Es gibt in den menschlichen Beziehungen Wohl kaum etwas Schöneres als aufrichtige und treue Freundschaften. Häufig entstehen sie in der Kindheit und reifen und wachsen während der Schuljahre zu bleibenden und schönen Verbindungen heran. Auch spätere Jahre können noch weitere Gelegenheiten bieten, vielen anderen Leuten echte Freundlichkeit zu erweisen.
Es ist vielleicht von Nutzen, in diesem Zusammenhange zu bemerken, daß das Wort „Freund” von einem altgermanischen Wort abgeleitet ist, das „lieben” bedeutet. Und ein Wörterbuch bezeichnet einen Freund als „jemand, der für einen andern solche Wertschätzung, Hochachtung und Zuneigung hegt, daß er dessen Gesellschaft und Wohlergehen sucht”. Demnach schließt dauernde Freundschaft gegenseitige Verpflichtungen in sich. Wollen wir gegen uns und andere gerecht sein, so müssen wir diese gegenseitigen Verpflichtungen im Lichte der Christlichen Wissenschaft betrachten.
Die Bibel enthält herrliche Beispiele erhabener Freundschaften, die mit obiger Begriffsbestimmung geistig übereinstimmen. Beachtenswert ist die Freundschaft zwischen Ruth und Naemi. Dadurch, daß Ruth mit ihrer Schwiegermutter nach Bethlehem zurückkehrte und jene denkwürdige Erklärung der Treue äußerte: „Wo du hin gehst, da will ich auch hin gehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott", bewies sie ihre Stand-haftigkeit als Freundin; und „Freundin” ist die ursprüngliche Bedeutung jenes Ramens im Althebräischen. An Jonathan und David wird man stets als an zwei treue Freunde denken; heißt es doch im ersten Buch Samuel, daß „sich das Herz Jonathans mit dem Herzen Davids verband".
Jesus, der beste Freund der Menschen, muß auf die Freundschaft des Lazarus von Bethanien und seiner beiden Schwestern Maria und Martha großen Wert gelegt haben; denn wir lesen, daß er Lazarus „unsern Freund” nannte. Aus wahrer Freundschaftlichkeit ließ Jesus zu, daß Johannes, der Jünger, den er liebhatte, an seiner Brust lag, und übertrug ihm bei der Kreuzigung das Vorrecht für seine Mutter zu sorgen.
Da Freundschaft im menschlichen Leben eine so wichtige Rolle spielt, ist es notwendig, daß wir bei der Bildung solcher Verbindungen während unserer Schuljahre Vorsicht und Weisheit üben. Hier können wir das in der Christlichen Wissenschaft Gelernte dadurch praktisch verwerten, daß wir Neigungen aufdecken, die unser geistiges Wachstum hemmend beeinflussen würden. Liebreiche Christliche Wissenschafter müssen bei der Wahl ihrer Freundschaften unterscheiden; denn schönes Aussehen und feines Benehmen sind nicht unbedingt Zeichen eines edlen Wesens.
Es mag sich die Frage erheben: Wie Kann man zwischen rechten und falschen Beziehungen unterscheiden, wenn man keinen klaren Anhaltspunkt dafür hat, daß das, was recht ist, nicht vorhanden ist? Die Antwort ist in „Wissenschaft und Gesundheit mit Schlüssel zur Heiligen Schrift” von Mary Baker Eddy, der Entdeckerin und Gründerin der Christlichen Wissenschaft, zu finden. Eine passende Stelle, über die man oft nachdenken sollte, befindet sich auf Seite 449, Zeile 23-34. Von besonderer Bedeutung für diese Frage ist der darin enthaltene Satz: „Der erste Eindruck auf ein Gemüt, das sich je nach dem persönlichen Wert oder Unwert angezogen oder abgestoßen fühlt, ist ein gutes Entdeckungsmittel für den individuellen Charakter”.
Ein solches geistiges Erschauen oder Wahrnehmen, das in der Bibel das „stille, sanfte Sausen” genannt wird, ist eine Engelsbotschaft von der göttlichen Liebe, die uns das persönliche Sinnenzeugnis beiseitesetzen und an seiner Stelle nur das pflegen heißt, was die Zuneigungen dauernd befriedigt und zu unserem Fortschritt beiträgt. Die Fähigkeit, geistig zu unterscheiden, sollte schon in der Kindheit bewußt gepflegt werden, und die Größe dieser Fähigkeit steht im Verhältnis zu unserer Geistigkeit, wie unsere Führerin in Wissenschaft und Gesundheit 94:29-22 zeigt.
Werden wir durch die Umstände oder während unserer Schuljahre in Gesellschaften hineingezogen, die mit unserem Verständnis des Guten nicht übereinstimmen, so können wir uns sofort von ihnen zurückziehen und ohne einen Blick rückwärts von neuem beginnen. Diesen Schritt in der Richtung zu Gott, dem Guten, braucht keine Seelenpein zu begleiten, und kein schmerzliches Gefühl des Verlassenseins braucht das Denken zu beunruhigen. Denn die göttliche Liebe erfüllt mit ihren richtigen Ideen allen Raum. Wenn wir uns gehorsam von allem loslösen, was vom göttlichen Prinzip abweicht, werden wir finden, daß die scheinbare Leere von geistig Richtigen und wahrhaft Befriedigenden übervoll ist. Dann werden sich gegenseitig erhebende Freundschaftsbezeugungen in unserem Leben bekunden.
Ein Christlicher Wissenschafter braucht nie die Folgen einer Stellungnahme auf der Seite Gottes zu fürchten. Eine solche Stellungnahme mag Neid oder Spott hervorrufen, wird aber letzten Ender Achtung einflößen. Die Schutzwehr jedes Menschen, der das Gute widerspiegelt, ist Gottes Allheit, Seine überall gleiche Gegenwart. Suchen wir das Gute unseres Mitmenschen, so entstehen Freundschaften, die gegenseitig zu Wachstum und Glück beitragen.
