„Wie bitte? Was fällt Ihnen ein?“
Das war meine Reaktion als Teenagerin, als ich in der Sonntagsschule von einer Satzungsbestimmung meiner Kirche – der Kirche Christi, Wissenschaftler, – erfuhr, die Kirchengründerin Mary Baker Eddy folgendermaßen festlegte: „Die Gebete in den Kirchen der Christlichen Wissenschaft sind insgesamt und ausschließlich für die Gemeinden darzubringen“ (Mary Baker Eddy, Handbuch der Mutterkirche, S. 42). Ich wollte selber entscheiden, wofür ich betete. Ich stand tatsächlich auf, ging aus der Sonntagsschule raus und wartete wütend auf dem Parkplatz auf meine Heimfahrt. Erst Jahre später dachte ich daran, dass die Sonntagsschule und Gottesdienste der Christlichen Wissenschaft (einschließlich der Zeugnisversammlungen am Mittwoch) in der Regel etwa eine Stunde dauern – ich kann also jede andere Stunde in meiner Woche nutzen, um für das zu beten, wofür ich mich entscheide. Aber an diesem speziellen Tag war ich außer mir vor Wut. Ich glaube, ich suchte nach einem Grund, die Kirche zu kritisieren. Zum Glück habe ich das überwunden.
In einem Sommer ein paar Jahre nach meinem „Aufstand“ war ich frühzeitig in einer großen Stadt angekommen, in der ich einen Kurs besuchen sollte, der für meine Zertifizierung als Lehrerin erforderlich war. Ich konnte noch nicht in meiner Unterkunft einchecken, also lief ich in meinen schlampigen Klamotten durch die Stadt. Schließlich fand ich mich vor einer Kirche Christi, Wissenschaftler, wieder. Es war kurz vor Beginn des Sonntagsgottesdienstes, und ein Ordner stand draußen auf der obersten Stufe und hieß alle willkommen. Ich sah ihn an und erwartete geradezu, dass er sich zu meinem Aussehen äußern würde. Meine Reaktion hatte ich parat: Wenn Sie nicht möchten, dass ich, so wie ich aussehe, am Gottesdienst teilnehme, dann will ich mit dieser Kirche nichts zu tun haben. Der Ordner ließ sich nicht beirren und bat mich herzlich und ohne weiteren Kommentar herein. Es stellte sich heraus, dass ich die Atmosphäre des Friedens, die ich an diesem Morgen im Gottesdienst spürte, gut gebrauchen konnte, und ich war sehr dankbar, dass ich als Besucherin willkommen war.
Während des Studiums hatte ich nur sporadisch an Gottesdiensten der Christlichen Wissenschaft teilgenommen, aber nach diesem Sommer und dem Gefühl echter Akzeptanz in dieser Zweigkirche kehrte ich in meine Heimatstadt zurück und bemühte mich, regelmäßig in die Kirche zu gehen, wobei ich eine Stunde pro Richtung zu den Gottesdiensten fuhr, bis ich einige Leute fand, die daran interessiert waren, eine Gruppe der Christlichen Wissenschaft in unserer Gegend zu gründen.
Seitdem bin ich Mitglied mehrerer Zweigkirchen der Christlichen Wissenschaft gewesen und habe mich gelegentlich nicht mit den Meinungen und Ansichten einiger Mitglieder im Einklang gefühlt. Einmal war ich sogar kurz davor, aus der Kirche auszutreten, doch die anderen Mitglieder überzeugten mich liebevoll davon, dass die Kirche mich brauchte, trotz meiner manchmal konträren Ansichten. Jemand verwies mich auf das Sprichwort: „Die richtige Idee zur falschen Zeit ist keine richtige Idee mehr“, was sich als wahr herausstellte, da einige meiner Vorschläge tatsächlich später angenommen wurden. Akzeptierte die Mehrheit der Mitglieder meine Vorschläge nicht, waren das für mich Gelegenheiten, mehr über Demut in der Kirchenarbeit zu lernen.
Ich liebe die gegenseitige Unterstützung und Liebe meiner Kirchenfamilie, auch wenn wir nicht immer einer Meinung sind. Unterm Strich bedeutet das: Wir lieben Gott sowie das, was die Christliche Wissenschaft uns über Gott und unsere Beziehung zu Ihm lehrt, wir erkennen den Wert von Kirche und wollen, dass sie sich entfaltet und ihre heilende Mission für die Menschheit erfüllt. Ich habe erkannt, dass ich alle im Kirchenhandbuch beschriebenen kirchlichen Aktivitäten unterstützen muss. Das bedeutet, nicht nur zu den Sonntagsgottesdiensten und den Mittwoch-Zeugnisversammlungen zu erscheinen, sondern mich auch daran zu beteiligen. Viele Teilnehmende sind durch die Gebete in einem Gottesdienst oder durch ein Heilungszeugnis in einer Mittwochabendversammlung geheilt worden.
Zurzeit brauchen wir die Kirche, und sie braucht uns! In einem Artikel des Herolds der Christlichen Wissenschaft mit dem Titel „Das Kirchenhandbuch“ heißt es: „Es ist für den Christlichen Wissenschaftler gegenwärtig am besten, dass es ihm nicht gestattet ist, getrennt von andern zu leben und zu wirken. Als Mitglied unserer Kirche lernt er manches, was er sonst nicht lernen würde, weil er über die selbstsüchtige Betrachtung seiner persönlichen Probleme emporgehoben wird und eine unpersönliche Sache selbstlos unterstützen lernt“ (Blanche Hersey Hogue, Februar 1917). Im weiteren Verlauf des Artikels spricht die Autorin von der Notwendigkeit, sich vor Gleichgültigkeit gegenüber der Kirchenorganisation zu hüten: „Gleichgültigkeit gegenüber der Kirche beweist, dass wir die Heilige Schrift und das Lehrbuch der Christlichen Wissenschaft [Wissenschaft und Gesundheit mit Schlüssel zur Heiligen Schrift von Mary Baker Eddy] zu schätzen glauben, uns aber weigern, die Vorschriften anzuerkennen, die uns ihre Lehren durch das Kirchenhandbuch auferlegen. Sich der Gemeinde anzuschließen und innerhalb derselben an seinem Ort zu bleiben, bedeutet nicht selten das Aufgeben von Bequemlichkeit und das Überwinden des Eigenwillens; aber es bringt zugleich Schutz, Sicherheit und das Anrecht auf Frieden.“
Das hat sich für mich bewahrheitet. Die enge Zusammenarbeit mit anderen in der Kirchenorganisation verlangt uns viel ab, öffnet aber die Tür für große Segnungen. Obwohl ich der Kirche manchmal gleichgültig gegenüberstand oder das Gefühl hatte, sie schon aufgegeben zu haben, bin ich dankbar, dass die Kirche mich nie aufgegeben hat!
