler“? Das ist hart. Es fühlt sich an wie Druck, wie ein Versuch, der eh nicht glücken kann. Wie ein Hinter-etwas-herrennen, das sowieso nicht realisierbar ist.
Nein, menschlicher Perfektionismus — egal in welchem Bereich des Lebens — ist nicht das, was befreit. Auch nicht das, was dazu beiträgt, eine Sache wirklich zu voranzubringen.
Lassen Sie es mich mit der anderen Aussage versuchen: „Ich bin vollkommen. Ich bin die vollkommene Idee eines vollkommenen Schöpfers. Weil Gott die vollkommene Liebe ist, bin ich Sein vollkommen geliebtes Kind. Deshalb kann ich jeder Aufgabe mit dem Wissen entgegentreten, dass hinter allem die Vollkommenheit steht und entdeckt werden kann.“
Diese Aussage macht mich völlig ruhig und gelassen. Und Ruhe und Gelassenheit sind doch die besten Voraussetzungen für Konzentration (die wiederum nötig ist, um eine Aufgabe ohne Fehler zu bewältigen), für das Lächeln bei der Arbeit und natürlich auch für die Erziehung der Kinder oder für einen guten Umgang mit Kunden und Kollegen.
Was also ist der Unterschied zwischen Perfektion und Vollkommenheit? So wie hier betrachtet, ist der Unterschied zwischen Perfektion und Vollkommenheit der Standpunkt, von dem aus eine Situation, ein Mensch betrachtet wird. Der Perfektionismus geht davon aus, einen eigentlich unvollkommen Menschen oder eine unvollkommene Situation perfekt machen zu wollen. Es ist ein Streben, ein Versuch, eine Bemühung. Wie mein Duden sagt, Perfektionismus ist das Streben nach äußerster Perfektion. Und wenn ich den Begriff Perfektion durch Vollkommenheit ersetze, dann ist Perfektionismus das Streben nach Vollkommenheit. Aber ist es überhaupt möglich, etwas von Beginn an Unvollkommenes vollkommen zu machen? Ist es nicht so, als würde man versuchen, etwas Sterbliches unsterblich zu machen?
Beim Denkansatz der Vollkommenheit folgere ich von einem Standpunkt aus, der die menschliche Wahrnehmung übersteigt — ja dieser Wahrnehmung oft sogar widerspricht. Ich folgere, dass trotz all der menschlichen Unzulänglichkeiten hinter — oder über allem — eine vollkommene Idee steht. Und, dass der Mensch, vom Standpunkt der Vollkommenheit aus betrachtet, mit dieser Idee — bereits jetzt — vollkommen übereinstimmt.
Wenn ich also nicht versuche, einen unvollkommenen Menschen perfekt zu machen, sondern als Grundvoraussetzung des Seins und trotz der sichtbaren menschlichen Wahrnehmung, die Vollkommenheit erkenne, anerkenne und bekräftige, resultiert daraus eine Atmosphäre, die die menschliche Perfektion im Grunde erst ermöglicht. Unproduktive Gefühle wie Hektik, Druck und überspannte Forderungen an sich und andere verschwinden und geben der inneren Ruhe, Gelassenheit und Großzügigkeit Raum. Diese entspannte innere Verfassung macht uns nicht nur glücklicher, sondern befähigt uns zu hervorragenden Leistung in allen Bereichen unseres Lebens.
Nehmen Sie den Standpunkt der Vollkommenheit ein, bevor Sie sich im Spiegel betrachten, bevor Sie eine Aufgabe anpacken, bevor Sie mit Ihren Kindern sprechen oder bevor Sie den Tag starten.
Sehen Sie sich selbst als vollkommenen Teil einer vollkommenen Schöpfung? Nein? Oder theoretisch ja, aber rein praktisch nicht? Dann probieren Sie den oben beschriebenen Wechsel des Standpunktes doch einfach einmal aus. Nehmen Sie den Standpunkt der Vollkommenheit ein, bevor Sie sich im Spiegel betrachten, bevor Sie eine Aufgabe anpacken, bevor Sie mit Ihren Kindern sprechen oder bevor Sie den Tag starten. Vielleicht ist hierzu ein bisschen Übung, ein bisschen Gedanken-Training und Disziplin nötig, aber dieser Einsatz lohnt sich. Doch fallen Sie bitte auch bei dieser Aufgabe nicht auf den Perfektionismus herein.
