Von dem Wort „Zurückgezogenheit“ können zwei Personen gänzlich verschiedene Auffassungen haben. Bevor wir uns jedoch die Zurückgezogenheit als Ziel setzen, sollten wir prüfen, wie weit wir verstehen, was das Wort tatsächlich bedeutet. Der falsche Begriff von Zurückgezogenheit bedeutet ein Sichzurückziehen von jeder Tätigkeit, ein dauerndes Nichtstun. Müßiggang wird fälschlicherweise als Paradies dargestellt.
Wenn der Christliche Wissenschafter den geistigen Wortauslegungen gegenüber nicht wachsam ist, kann er sich durch die weitverbreiteten, irrigen Vorstellungen von Glücklichsein täuschen und betrügen lassen. Da der Mensch das Bild und Gleichnis Gottes ist, drückt er das immerwährende, freudige Wirken des göttlichen Gemüts aus. Der Gottes-Mensch ist sich der Entfaltung und des Fortschritts bewußt, und Fortschritt ist ein geistiges Gesetz, das wir nicht unbeachtet lassen können. Für Gemüt und seine Ideen gibt es keinen Rückschritt. Mary Baker Eddy sagt in „Wissenschaft und Gesundheit mit Schlüssel zur Heiligen Schrift“ (S. 265) über geistigen Fortschritt: „Diese wissenschaftliche Auffassung vom Sein, welche die Materie für Geist aufgibt, deutet keineswegs darauf hin, daß der Mensch in der Gottheit aufgeht und seine Identität einbüßt, sondern diese Auffassung verleiht dem Menschen eine erweiterte Individualität, eine umfangreichere Sphäre des Gedankens und der Tätigkeit, eine umfassendere Liebe, einen höheren und dauernderen Frieden.“
Es gibt einen richtigen Begriff von Zurückgezogenheit. Wenn man Zurückgezogenheit als eine Gelegenheit für eine gehobenere Tätigkeit versteht, kann man ohne Furcht einem Plan des Sich-zurückziehens zustimmen, der von der Notwendigkeit des Verdienen-müssens befreit. Solch eine Auffassung von Zurückgezogenheit ist nicht mit den Annahmen des Alterns verbunden. Die Christliche Wissenschaft verschreibt sich nicht der Theorie, daß Fähigkeit und Pflichterfüllung in einem gewissen Alter abnehmen müssen; sie lehrt vielmehr, daß die Menschheit erwarten sollte, sich zunehmender Kraft und Weisheit als Ergebnis richtig verstandener Erfahrungen zu erfreuen.
Auf Seite 128 von „Wissenschaft und Gesundheit“ Zeile 4, beschreibt Mrs. Eddy die Wirkungen der Christlichen Wissenschaft auf das menschliche Gemüt. Diese Wirkungen weisen auf eine stets wachsende Tätigkeit, auf erhöhte Ausdauer und erweiterte Auffassungen von Fähigkeit hin, wenn man die menschliche Ansicht für die göttliche Idee aufgibt. In dem Maße, wie der einzelne ein immer klareres Verständnis seiner Identität als Ausdruck Gottes, des Guten, erlangt, wird er aufhören, seine Zukunft nach materiellen und begrenzten Annahmen zu bemessen, und er wird erwarten, daß Entwicklung vergrößertes und nicht verringertes Wahrnehmen von Kraft mit sich bringt. So sieht er nicht dem Altern entgegen, das Verringerung der Kräfte und Fähigkeiten einschließt, sondern dem immer mehr sich entfaltenden Guten, der wachsenden Weisheit und einem größeren Wirkungskreis. Vor seinen Augen öffnen sich Ausblicke geistiger Schönheit und Vollendung, die niemals durch die Linse des materiellen Sinnes erschaut werden können.
Jesus gab uns ein Beispiel von der Art der Zurückgezogenheit, die Fortschritt bedeutet. Als die Menge Jesus bedrängte, um sich von ihren Leiden heilen zu lassen, „entwich er [zog er sich zurück] in die Wüste und betete“ (Luk. 5:16). Lehren und Heilen waren dessen unmittelbare Folge. In der Gemeinschaft mit dem göttlichen Gemüt fand er Erfrischung und eine Fülle geistiger Ideen und teilte diese mit der Menschheit.
