Manchmal sind wir in einer so widrigen Situation, dass es unmöglich erscheint, mehr zu tun als mit aller Kraft einfach durchzuhalten. Doch wie können wir diese Zeiten dazu nutzen, Gott und unseren Mitmenschen zu dienen und in unserem geistigen Wachstum fortzuschreiten?
Die Geschichte von Josef im Alten Testament kann uns viel darüber vermitteln, Gott zu dienen, wenn die Dinge nicht gut laufen. Als der Lieblingssohn seines Vaters hatte Josef den Neid seiner Brüder auf sich gezogen, wurde von ihnen in die Sklaverei verkauft und kam später unschuldig ins Gefängnis. Doch letztendlich überwand er alle diese Schwierigkeiten, indem er in Demut verankert blieb. Er meisterte jede Situation, so ungerecht sie auch gewesen sein mochte, und erledigte jede noch so niedrige Aufgabe mit Sorgfalt und Integrität. Er tat alles zur Herrlichkeit Gottes und verkörperte die Art von Führung, die tausende Jahre später folgendermaßen in der Bibel beschrieben werden sollte (Kolosser 3:23): „Alles, was ihr tut, das tut von Herzen für den Herrn und nicht für Menschen.“
Ein ägyptischer Kämmerer, an den Josef verkauft worden war, „sah, dass der Herr mit ihm war; denn alles, was er tat, das ließ der Herr in seiner Hand gelingen“ (1. Mose 39:3), und übertrug ihm die Verantwortung für seinen gesamten Haushalt.
Gelingen ist die Übersetzung des hebräischen Wortes ṣalaḥ, das auch als vorankommen oder gedeihen verstanden werden kann. Doch Josefs Gelingen hatte nichts mit materiellem Gewinn zu tun. Er kam voran, weil er sich ganz an Gott hielt und seine Arbeit gut verrichtete, selbst nachdem er unschuldig ins Gefängnis geworfen worden war. Dort nutzte Josef sein klares geistiges Verständnis dazu, die Träume zweier Mithäftlinge zu deuten, und das führte zu einer Gelegenheit, einen Traum zu erklären, der dem ägyptischen König Angst machte.
Josef erklärte dem Pharao, dass sein Traum eine Warnung war: Es standen sieben Jahre guter Ernten gefolgt von sieben Jahren der Hungersnot bevor. Aus Dankbarkeit gab Pharao Josef freie Hand darin, Nahrungsmittel in den guten Erntejahren zu sammeln und dann während der Hungersnot zu verteilen. Als sich die Hungersnot ausbreitete, kamen Josefs Brüder nach Ägypten, um Nahrungsmittel einzukaufen. Ohne den geringsten Groll vergab Josef ihnen ihre Untaten ihm gegenüber und versicherte ihnen, dass Gott ihn dorthin gebracht hatte, um vielen Menschen das Leben zu retten.
Während all der schweren Jahre hatte es den Anschein, als würde Josef menschlichen Herren dienen, doch in Wahrheit diente er Gott die gesamte Zeit über demütig und ehrbar. Auch uns können unsere Vorhaben selbst in den schwierigsten Umständen gelingen, indem wir uns dafür entscheiden, uns nahe an Gott zu halten. Das tun wir, indem wir an der Wahrheit festhalten, dass wir, die nach Gottes Bild und Gleichnis erschaffenen Nachkommen, nie von Seiner Güte getrennt sein können. Wenn wir verstehen, dass Gott unser wahrer Arbeitgeber ist, werden wir mit Freuden arbeiten. Statt uns auf unsere Umstände oder die für eine Aufgabe erforderlichen Schritte zu konzentrieren, können wir Gott fragen, welche Eigenschaften am relevantesten sind, um alles erfolgreich zu tun. Diese Eigenschaften – die Gott reichhaltig in uns allen zum Ausdruck bringt – dann umzusetzen, ist eine Art und Weise, Ihn zu verherrlichen.
Wie Josef erhalten auch wir alle die Gelegenheit, andere zu segnen. Wenn jemand uns Unrecht tut, können wir die Wahl treffen, uns nicht von Bitterkeit vereinnahmen zu lassen, sondern uns darauf fokussieren, Gottes Willen zu tun.
