Eine Schülerin der Christlichen Wissenschaft fand eines Tages, daß sie eine ihr bekannte Person, die ihrer Ansicht nach gedankenlos gehandelt hatte, tadeln wollte. Sie ließ sich von der Tadelsucht vollständig so lang beherrschen, bis sie den Ausspruch getan hatte, daß sie die Person nie habe leiden können, und daß diese genau so gehandelt habe, wie es nicht anders zu erwarten war.
Über ihren unfreundlichen Schluß bestürzt begann die Schülerin mit sich selber ins Gericht zu gehen. Als sie dann anstatt auf die Stimme des Irrtums auf die Stimme der Wahrheit horchte, erinnerte sie sich der Mahnung des Psalmisten: „Preiset ... den Herrn”. Sie kannte den Vers; aber sooft sie ihn gelesen hatte oder hatte lesen hören, schien er ihr nichts anderes zu bedeuten, als daß man den Herrn preisen soll. Nun sah sie ganz klar, daß uns der Psalmist ermahnte, nur das Gute anzuerkennen. Hatte sie nur das Gute gesehen, als sie über die unerfreulichen Züge eines andern nachgedacht hatte? Pries sie Gott, als sie jemand als eine unliebenswürdige Person ansah, die unvermeidlich unschön handeln würde?
Dankbar für die zu ihr sprechende Stimme Gottes begann die Schülerin, die Gedanken des Widerwillens durch freundliche Gedanken zu ersetzen. Sie wußte, daß die betreffende Person seit Jahren eine große, ihres Erachtens sehr schwer zu ertragende Last geduldig und ohne zu klagen trug. Die Schülerin erkannte, daß ihre eigene Ansicht der Berichtigung bedurfte, und sie fühlte sich durch die nun in ihr Bewußtsein einströmenden gottgegebenen Gedanken geläutert. Bei dem Läuterungsvorgang kamen ihr Jesu Worte aus seiner wunderbaren Bergpredigt in den Sinn: „Selig sind, die reines Herzens sind; denn sie werden Gott schauen”.
Das endliche sogenannte menschliche Gemüt betrachtet die Dinge auf endliche Art. Der dadurch Irregeführte findet Befriedigung, wenn er die Fehler anderer vergrößert, wodurch seine eigenen im Vergleich weniger auffallend erscheinen. Auch hält er es für zulässig, persönliche Neigungen oder Abneigungen zu hegen, den einen freundlich, den anderen unfreundlich gesinnt zu sein. Aber das fleischliche Gemüt muß dem Gemüt weichen, das in „Jesus Christus auch war”. Mrs. Eddy schreibt kurz und bündig (Wissenschaft und Gesundheit, S. 476, 477): „Jesus sah in der Wissenschaft den vollkommenen Menschen, der ihm da erschien, wo den Sterblichen der sündige, sterbliche Mensch erscheint. In diesem vollkommenen Menschen sah der Heiland Gottes eigenes Gleichnis, und diese korrekte Anschauung vom Menschen heilte die Kranken”. Auf diese Art pries Jesus wahrhaft den Herrn; auf diese Art heilte er die Kranken und die Sünder und weckte die Toten auf.
Das Alte Testament enthält viele dringende Gebote, Gott, dem Guten, alle Größe zuzuschreiben. Dies kann nur geschehen, wenn wir gleichzeitig die Größe, die Vollkommenheit der Idee Gottes, des Menschen, anerkennen. Unsern Begriff vom Menschen erhöhen, bis wir ihn als vollkommen, als das Ebenbild des vollkommenen Gottes sehen, erfordert unablässige, ausdauernde, gespannte Anstrengung. Das heißt Gedanken des Tadels, des Neides, des Vorurteils, des Mißtrauens, der Bosheit durch Gedanken der Freundlichkeit, der Selbstlosigkeit, der Duldsamkeit, des Vertrauens und der Liebe ersetzen. Es heißt den Irrtum, ob er Sünde oder Krankheit heiße, von unserem Denken über die Person trennen. Um den Herrn wahrhaft zu preisen — nur das Gute zu sehen — dürfen wir einen kranken oder sündigen Menschen nie als wirklich ansehen. Wenn wir nur dem Menschen Gottes Wirklichkeit zuschreiben, müssen wir zugeben, daß der gegenteilige sogenannte sterbliche Mensch, für den die falschen materiellen Sinne zeugen, unwirklich ist. Es ist eine offenkundige Unmöglichkeit, das Unwirkliche zu sehen.
Welche Bedeutung sollten wir dann den getäuschten Sinnen, die für einen kranken und sündigen Menschen zeugen, beimessen? Wahrlich keine. Die fünf materiellen Sinne haben sich noch nie als vertrauenswürdig erwiesen. Sie haben für eine Luftspiegelung gezeugt, für Wasser und schimmernde Türme in der Wüste, wenn die Vernunft uns sagt, daß sich dort weder Wasser noch eine Stadt befindet. Diese Sinne bezeugen, daß gleichlaufende Linien in der Ferne zusammenlaufen, wenn sie tatsächlich gleich weit entfernt bleiben.
Sollen wir, wenn dieselben Sinne im Gegensatz zum Beweis der geistigen Sinne für einen kranken und sündigen Menschen zeugen, das irrige Zeugnis als wahr annehmen? Sollen wir, wenn diese Sinne im Gegensatz sowohl dazu, was Jesus lehrte und bewies, als auch dazu, was die Propheten vor ihm erklärten, darauf bestehen, daß es außer der einen und einzigen Macht, Gott, noch eine von Ihm getrennte Macht gebe, diesen Zeugen für die Wahrheit keinen Glauben schenken und das Zeugnis der irrigen Sinne annehmen? Die Antwort auf beide Fragen ist ein entschiedenes „Nein”; denn wir können nur dadurch, daß wir dieses Zeugnis als unrechtmäßig zurückweisen, hoffen, „den alten Menschen” abzulegen und „den neuen Menschen” anzuziehen.
Paulus wußte, daß die Menschheit die Vollkommenheit nur durch das Erhöhen Gottes und Seiner vollkommenen Idee, des Menschen, verwirklichen kann; er schrieb in seinem 1. Brief an die Korinther: „So haben wir doch nur einen Gott, den Vater, von welchem alle Dinge sind und wir zu ihm; und einen Herrn, Jesus Christus, durch welchen alle Dinge sind und wir durch ihn”.
Das Geheimnis des Lernens findet man in der Schule der menschlichen Erfahrung, aber nur, wenn man die Gegenwart des großen unsichtbaren Lehrers erkennt.