Mrs. Eddys erstes „Sich-zurückziehen“ erfolgte im Jahre 1866, als sie die Wissenschaft des Gemüts-Heilens entdeckte. In ihrer Selbstbiographie „Rückblick und Einblick“ beschreibt sie diese Zurückgezogenheit (S. 24): „Nun zog ich mich ungefähr drei Jahre lang von der Gesellschaft zurück, um über die mir gestellte Aufgabe nachzusinnen, die Heilige Schrift zu durchforschen und die Wissenschaft des Gemüts zu finden, die dem Geschöpf die Dinge Gottes zeigen und das große heilende Prinzip — die Gottheit — offenbaren sollte.“ Hier ist wieder ein Beispiel wie Zurückgezogenheit dazu dient, sich der Gemeinschaft mit Gott hinzugeben.
Das Ergebnis hiervon war das Erscheinen von „Wissenschaft und Gesundheit“, die Gründung der Kirche Christi, Wissenschafter, und die vielen Heilungen, die vollbracht wurden. In späteren Jahren zog sich Mrs. Eddy von der Lehr- und Heiltätigkeit sowie vom Predigen und Ermahnen zurück. „Ich verließ Boston“, so erklärt sie in “The First Church of Christ, Scientist, and Miscellany” (Die Erste Kirche Christi, Wissenschafter, und Verschiedenes, S. 117), „auf der Höhe des Erfolges, um mich von der Welt zurückzuziehen und die eine göttliche Person zu suchen, um dadurch und damit andern die Schritte vom Sinn zur Seele zu weisen.“ Späterhin, noch in ihrer Zurückgezogenheit, gründete sie The Christian Science Monitor, in einem Alter, wo, der menschlichen Annahme nach, die Fähigkeiten begrenzt sind. Sie bewies, daß größere geistige Tätigkeit ihren unausbleiblichen Ausdruck in nützlichen, menschlichen Errungenschaften findet.
Der Christliche Wissenschafter, der unter Gottes Führung seine Tätigkeit in der Geschäftswelt aufgibt, um mehr Zeit für das Studium und für uneigennützige Arbeit für die Menschheit zu haben, gewinnt ein höheres Verständnis von wahrer Tätigkeit und schwebt nicht in Gefahr, unter Stockungen und Verlust der Herrschaft zu leiden, noch ist er von der Menschheit abgesondert. Die Christliche Wissenschaft ermutigt nicht zu einem Zurückziehen in sich selbst oder in einen elfenbeinernen Turm der Theorie und des Mystizismus. Viel Arbeit ist nötig, die nicht von jemand ausgeführt werden kann, der noch geschäftlich tätig ist. Aber derjenige, der seine Arbeit im Geschäftsleben oder in der Christlichen Wissenschaft aufgibt, lediglich um Vergnügungen oder unfruchtbarem Müßiggang nachzugehen, hat sich der Wirklichkeit des materiellen Traumes und seinen Annahmen von Schmerz wie auch von Freude ergeben. Nur zu oft nimmt ein sich zur Ruhe setzender Arbeiter die weit verbreiteten Annahmen von Alter und Müdigkeit an, die in der materiellen Auffassung von Zurückgezogenheit verborgen sind.
Mrs. Eddy setzte ihr Studium und die Überprüfung von „Wissenschaft und Gesundheit“ fort, um dessen Ausdrucksweise für die Menschheit immer klarer zu gestalten. Ihr Beweggrund war, Gott und der Menschheit in höherem Maße zu dienen, nicht um ihre Tätigkeit zu begrenzen oder sich asketisch von den Weltproblemen zurückzuziehen. Sie war sich der internationalen Probleme, die der Heilung bedurften, sowie des universalen Einflusses ihrer gebeterfüllten metaphysischen Arbeit voll bewußt.
Wenn wir uns der Heilarbeit für die Menschheit gewidmet und den geraden und schmalen Weg geistigen Verständnisses beschritten haben, können wir diesen Weg nicht verlassen, um uns lediglich menschlichen Freuden hinzugeben oder um die allgemein herrschenden, falschen Auffassungen von Muße und Zurückgezogenheit anzunehmen. Es ist heilige Arbeit, die uns Befriedigung gewährt. Wir müssen in unendlichem Aufstieg vorwärts dringen.
Für einen Christlichen Wissenschafter ist nur eine Zurückgezogenheit möglich, nämlich ein Sich-zurückziehen von dem Sinn der Freude und des Schmerzes in der Materie, um höherer geistiger Tätigkeit nachzugeben. Täglich können wir uns von der sterblichen Auffassung vom „Sein“ zurückziehen, um Zufriedenheit darin zu finden, daß wir geistige Liebe ausdrücken. Wenn der Beweggrund Liebe ist, ist das Ergebnis der Himmel. So lernen wir verstehen, daß die wahre geistige Bedeutung von Zurückgezogenheit Fortschritt ist.
