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Mehr Liebe auf einem kleinen Planeten (2. Teil)

Aus der Juni 1985-Ausgabe des Herolds der Christlichen Wissenschaft


Eine bekannte großstädtische Tageszeitung führt eine Spalte, in der Leser unter einem Pseudonym miteinander in Briefkontakt treten können; die Briefe werden unter der Rubrik „Vertrauliches Gespräch“ veröffentlicht. Manchmal schreiben sich Menschen jahrelang auf diese Weise Briefe, ohne den richtigen Namen des Briefpartners kennenzulernen.

„Arbutus“ und „Möwe“ hatten seit Jahrzehnten miteinander korrespondiert. Offensichtlich war ihr Interesse am Glück und Wohlergehen des anderen völlig selbstlos.

Eines Tages starb Arbutus’ Nachbarin. Obwohl sie Nachbarn waren, hatten sie sich kaum gekannt. Ihr Verhältnis zueinander war kühl und distanziert gewesen — das gerade Gegenteil zu den engen schwesterlichen Beziehungen zwischen Arbutus und Möwe.

Aber aus irgendeinem Grund half nun Arbutus bei der Auflösung des Haushaltes ihrer Nachbarin. Als sie einen Stoß loser Briefe zusammenpackte, sah sie zu ihrer Überraschung auf den Briefen ihre eigene Unterschrift — ihr Pseudonym „Arbutus“. Plötzlich — sie konnte es noch immer nicht glauben — ging es ihr auf, daß sie all die Jahre hindurch diese enge Beziehung zu ihrer Nachbarin mit dem Pseudonym „Möwe“ gehabt hatte!

Diese Geschichte ist wahr. Sie erinnert uns vielleicht an Augenblicke in unserem eigenen Leben, wo wir uns wünschten, wir hätten uns viel stärker darum bemüht, durch die äußere Erscheinung hindurchzuschauen und mehr zu lieben. Rein menschliche Vorstellungen davon, wen wir wohl lieben könnten, sind in der Regel irreführend. Was aber noch wichtiger ist: Menschliche Meinungen über andere gehen immer von einer falschen Grundlage aus. Die Botschaft, die Christi Jesu Nachfolger „von Anfang [gehört hatten], daß wir uns untereinander lieben sollen“  1. Joh. 3:11., war eine Botschaft ohne Wenn und Aber. Hier geht es nicht darum, daß wir zu klären suchen, ob es bestimmte Menschen wert seien, geliebt zu werden, sondern darum, daß wir jeden Menschen lieben.

Jesus sagte nicht, daß das leicht sei. Er sprach davon, daß wir Haß, Beleidigungen, Gehässigkeit und Manipulation begegnen würden. Aber er sagte: „Liebet eure Feinde; segnet, die euch fluchen; tut wohl denen, die euch hassen; bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen, auf daß ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel.“  Matth. 5:44, 45. Sind wir aber die Kinder des Vaters, so werden wir in Seine unendliche, unwandelbare Kundwerdung der Leibe eintreten und darauf ansprechen. Unausweichlich werden wir dann nicht nur für einige Menschen Liebe empfinden, sondern für alle.

Die Welt sieht natürlich das alles ganz anders. Sie meint, wir müßten zugeben — wollen wir realistisch sein —, daß ungleiche, miteinander im Streit lebende, uneinige Sterbliche die Erde bevölkerten, daß wir einige von ihnen liebten, die meisten aber nicht!

Es ist hilfreich, sich daran zu erinnern, daß Jesus den weltlichen Standpunkt verurteilte. Ja, er schrieb ihn dem Teufel oder dem einen Bösen zu, das Lügner und Lüge, zugleich ist. Er sagte, der sogenannte weltliche Realismus sei eine Lüge, die die Menschheit von dem großen Guten wegführe, das — wie er wußte — stets zur Hand war.

Die Christliche Wissenschaft
Christian Science (kr’istjən s’aiəns) erklärt, in welcher Hinsicht und warum der weltliche Standpunkt falsch ist. Sie hilft uns zu verstehen, daß antagonistische oder haßerfüllte Gefühle in Wirklichkeit keine Grundlage haben — ganz gleich, wie gerechtfertigt sie im Augenblick einer gegebenen menschlichen Situation auch zu sein scheinen. Sie haben niemals eine objektive Ursache oder Quelle. Sie sind immer das subjektive Ergebnis davon, daß wir den weltlichen Standpunkt einnehmen, anstatt den Christus, die Wahrheit, zu akzeptieren.

