Nicht wenige sind der Ansicht, daß es sehr begehrenswert und ein Zeichen der Würde für den menschlichen Charakter sei, menschliche Willenskraft zu besitzen und auszuüben. Ziehen wir aber in Betracht, daß diese sterbliche Eigenschaft die treibende Kraft zu allem Bösen, die Wurzel aller Sünde, alles Verbrechens und mannigfacher Widerwärtigkeiten ist, so dürfen wir uns wohl fragen: Ist es berechtigt, den menschlichen Willen überhaupt so hoch anzuschlagen? Wenn wir wahrnehmen, wie leicht diese angebliche Kraft oft falsch angewandt wird und das Familienleben, die Gesundheit, den Erfolg im Geschäft, den Seelenfrieden geradezu zugrunde richtet und sogar Völker schwächt, fragen wir wieder: Wäre es nicht weiser, wenn alle den während der immer wiederkehrenden Weihnachtszeit zum mindesten gefühlsmäßig so hochgepriesenen Geist des Wohlwollens pflegten und mehr anwendeten? Ohne Zweifel wären viele wirklich froh, wenn sie die begrenzte persönliche oder magnetische Willenskraft aufgeben und allumfassendes und unbegrenztes Wohlwollen bekunden könnten, wenn sie nur wüßten wie.
Alle Christen kennen den erhabenen Gesang der himmlischen Heerscharen, die in der ersten Nacht unserer jetzigen Zeitrechnung die Geburt Jesu verkündigten: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!” Selbst diejenigen, die sich nicht so eingehend mit den Evangelien im Neuen Testament befaßt haben, wissen gut, daß der Meister diesen wunderbaren Gesang später lebte, lehrte und bewies. Aber erkennen die Christen genügend, daß der Gründer des Christentums erwartete, daß seine Nachfolger die Lehre seines Evangeliums des Friedens und Wohlwollens so weiterführen, wie er sie lehrte und lebte?
Sicher würden diejenigen, die heute nach dem Frieden trachten, die mächtige Wirksamkeit des göttlichen Wohlwollens immer mehr beweisen, wenn sie erkennten, daß der Christus, den Jesus lehrte und bewies, die heilende Wahrheit ist, daß die Wahrheit der einzige Erretter von allem Irrtum ist, und daß Jesu Nachfolger die errettende Kraft dieses einen Erretters dadurch beweisen können, daß sie sich und andere von Krankheit und Sünde heilen. Dann würde Übelwollen unter Menschen und Völkern rascher verschwinden, und Wohlwollen hätte seinen rechtmäßigen Platz im menschlichen Bewußtsein.
Die Christliche Wissenschaft lehrt die Umwandlung des menschlichen Willens durch Christus, die Wahrheit. Paulus schreibt in seinem Briefe an die Römer: „Verändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, auf daß ihr prüfen möget, welches da sei der gute, wohlgefällige und vollkommene Gotteswille”. Dieser Wille war zweifellos das Wohlwollen, das Christus Jesus lehrte und lebte. Die Christliche Wissenschaft lehrt heute denselben himmlischen Willen, und ihre Entdeckerin und Gründerin Mary Baker Eddy legt wiederholt den Unterschied dar zwischen menschlichem Willen und göttlichem Wollen, der Weisheit Gottes. In „Wissenschaft und Gesundheit mit Schlüssel zur Heiligen Schrift” (S. 144): schreibt sie klar: „Menschliche Willenskraft ist nicht Wissenschaft. Der menschliche Wille gehört den sogenannten materiellen Sinnen an, und sein Gebrauch ist zu verurteilen. Wenn man die Kranken durch die Anwendung der Willenskraft zu heilen sucht, so ist das nicht die metaphysische Betätigung der Christlichen Wissenschaft, sondern bloßer tierischer Magnetismus”. Und einige Zeilen weiter unten fährt sie fort: „Wahrheit und nicht der körperliche Wille ist die göttliche Kraft, die zur Krankheit sagt: ‚Schweig und verstumme‘”.
Es muß also in der Christlichen Wissenschaft erkannt werden, daß die wahre heilende Kraft oder Willensäußerung sich in Christus, der Wahrheit, der wahren Idee Gottes, dem Guten, bekundet. Dies ist der gute Wille, der die Menschen heilt und schließlich die Völker heilen wird, indem er Rassenhaß, Völkerzwist und allen Krieg abschafft und so den in jener sternenhellen Nacht der Gnade und Herrlichkeit in Bethlehem vernommenen Gesang weitgehend erfüllt: „Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen”.
In der Offenbarung lesen wir, was zu Johannes als ein lauterer Strom „von dem Stuhl Gottes” kam, und mit ihm das „Holz des Lebens”, dessen Blätter „zu der Gesundheit der Heiden dienten”. Die Christliche Wissenschaft offenbart, daß dieses „Holz des Lebens” das göttliche Prinzip versinnbildlicht, den alleinigen Schöpfer des geistigen Weltalls und des Menschen, die schöpferische Wahrheit, die in Christus vollständig zum Ausdruck kommt. Da also Christus alles bestehende Wohlwollen in sich schließt, so kann wahre Eintracht unter den Völkern nur dadurch zustande kommen, daß dieses stets wohlwollende und Frieden stiftende göttliche Prinzip und sein Christus recht verstanden werden.
