Ein hingebendes Studium der Christlichen Wissenschaft inspiriert dazu, das ganze Leben dem Dienste der heiligen Sache der Wahrheit zu weihen, eine Hingabe, die unvermeidlich das Aufgeben materieller Annahmen mit sich bringt. Doch vor dem Erreichen dieses edlen Zieles türmen sich oft solch scheinbar unüberwindliche Hindernisse auf, daß der Wissenschafter versucht ist zu glauben, sein Ziel sei unerreichbar. Durch die Christliche Wissenschaft lernen wir jedoch verstehen, daß demütige und rückhaltlose Hingabe an Gott heute nicht nur mögelich ist, sondern auch in die Tat umgesetzt werden kann.
In der christlichen Welt ist ein Altar das Sinnbild des Opferns. Obwohl nun die Christliche Wissenschaft Symbole, wie etwa einen materiellen Altar, aufgegeben hat, findet doch der Anhänger dieser Wissenschaft in seinem Innern einen andern Altar — einen geistig mentalen Altar — der unentbehrlich ist für geistiges Wachstum.
Wir finden in der Heiligen Schrift keinen Bericht davon, daß Christus Jesus jemals einen materiellen Altar benutzte, und doch weihte er sich selbst in seinem ganzen Leben dem erhabenen Aufopfern aller Weltlichkeit. Jesu Opfer fand nicht in Form eines äußerlichen Kirchenbrauchs oder einer rituellen Handlung statt, sondern in seinem Bewußtsein. Innerhalb des unsichtbaren Heiligtums der Christusähnlichkeit legte er beständig den falschen Begriff vom Selbst nieder und demonstrierte die Gotteskindschaft des Menschen. In unaufhörlichem Gebet und Verbundensein mit der göttlichen Liebe wurde sein erhabenes Opfer dargebracht. Seine Demonstration des Christus wurde in seiner wunderbaren Heilsmission und in seiner Auferstehung und schließlichen Erhebung über alle Materie offenbar.
Die Christliche Wissenschaft enthüllt die wahre Bedeutung von Opfer und befähigt uns, durch innige Hingabe an Gott in gewissem Maße die Heilungswerke Jesu nachzuahmen. In ihrem Buch „Wissenschaft und Gesundheit mit Schlüssel zur Heiligen Schrift“ schreibt Mary Baker Eddy (S. 55): „Die Zeit für das Wiedererscheinen des göttlichen Heilens erstreckt sich auf alle Zeiten; und wer immer sein irdisches All auf dem Altar der göttlichen Wissenschaft niederlegt, trinkt heute von dem Kelch Christi und wird mit dem Geist und der Kraft des christlichen Heilens angetan.“
Doch was ist unser „irdisches All“? Um diese Frage beantworten zu können, müssen wir vor allem das wahre Wesen unseres Altars verstehen. Die Christliche Wissenschaft offenbart, daß der „Altar der göttlichen Wissenschaft“ ein geistig mentales Heiligtum ist, wo wir in stiller Gemeinschaft mit Gott alles für die Christus-Wahrheit aufopfern.
Somit ist unser wahrer Altar in dem Reich des Bewußtseins zu finden; und daraus folgt logischerweise, daß das „All“, das wir auf diesem Altar niederlegen müssen, in erster Linie falsche mentale Vorstellungen sind. Also ist es erforderlich, falsche Annahmen aufzuopfern — das sterbliche Gemüt und seine Traumwelt. Wenn wir lernen, dies konsequent zu tun, erkennen wir klarer die Bedeutung jener Worte des Paulus (1. Kor. 15:31): „Ich sterbe täglich.“
Der Christliche Wissenschafter mag finden, daß sein Bestreben, „sein irdisches All“ für die Sache der Wahrheit aufzuopfern, keinen Segen bringt, sondern nur den Irrtum um so mehr aufzureizen scheint. In dem Falle mag er wohl daran tun, sein Denken gründlich zu prüfen und alles, was nicht gottähnlich ist, auszutreiben. Da wahres Aufopfern hauptsächlich ein mentaler Vorgang ist, sind die Gedanken, die wir bei diesem Vorgehen anwenden, von höchster Wichtigkeit.
Es wird den Sterblichen oft leichter, eine äußere religiöse Handlung zu vollziehen als ihr eigenes Denken zu läutern. Aus diesem Grunde sagte Jesus in seiner Bergpredigt (Matth. 5:23, 24): „Wenn du deine Gabe auf dem Altar opferst und wirst allda eingedenk, daß dein Bruder etwas wider dich habe, so laß allda vor dem Altar deine Gabe und gehe zuvor hin und versöhne dich mit deinem Bruder, und alsdann komm und opfere deine Gabe.“ In der Christlichen Wissenschaft ist das Läutern des Denkens an sich eine wahrhaft religiöse Handlung und drückt sich äußerlich in einem dem Guten geweihten Leben aus.
