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Engel und leere Gräber

Aus der November 1939-Ausgabe des Herolds der Christlichen Wissenschaft


Auf Seite 12 ihres Buchs „The First Church of Christ, Scientist, and Miscellany” erklärt Mary Baker Eddy treffend: „Es gehört uns keine Vergangenheit, keine Zukunft, wir besitzen nur das Jetzt”. Und weiter unten in demselben Abschnitt fügt sie hinzu: „Durch Vertrauen auf die göttliche Liebe erkennen wir die immer gegenwärtige Hilfe und das immer gegenwärtige Jetzt und haben die Kraft, ,in der lebendigen Gegenwart zu handeln‘”. Die beste Ausnützung des gegenwärtigen Augenblicks ist in der Tat eine Vollbringung, eine wahre christliche Errungenschaft. Wer dies tun lernt, rettet die Vergangenheit und sichert erfolgreichen Fortschritt.

Es ist manchmal hilfreich und weise, auf vergangene Stunden zurückzublicken oder Erfahrungen im Überwinden zu erzählen, damit Gott und Seine Heilkraft verherrlicht werde. Aber sich reuevoll an die Vergangenheit klammern oder müßig oder ungebührlich über die Zukunft nachsinnen, beraubt einen der gegenwärtigen Freude. Und so aufrichtig man auch unangenehme Erinnerungen zu vergessen wünscht, macht man doch wenig wirklichen Fortschritt, bis man die in der Christlichen Wissenschaft gelehrte große Wahrheit annimmt, daß das Böse nicht wirklich ist und nie gegenwärtig gewesen ist, da Gott gut und immer gegenwärtig ist.

Wohl jedermann ist willens, von gegenwärtigem Leiden und Ungemach geheilt zu werden; aber der sterbliche Daseinstraum, der sich zu verewigen trachtet, sucht unsern Fortschritt zu hindern, indem er die Sinne in Träumerei und trügerische Erinnerungen an Unwirklichkeiten verstrickt. Manchmal nimmt die Einflüsterung die Gestalt des Sehnens nach einer Wiederholung früherer Vergnügen an und versucht uns so zu glauben, daß es eine Zeit gegeben habe, wo mehr Gutes zum Ausdruck kam, als jetzt vorhanden ist. Wiederum kann sie als Groll über ein Unrecht oder eine Ungerechtigkeit, worunter man gelitten hat, auftreten.

Eine Christliche Wissenschafterin hatte sich lange nicht beruhigen können wegen unerfreulicher Erinnerungen an eine scheinbare Ungerechtigkeit und Enttäuschung in vergangenen Jahren. Es verging oft lange Zeit, wo sie von den verdrießlichen Gedanken unbehelligt blieb, bis sie durch eine Erinnerung wieder geweckt wurden. Eines Tages erkannte sie, daß sie gerade für diese Erscheinungsform des Irrtums keine besondere Arbeit getan hatte. Zwar hatte sie die Wahrheit flüchtig erklärt, und die menschliche Vernunft sagte, daß es töricht sei, solche Gedanken zu hegen; aber es war ihr klar, daß etwas mehr geschehen mußte, dieses Gespenst falscher Annahme zu verbannen.

Demütig und andachtsvoll beschloß sie, die irrige Annahme wissenschaftlich auf ihr Nichts zurückzuführen. Sie begann damit, daß sie die Gegenwart, die Macht und die Allheit Gottes, der die Liebe ist, und die Vollkommenheit des Menschen, der die Widerspiegelung oder das Bild der Liebe ist, und der nichts tun kann, als „was er sieht den Vater tun”, erklärte und sich zu vergegenwärtigen suchte. Da es in der Liebe keine Ungerechtigkeit oder Unfreundlichkeit gibt, können diese Eigenschaften unmöglich in der Widerspiegelung erscheinen. In Gottes Weltall, dem Reich der göttlichen Wissenschaft, verletzen und bekämpfen geistige Ideen einander nicht, sondern wirken alle einmütig und liebevoll zusammen und tragen zu gegenseitigem Frieden und gegenseitiger Harmonie bei. Sie sah klar, daß es nie eine Zeit gegeben hatte, wo dies nicht der Fall war, und daß die entgegengesetzte Annahme auch nicht eine Spur von der Wahrheit besaß. Und „was keine Wahrheit hat, hat keine Vergangenheit, keine Gegenwart und keine Zukunft”, wie Mrs. Eddy sagt (Miscellaneous Writings, S. 285). Als sie diese und ähnliche wissenschaftlichen Tatsachen erklärte und sich vergegenwärtigte, verging der Groll und die Bitterkeit, und mit ihnen verschwanden einige körperliche Störungen.

Aus dieser Erfahrung zog die Wissenschafterin viele nützliche Lehren. Sie sah die vollendete Torheit und Nutzlosigkeit, sich durch seine eigenen oder anderer Leute Fehler seine freudige Entfaltung hindern und seine Erkenntnis himmlischer Harmonie verzögern zu lassen. Wird dieser Irrtumseinwand nicht erkannt und wissenschaftlich widerlegt, so kann er viel Unglückseligkeit und nutzloses Leiden verursachen. Aber beharrliche und andachtsvolle Arbeit wird reichlich belohnt.

Wenn man den Mesmerismus des Festhaltens an Irrtümern in der Vergangenheit durch die Erkenntnis des wahren Seins des Menschen in der Wissenschaft bricht, beginnt man sein Erbe als ein Kind Gottes zu beanspruchen, und man kann sich die geistigen Möglichkeiten der Gegenwart ungehindert zunutze machen. Dies ist ein wichtiger Schritt im Überwinden der Annahme vorgerückten Alters, die uns in träumerischer Erinnerung festhalten möchte, um unser Wachstum und unsern Fortschritt zu hindern.

Jesus wies einmal die Pharisäer, die bedeutungslosen Überlieferungen übermäßige Wichtigkeit beimaßen, scharf zurecht. Er verglich sie mit „übertünchten Gräbern, welche ... voller Totengebeine und alles Unflats sind”. Er wußte, daß ihre vorgebliche Reinheit und Frömmigkeit oft der Deckmantel für Heuchelei und äußerliches Beachten des Buchstabens des Gesetzes war. Die vergangene Herrlichkeit Israels und der Stolz auf menschliche Ahnen hemmten Jesu Beweis nicht; denn er erkannte in solchen Vorwänden eine Erscheinungsform des Traums einer materiellen Schöpfung. Er anerkannte nur einen Vorfahren: den Vater-Mutter-Gott. Die Erkenntnis dieser wahren Verwandtschaft befähigte ihn, stets der gegenwärtigen Forderung gerecht zu werden.

Jesus sprach über die Vergangenheit in der Gegenwartsform, als er von dem Christus erklärte: „Ehe denn Abraham ward, bin ich”. Er wußte, daß sein wirkliches Selbst, der Christus, von der Annahme Zeit nicht berührt wurde. Sein Leben war ein lebendiges Beispiel der Anwendung der „immer gegenwärtigen Hilfe und des immer gegenwärtigen Jetzt”. Jede Stunde war für ihn eine neue Gelegenheit, den Vater zum Ausdruck zu bringen. Er heiligte die dunkelste Stunde der menschlichen Geschichte mit der unaussprechlichen Herrlichkeit der Liebe, die ihren Feinden vergibt. Indem er sich weigerte, Haß und Groll zu hegen, entzog er dem Bösen seinen Anspruch auf Macht und Wirklichkeit. Er machte sogar das Grab zu einer Zuflucht, „einer Stätte, wo er das große Problem des Seins lösen konnte” (Wissenschaft und Gesundheit, S. 44). Durch belebende geistige Tätigkeit vollbrachte er seine heilige Errungenschaft. Und als er aus dem Grabe hervorkam, erschienen Lichtengel — Inspiration für seine Nachfolger für alle Zeit.

Viele Jahrhunderte später schrieb eine sromme Frau, Mary Baker Eddy, die im Feuer des Leidens und der Verfolgung siegte, in Wissenschaft und Gesundheit (S. 299): „Meine Engel sind erhabene Gedanken, die an der Pforte eines Grabes erscheinen, in welches die menschliche Annahme ihre teuersten irdischen Hoffnungen gelegt hat. Mit weißen Fingern weisen sie aufwärts zu einer neuen und verklärten Zuversicht, zu höheren Idealen des Lebens und dessen Freuden”.

In der durchschnittlichen menschlichen Erfahrung gibt es gewöhnlich viele Gräber, in denen viel Hoffen, Streben und Sehnen begraben liegt. Aber ungeachtet dessen, was unser Leben gewesen ist oder wie viele Fehler wir gemacht haben, bietet die Christliche Wissenschaft Ermutigung und Hoffnung in der ermutigenden Versicherung, daß wir als Gottes geliebte Söhne unter keinerlei Verdammung sind, und daß Leiden und Strafen mit der Sünde aufhören. Wenn einer glaubt, es sei ihm unrecht geschehen, und sich dem Selbstbedauern und der Auflehnung hingibt, kann er sich jetzt von den Gräbern krankhafter Erinnerungen abwenden und Engel — Gedanken der Vergebung und der Liebe — willkommen heißen.

Es ist immer eine Art Selbstsucht, die einen an vergangene oder gegenwärtige Annahmeirrtümer fesselt. Treibt einen Liebe zu Gott und das selbstlose Verlangen, seinen Mitmenschen zu helfen, so wird man weder Lust noch Zeit haben, krankhafter Träumerei und Reue nachzuhängen. Vielmehr wird man durch jede enttäuschte Hoffnung heilige Inspiration gewinnen und mit neuem Mut und in freudigem Streben vorwärtsdringen. Die treue Maria sah den auferstandenen Erlöser, als sie sich auf die Weisung des Engels vom Grabe abwandte. Das Leid und das Stigma der Kreuzigung vergingen in der Herrlichkeit der Auferstehung.

Der Apostel Paulus hatte offenbar Grund zur Reue und Selbstanklage; aber mit erhabener Treue und Standhaftigkeit wandte er sich von Irrtümern der Vergangenheit ab und hinterließ für alle Christen die ermutigende Botschaft: „Ich vergesse, was dahinten ist, und strecke mich zu dem, das da vorne ist, und jage — nach dem vorgesteckten Ziel — nach dem Kleinod, welches vorhält die himmlische Berufung Gottes in Christo Jesu”.

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