Die Heilung der Völker von ihrem irrigen, falschen Denken und ihren Mißverständnissen wird sicher kommen, wenn die Menschen, aus denen die Völker bestehen, Vorurteil, Stolz, Übelwollen und weltliches Kriegführen aufgeben und sich „die Blätter des Holzes” zunutze machen, die lebendigen Kundgebungen des göttlichen Prinzips, der Liebe, deren Kraft immer in Wohlwollen und Weisheit zum Ausdruck kommt. Möge doch eingesehen und nie vergessen werden, daß in dem Gesang von Bethlehem Ehre, Friede und Wohlwollen zusammenklingen werden, und daß Friede und Freude die sicheren Ergebnisse frohen Lobpreisens Gottes und der Betätigung des Wohlwollens gegen alle Menschen sind!
Die Christliche Wissenschaft heilt also durch allumfassendes Wohlwollen, Gottes liebreiche Güte, nicht nur den einzelnen Menschen leiblich und seelisch von seinen Krankheiten und Sünden, sondern sie legt auch unter den Völkern der Welt den Grund zu rechten Gefühlen und gegenseitiger Rücksichtnahme und beseitigt dadurch Mißverständnis, Wetteifer, Haß und Eifersucht. Durch das Wohlwollen der Christlichen Wissenschaft kann die Wahrheit zu diesen Widerwärtigkeiten sagen: „Schweig und verstumme”. Dies geschieht heute in gewissem Maße durch die vielen Menschen, die erkennen, daß Weisheit das wahre Wohlwollen ist, die durch Christus, die Wahrheit, immer mehr umgewandelt werden und somit rein persönlichen Willen aufgeben. Da sie sich in ihrem Wollen gern von der Wahrheit leiten lassen, fördern sie den allgemeinen Fortschritt. Sie finden, daß ihnen die Christliche Wissenschaft bei dieser inneren Umwandlung hilft; denn wenn die Wahrheit das menschliche Urteil und Handeln leitet, unterwirft sich der sogenannte menschliche Wille der Weisheit, und das allumfassende Gute wird in gewissem Maße bewiesen. Mrs. Eddy schreibt hierüber in Wissenschaft und Gesundheit (S. 206): „Die Kraft des menschlichen Willens sollte nur in Unterordnung unter die Wahrheit ausgeübt werden, sonst wird sie das Urteil irreführen und die niederen Triebe entfesseln. Dem geistigen Sinn steht es zu, den Menschen zu regieren”.
Da der aufrichtige Christliche Wissenschafter entdeckt, wie unzuverlässig und zügellos persönlicher menschlicher Wille sein kann, was für einen unerwünschten und sogar gefährlichen Einfluß er im Leben eines Menschen ausüben kann, läßt er seinen sogenannten Willen von der Wahrheit leiten. So kann er recht geführt werden in seinem Bemühen, Freiheit zu erlangen und seinen Brüdern zu helfen, mehr Frieden und Wohlwollen zu genießen. Ein durch diese Wissenschaft des Christentums erleuchtetes ehrliches Herz kann immer singen:
„Meine Zeit steht, Herr, bei dir:
All mein Wollen du regier’!
Was mir heiß den Sinn bewegt,
Sei dir an das Herz gelegt!”
Durch solch williges Umgestalten erlebt der Schüler dieser Wissenschaft die Erfüllung der Weissagung:
„Jahre kommen, Jahre geh'n,
Herr, dein Wille soll gescheh'n!”
Bei solchem Fortschritt wird es Christlichen Wissenschaftern immer klarer, daß Gottes allumfassender gute Wille geschehen ist; und durch das beständige Bewußtsein, daß dieser Wille allerhaben ist, läutern sie fortwährend den falschen Eigenwillen oder die eigene Triebkraft. Dadurch helfen sie nicht allein ihrer unmittelbaren Umgebung, sondern fördern auch tatsächlich ein Werk, das in seinem Teile ebenfalls zum Frieden und Wohlwollen unter den Völkern beiträgt. In Sanftmut und rechtem Verlangen sehen sie jetzt die Frucht der geistigen Tatsache, die Mrs. Eddy in „The First Church of Christ, Scientist, and Miscellany” (S. 201) dargelegt hat: „Der Satan ist nur für kurze Zeit losgelassen, wie der Offenbarer voraussah, und jetzt und immerdar sind Liebe und Wohlwollen gegen den Menschen, lieblicher als ein Szepter, auf den Thron erhoben”.
Es gibt in der Welt Gemüter, die die Gabe haben, überall Freude zu finden und Freude zu hinterlassen, wohin sie kommen. ... Es scheint, als ob ein Hauch der göttlichen Gabe in sie hineingeströmt wäre. Sie spenden Licht, ohne scheinen zu wollen. Diese leuchtenden Herzen haben eine große Arbeit für Gott zu tun.—
