Der Schüler der Christlichen Wissenschaft findet in dem im 17. Kapitel des 1. Buchs von den Königen berichteten Erlebnis Elias viel Lehrreiches, weil er gelernt hat, jede in der Bibel berichtete Begebenheit auf ihre tiefere Bedeutung zu untersuchen. Daher sieht er, daß bei jenem denkwürdigen Ereignis viel mehr als nur die Auferweckung des Sohnes der Witwe vollbracht wurde.
Die allbekannte Geschichte schildert, wie Elia, nachdem er während einer Teuerung im Bewußtsein desselben Weibes zu Zarpath die Vorstellung Mangel vernichtet hatte, später berufen wurde, ihr die Allmacht des immer gegenwärtigen Lebens zu beweisen. Denn ihr Sohn war krank geworden und war nun für den menschlichen Sinn tot. In ihrer Not wandte sie sich an Elia und rief aus: „Was habe ich mit dir zu schaffen, du Mann Gottes? Du bist zu mir hereingekommen, daß meiner Missetat gedacht und mein Sohn getötet würde”.
„Daß meiner Missetat gedacht würde!” Das ist es, was die Aufmerksamkeit des Schülers fesselt. Welcher Missetat ist in dem Bericht nicht erwähnt. Aber in ihrer Verzweiflung mag das Weib geglaubt haben, was viele Menschen heute glauben, nämlich, daß ein unschuldiges Kind für ihre Sünde, was sie auch sein mochte, büßen müsse.
Aber der Mann Gottes wußte es besser. Man kann das liebreiche Erbarmen fast sehen, das in seinen Augen geleuchtet haben muß, als er ruhig sagte: „Gib mir her deinen Sohn!” Eine Zurechtweisung oder Auseinandersetzung war hier nicht angebracht sondern heilendes Handeln. Er nahm ihr den Knaben einfach aus den Armen und hob ihn in jenes Reich wahren Denkens hinein, wo er weilte, wo der Mesmerismus der weinenden Mutter, die sich an das klammerte, was sie erschaffen zu haben glaubte, gebrochen wurde; und bald wurde ihr das Kind lebendig und gesund zurückgegeben. Jeder Christliche Wissenschafter versteht, daß das Denken der Mutter höhergehoben werden mußte, um die Heilung herbeizuführen.
Wie oft heutzutage eine ähnliche Lage entsteht, wo die Überzeugung herrscht, daß der Unschuldige für den Schuldigen büßen müsse! Die Heilmittelkunde hat ihre besonderen Namen für solche Annahmen, und es finden sich viele kleine und erwachsene Opfer, die „für die Sünden der Väter” büßen, weil die Welt glaubt, daß dies so sein müsse! Aber Gott kennt kein solch falsches und grausames Gesetz. Ja, sogenanntes Gesetz ist überhaupt kein Gesetz, wenn es keine geistige Kraft hat, die ihm Geltung verschafft; und sicher ist keine Kraft in etwas, was der zärtlichen Liebe des großen Vater-Mutter aller, die selbst des kleinsten Sperlings treulich gedenkt, so unähnlich ist. Von diesem lieben Vater-Mutter kommen keine gefährlichen Vererbungen, sondern nur Gutes und Frieden und Freude und Gesundheit und Glück. „Mir ist ein schön Erbteil geworden”, sang der Psalmist.
Die Witwe zu Zarpath verstand dies nicht. Sie mag geglaubt haben, daß sie Unrecht getan habe, und daß ihr Kind sterben müsse — im Augenblick sah sie vielleicht nichts anderes. Aber es ging mehr vor sich als nur die Heilung ihres Kindes. Wir können schließen, daß ihr Bewußtsein in Aufruhr war, daß irgend ein Irrtum, der die Ursache vieler Freudlosigkeit und Selbstverdammung gewesen sein mag, an die Oberfläche kam, und daß mit dem Aufdecken, dem Zugestehen des Irrtums dessen Zerstörung begann. Denn „gewöhnlich macht”, wie Mary Baker Eddy in „Wissenschaft und Gesundheit mit Schlüssel zur Heiligen Schrift” (S. 461) schreibt, „das Zugeständnis, daß du krank bist, deinen Fall weniger leicht heilbar, während das Anerkennen deiner Sünde zur Zerstörung derselben beiträgt”.
Sollte jemand, der unter der Annahme leidet, daß sein Wohlergehen und sein Glück in unerklärlicher Weise mit einem andern unwiderruflich verknüpft und verwirkt sei, diese Zeilen lesen, so erhebe er das Haupt und fasse Mut! Die göttliche Liebe verordnet keine stellvertretende Versöhnung oder Buße für die Sünde; auch wird in Gottes Augen kein menschlicher Sündenbock in die Wüste der Finsternis und der Verzweiflung hinausgestoßen, um die Last des Fehlers eines andern zu tragen. Gott kennt nur den von Ihm geschaffenen Menschen, der frei, von Irrtum unberührt, ungefesselt, unbefleckt, makellos und immerdar von jeder falschen Einflüsterung getrennt ist, die behaupten möchte, er sei weniger als das vollkommene Kind Gottes, der geliebte Sohn, an dem Er Wohlgefallen hat.
Jene Mutter vor alters mag einen Schimmer hievon erhascht haben, als sie ihr Kind Elia aus den Armen nahm. „Siehe da, dein Sohn lebt!” war alles, was er sagte; doch muß er gewußt haben, was sich außerdem noch ereignet hatte, ebenso wie heute der christlich-wissenschaftliche Ausüber weiß, daß bei einer Heilung oft viel mehr vollbracht wird, als der Hilfesucher im Augenblick erkennen mag. Elia verstand zweifellos, daß seine Arbeit für den Knaben auch das Bewußtsein der Mutter berührt hatte, und daß ihr Denken sich seit ihrer letzten Äußerung geändert hatte. Die Bitterkeit, die Herausforderung ihrer ersten Anrede war gewichen. Mit erneuter Demut sagte sie: „Nun erkenne ich, daß du ein Mann Gottes bist, und des Herrn Wort in deinem Munde ist Wahrheit”. Er wußte, daß der Same der Wahrheit in ihr Bewußtsein gesät worden war, und daß er in Gottes Zeit und auf Gottes Weise den reichen Ertrag der Gerechtigkeit und der Freude, der Gelassenheit und des Friedens hervorbringen würde.