In dem Maße, wie wir gehorsam werden und das Gemüt haben, das in Christus Jesus war, nehmen wir nach und nach eine eine „andere“ Welt wahr — eine Welt mit „anderen“ Menschen, nein mit gleichen Menschen, nur haben wir dann eine bessere Auffassung von ihnen! Und je mehr Antipathie und Haß verebben, desto klarer erkennen wir liebevoll den Menschen, den wir lieben können — wir sehen mehr von Gottes Schöpfung und Seinem Menschen gerade dort, wo wir einen unangenehmen Sterblichen wahrgenommen hatten.

Mary Baker Eddy, die Entdeckerin und Gründerin der Christlichen Wissenschaft, schreibt in dem Artikel „Liebet Eure Feinde“: „Kannst du einen Feind sehen, es sei denn du formst ihn zuerst in deinem Denken und schaust dann auf den Gegenstand deines eigenen Begriffes? Was ist es, das dich kränkt? Kann denn Hohes oder Tiefes, oder irgendeine andere Kreatur dich scheiden von der Liebe, die das allgegenwärtige Gute ist — die unendlich segnet, einen und alle?“ Vermischte Schriften, S. 8.

Wie kann in unserem eigenen Leben und in der Welt mehr Liebe herrschen? Besteht die Antwort nicht darin, daß wir besser verstehen lernen müssen, was Liebe ist? Wir erreichen das nicht mit abstrakten Worten; wir müssen Jesu Gebot ernst nehmen und es buchstäblich befolgen — wir müssen einander lieben.

In dem Maße, wie wir dann geistig wachsen, lernen wir, daß Jesu Lehren über Liebe weit mehr sind als moralische Ermahnungen. Sie sind das natürliche Resultat seiner Kenntnis von der großen, allumfassenden Wirklichkeit der unendlichen Leibe, die der wirkliche Mensch beständig widerspiegelt. Er lehrte seine Nachfolger lieben, denn Liebe ist die unveränderliche Eigenschaft allen wahren Seins. Er trat dafür ein, daß alle Menschen einander lieben, denn er wußte, daß in Wahrheit niemand ein Feind ist. Der einzige Feind ist die Lüge, die den Menschen beharrlich als Sterblichen hinstellt, der entfremdet, uneinig, feindselig ist und sich fortwährend an seinem Nächsten versündigt, anstatt das Kind oder Ebenbild des allmächtigen Gottes zu sein, der Liebe ist. Selbst am Kreuz konnte Jesus für seine scheinbaren Feinde, die ihn dorthin gebracht hatten, um Vergebung bitten, „denn sie wissen nicht, was sie tun“  Luk. 23:34.. Er wußte, daß sie sich in einem hypnotischen Kreislauf von Uneinigkeit und Haß verfangen hatten und somit eher Opfer als Feinde waren. Er vergab, und er liebte.

Was Jesus lehrte, war nicht nur eine neue Moral, sondern eine neue Wirklichkeit. Wenn wir diese gegenwärtige geistige Wirklichkeit der Leibe besser verstehen, nimmt die Forderung an uns, daß wir in der menschlichen Erfahrung Liebe ausdrücken sollen, nicht etwa ab, sondern sie wird größer. Ja, wir können nicht wirklich verstehen, was Liebe ist, solange wir nicht Liebe demonstrieren. Verstehen wir sie aber, so wird in uns die Zuversicht gestärkt, daß Liebe die wissenschaftliche oder geistige Wirklichkeit ist, die unserem Leben zugrunde liegt. Mit diesem Verständnis werden wir immer sicherer, daß der Weg, den Jesus vor so langer Zeit wies, schon den Weg für die Zukunft offenbart hat — die unausweichliche Notwendigkeit für mehr Liebe auf diesem kleinen Planeten.

(1.Teil von „Mehr Liebe auf einem kleinen Planeten" erschien im Mai-Herold.)

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