Bei dem Bestreben, unser „irdisches All“ aufzuopfern, müssen wir sorgfältig über unseren Beweggründen wachen. Menschlicher Eifer ist von geringem Wert, wenn er nicht die göttliche Liebe widerspiegelt. Die unsterblichen Worte des Paulus zeugten von dieser Tatsache, als er schrieb (1. Kor. 13:3): „Wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und ließe meinen Leib brennen, und hätte der Liebe nicht, so wäre mir's nichts nütze.“ Unsere Führerin, die Gott ihr ganzes Leben weihte, bewies, daß die göttliche Liebe allein uns die wahren und wesentlichen Beweggründe für geistige Hingabe und tägliche gute Werke einflößt. Sie schreibt (Wissenschaft und Gesundheit, S. 454): „Liebe ist die Priesterin am Altar der Wahrheit.“
Geistige Liebe ist die Liebe, die Jesus verkörperte — die Liebe, die nur die innere, geistige Reinheit und Vollkommenheit des Menschen anerkennt, und die daher unter allen Umständen Liebe bleibt.
Beständig geistige Vollkommenheit zu sehen, erfordert die Betätigung von Eigenschaften wie Geduld, Nachsicht, Sanftmut, Verständnis, Güte und Barmherzigkeit. Diese Eigenschaften sind die Träger oder Mittler, durch welche die geistige Idee der Liebe Ausdruck findet. Und wir finden sie, wenn wir unser „irdisches All auf dem Altar der göttlichen Wissenschaft“ niederlegen. Diese Eigenschaften spiegeln die heilende Kraft der Liebe wider.
Ein Anhänger der Christlichen Wissenschaft kam eine Zeitlang täglich mit einem Menschen in Berührung, der aggressiven Widerstand gegen ihn zeigte. Da er erkannte, daß sich ihm hier eine Gelegenheit bot, die Annahme des Hasses mit Liebe zu überwinden, bestrebte er sich, seinen sterblichen Sinn abzulegen und sich bei jedem Gedanken, jedem Wort und jeder Tat von der göttlichen Liebe leiten zu lassen.
Die Situation blieb wochenlang unverändert; doch dann klagte der Bekannte eines Tages dem Wissenschafter gegenüber über ein körperliches Problem. Christlich-wissenschaftliche Behandlung wurde angeboten und bereitwillig angenommen. Der Wissenschafter konnte sogleich spontan die Wahrheit so klar erkennen, daß er imstande war, augenblicklich die absolute Unwirklichkeit der Disharmonie zu sehen. Er war gewiß, daß eine sofortige Heilung bewirkt worden war. Diese Tatsache wurde später an dem Tage freudig und dankbar von dem Bekannten selbst bestätigt, dessen ganzes Verhalten nunmehr völlig umgewandelt war. Liebe, Verstehen und Zusammenwirken hatten siegreich die Herrschaft übernommen.
Das Niederlegen des sterblichen Sinnes braucht nicht schwierig zu sein, denn dieser Sinn ist unwirklich. In Wirklichkeit gibt es nichts, das aufgeopfert zu werden braucht, da die vollkommene Liebe und ihr vollkommener Ausdruck, der Mensch, alles ausmachen, was wirklich besteht. Doch um diese Wahrheit zu demonstrieren, müssen die Sterblichen achtsam selbst die kleinste sündhafte Neigung, und alle falschen Begriffe, Beweggründe oder Impulse ablegen, die ihr verständnisvolles Schauen der reinen christusähnlichen Natur des Menschen zu verdunkeln drohen.
Wenn wir beharrlich unser „irdisches All auf dem Altar der göttlichen Wissenschaft“ niederlegen wollen, so sollten wir sorgfältig auf die Worte unserer geliebten Führerin achten. Sie sagt (Vermischte Schriften, S. 312): „O möge die Liebe, die ausgesprochen wird, empfunden und so gelebt werden, daß wir — in der Waage Gottes gewogen — nicht zu leicht erfunden werden. Die Liebe ist fest, unveränderlich, mitfühlend, selbstaufopfernd, unaussprechlich gütig; ja, sie legt alles auf den Altar und trägt wortlos und allein alle Lasten, duldet jede Widrigkeit und hält alle Verletzung aus, um der andern und um des Himmelreichs willen.“