Es gab vor Jahren eine Zeit in meinem Leben, die mir viel Übung und Befriedigung darin gab, Gott zu dienen, und mich gleichzeitig auf eine ganz neue Karriere vorbereitete. Nachdem ich meine Arbeit und meine Unterkunft verloren hatte, zog ich in ein Gebäude, in dem ich von Armut, psychischer Erkrankung und Gewalt umgeben war. Trotz all des Aufruhrs um mich herum hatte ich die Freiheit, viel Zeit mit Gebet zu verbringen, wodurch ich ein ruhiges, geordnetes Leben führen konnte. Die Meinungen anderer hielten mich nicht davon ab, in einer Umgebung zu bleiben, die sie als feindlich einschätzten, die aber meinen großen Bedarf an geistigem Wachstum deckte.
Da ich fern von Angehörigen und nahestehenden Personen war, erkannte ich, was für eine wundervolle Gelegenheit ich hatte, allein mit Gott zu sein. Ich war damals relativ neu in der Christlichen Wissenschaft und verbrachte viele Stunden in einem Leseraum der Christlichen Wissenschaft, wo ich in der Bibel und Wissenschaft und Gesundheit mit Schlüssel zur Heiligen Schrift von Mary Baker Eddy forschte. Mrs. Eddy beschreibt, wie sie drei Jahre von der Gesellschaft zurückgezogen lebte und in der Bibel forschte, um die Regeln des christlichen Heilens zu entdecken – zu lernen, so zu heilen wie Jesus. Sie drückt es so aus (S. 109): „Das Forschen war wohltuend, ruhevoll und von Hoffnung getragen, weder selbstsüchtig noch bedrückend.“
Wie sich herausstellte, lebte auch ich drei Jahre zurückgezogen von der Gesellschaft, und ich denke besonders gern an diese Zeit zurück. Ich verbrachte Zeit damit, in der Bibel und Wissenschaft und Gesundheit nach Führung und Unterstützung für meine nächsten Schritte im Dienste Gottes zu suchen. Zu Anfang hatte ich praktisch kein Geld und keine Aussicht auf Arbeit. Wie es so oft geschieht, wenn man gezwungen ist, sich vollständig auf Gott zu verlassen, wurde meine Angst in Freiheit umgewandelt, als ich verstand, dass materielle Dinge nie die Quelle meiner Sicherheit und meines Glücks sein konnten. Gott sorgte für jede Einzelheit, und so wurde mir schon bald eine vorübergehende Arbeit angeboten, die mir ein wöchentliches Einkommen garantierte.
Obwohl ich im Anschluss an meine Tätigkeit als Lehrerin wenige marktfähige Fertigkeiten hatte, entdeckte ich erschwingliche, gut erreichbare Fortbildungsmöglichkeiten. Da ich sehr damit beschäftigt war, auf der akademischen und geistigen Ebene neue Dinge zu lernen, hatte ich keine Zeit für Bitterkeit und Selbstmitleid.
Zuerst forderte mir die befristete Arbeit nur wenig ab, doch da ich bestrebt war, jede Aufgabe gut zu erledigen, öffneten sich mir neue Gelegenheiten, mehr Fertigkeiten zu nutzen. Ich lernte, Gott, meinem wahren Arbeitgeber, zu dienen, und war sehr dankbar, mehr Verantwortung übertragen zu bekommen. Statt meine nächsten Schritte zu planen, wusste ich, dass ich Gottes Plan des Fortschritts vertrauen konnte, wie ein sehr geliebtes Lied uns versichert:
Kein Menschenmund hat je erklärt,
noch hat ein Auge je geschaut,
was Gott für den bereitet hat,
der Seiner Liebe stets vertraut.
(Elizabeth C. Adams, Liederbuch der Christlichen Wissenschaft, Nr. 188, Text und Übers. © CSBD)
Der Höhepunkt dieser heiligen Erfahrung war Elementarunterricht in der Christlichen Wissenschaft (ein zweiwöchiger Kurs, der Heilung durch Gebet lehrt); ich konnte die Verbindung zu meiner Familie wiederherstellen, in einer anderen Stadt einen Neuanfang machen und eine noch erfüllendere Laufbahn beginnen als ich mir je hätte vorstellen können. Das ist jetzt mehrere Jahrzehnte her, und ich diene weiterhin Gott und erlebe geistiges Wachstum.
Sie und ich werden hier und jetzt benötigt, um Gott zu dienen. Dabei ist es unerheblich, was in der Vergangenheit passiert ist oder sich jetzt zuträgt. Gott offenbart uns unsere nächsten Schritte darin, demütig und freudig auf eine Weise zu dienen, die alle segnet.
