Jeder Mensch hat von seinem ureigensten Wesen aus das Bedürfnis, zu lieben und geliebt zu werden. Ja, es wird von jedem denkenden Menschen zugegeben, daß die Liebe der Impuls des Lebens ist. In der allgemeinen Auffassung wird die Liebe meistens als eine materielle Anziehung verstanden. Da sich aber die Materie als vergänglich erweist, muß alles, was mit dem Glauben an ihre Macht und Wirklichkeit verbunden ist, früher oder später in Enttäuschung enden.
Die Erlebnisse der Sterblichen beweisen dies Tag für Tag. Selbst die höhere Form menschlicher Liebe — die Mutterliebe — ist nicht frei von Enttäuschung, solange sie den Menschen noch als ein materielles Wesen, das Geburt und Tod unterworfen ist, betrachtet. Und doch ist die Sehnsucht, zu lieben und geliebt zu werden, unaufhörlich! Es ist bekannt, daß sogar Pflanzen und Tiere auf Gedanken der Liebe reagieren, durch besseres Gedeihen und Veredlung des Benehmens.
Als die Verfasserin zwölf Jahre alt war, war sie tief beeindruckt durch die Geschichte des 12-jährigen Jesus. Sie wollte lieben lernen, wie er liebte, und seine Gesinnung annehmen. Sie versteckte sich oft in die Stille, um darum zu beten, dies zu erreichen, und tat dies fast täglich. Doch nach einem halben Jahr ermüdete sie, weil sie noch nicht die wahre, inspirierte Art, um christusähnliche Liebe zu beten, gelernt hatte. Erst Jahre später, als sie die Christliche Wissenschaft kennen lernte, konnte sie allmählich das wahre Wesen der Liebe, die heilige Gesinnung Christi Jesu, verstehen.
Die Christliche Wissenschaft offenbart Gott als die Liebe und den Menschen als die liebende Idee Gottes. Sie lehrt, daß es weder Leben, Substanz noch Denkvermögen in der Materie gibt, da die Materie das Gegenteil des Geistes, der Liebe, ist. Was daher dem materiellen Sinn Liebe, zu sein scheint, ist überhaupt keine Liebe. Ein gründliches Studium der Wissenschaft ist unerläßlich, um dies begreifen zu können; doch selbst der einfachste Mensch ist imstande, es verstehen zu lernen.
Der vergängliche Stoff, Materie genannt, kann nicht lieben. Er ist gefühllos, unintelligent. Der wahre Mensch ist eine geistige Idee, alle göttlichen Eigenschaften in sich schließend. Als Idee der Liebe hat er deshalb jeden Augenblick die Fähigkeit, gütig, gerecht und rein zu sein. Genau in dem Maße, wie man die göttlichen Fähigkeiten und Eigenschaften demonstriert, ist man glücklich! Es gibt kein anderes wahres Glück.
Unser Meister beschreibt das Wesen der Liebe (Matth. 5:44): „Ich aber sage euch: ... segnet, die euch fluchen; tut wohl denen, die euch hassen; bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen, auf daß ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel.“ Diese Forderung zu erfüllen, ist ohne ein Verständnis der Christlichen Wissenschaft unmöglich, weil uns, solange wir die Materie für etwas Wirkliches halten, auch das Böse als Wirklichkeit erscheinen muß!
Als der sterbliche Sinn sich während der Kreuzigung gegen seine Reinheit austobte, sagte unser Meister (Luk. 23:34): „Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Er war nicht gekränkt, und er blieb somit völlig außerhalb der sich selbstzerstörenden Atmosphäre des Bösen. Daher hatten Sünde, Krankheit und Tod keine Macht über ihn.
Lieben zu lernen, wie Jesus liebte, bedeutet Heilung. Eine christlich-wissenschaftliche Ausüberin erlebte vor Jahren bei einer Patientin die Heilung von einem Gewächs, das von medizinischer Seite ohne operativen Eingriff für tödlich erklärt worden war. Die Ausüberin erkannte, daß ein lang geduldeter, verborgener Groll gegen eine nahestehende Person aufgegeben werden mußte. Die Patientin lernte einen höheren Grad von Liebe verstehen, in welcher Groll und Gekränktsein keinen Raum haben; denn Liebe ist die Widerspiegelung der göttlichen Liebe. So lösten sich die Verwicklungen des sterblichen Denkens, Gewächs genannt, in ihr Nichts auf.
Zu lieben, wie Jesus liebte, bedeutet, wissenschaftlich zu lieben, d.h. die Allheit Gottes und das Nichts der Materie verstehen zu lernen. Mary Baker Eddy schreibt in „Wissenschaft und Gesundheit mit Schlüssel zur Heiligen Schrift“ (S. 108): „Es war das göttliche Gesetz des Lebens und der Liebe, welches mir die demonstrierbare Tatsache entfaltete, daß die Materie weder Empfindung noch Leben besitzt; daß die menschlichen Erfahrungen die Falschheit aller materiellen Dinge dartun, und daß das unsterbliche Sehnen, ‚der Preis lieben zu lernen,’ die augenscheinliche Wahrheit feststellt, daß allein das sterbliche Gemüt leidet, denn das göttliche Gemüt kann nicht leiden.“
Die scheinbaren Mächte der Vergänglichkeit und die heftigen Auflehnungen des Bösen gegen die Vollkommenheit — sie alle können dem nicht schaden, der geistig lieben gelernt hat, der begriffen hat, daß das Böse weder ein Ding noch eine Person ist, sondern ein Nichts, die scheinbare Abwesenheit des Etwas. Wir alle müssen lernen, wissenschaftlich und universell zu lieben. Die göttliche Liebe kennt weder Rasse noch Klasse; denn die Liebe ist unparteilicher Geist. Es ist ein köstlich Ding, geistig lieben zu lernen. Wer Gott wahrhaft liebt, ist nicht mehr gebunden oder abhängig von der menschlichen Liebe. Er hat jene Worte unserer Führerin auf Seite 266 des Lehrbuchs „Wissenschaft und Gesundheit“ verstehen gelernt: „Allumfassende Liebe ist der göttliche Weg in der Christlichen Wissenschaft.“
Nicht durch den Tod werden wir uns der Gegenwart Gottes bewußt, sondern durch den Ausdruck der wahren Liebe, die ewiges Leben ist. Der wahre Mensch hört nie auf zu lieben, hat sich nie verirrt; er war und ist immer daheim im Reich Gottes und hat Gott stets über alles geliebt. Durch geistiges Verständnis sind wir imstande, diese herrliche Tatsache zu erkennen und sie in unserem Leben zu betätigen.
Im ersten Brief des Apostels Petrus (2:25) schreibt er: „Ihr waret wie die irrenden Schafe; aber ihr seid nun bekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen.“ Wirkliche Bekehrung bedeutet das Aufgeben des Materiellen für das Geistige, der Unwissenheit für die Erkenntnis. Ja, es bedeutet das Aufgeben des blinden Glaubens für den Glauben, der dem göttlichen Verständnis entstammt, der Annahme eines unvollkommenen Menschen für die Erkenntnis der unversehrten göttlichen Idee — des Leidens für die Freude! Dies ist „der Preis lieben zu lernen“.
