Ich suchte keine bestimmte Heilung. Aber da ich bereits in der letzten Klasse der Oberschule war, machte ich Pläne für mein Collegestudium; ich war etwas besorgt, weil ich von zu Hause fort sein würde. Also beschloß ich, mich seelisch und geistig darauf vorzubereiten. Ich dachte, ich würde die künftigen Herausforderungen wohl am besten meistern, wenn ich versuchte, mich und meine Religion besser zu verstehen.
Mein Lehrer in der christlich-wissenschaftlichen Sonntagsschule empfahl mir, täglich einen Teil der Lektionspredigt Im Vierteljahrsheft der Christlichen Wissenschaft. Die wöchentlichen Lektionen bauen auf sechsundzwanzig Themen auf, die zweimal im Jahr behandelt werden. Die Christlichen Wissenschafter studieren diese Lektionen während der Woche, und sonntags werden sie in den Kirchen als Predigt vorgelesen. zu lesen, anstatt erst Sonntagsschule zu machen.
Doch ehe ich davon berichte, was ich daraufhin erlebte, muß ich noch etwas über meine damalige Haltung vorwegschicken. Zunächst einmal kam ich nicht besonders gut mit meiner Mutter aus. Wir stritten uns wegen der üblichen Probleme, die sich im Teenagealter zeigen, insbesondere wegen meines neuen Freundes.
Zweitens waren meine Schulnoten nicht die besten. Ich war ein guter Schüler gewesen, aber ich wollte ein wirklich gutes Abschlußzeugnis für die Hochschule bekommen. Drittens war ich nicht mit meinem Aussehen zufrieden. Ich meinte, ich sei zu mollig und etwas kindisch. Mit anderen Worten, mein Leben war an einem Tiefpunkt angelangt.
Zu der Zeit fing ich an, die Lektionspredigt zu studieren. Jeden Morgen stand ich etwas früher als gewöhnlich auf, um die Lektion zu lesen. Die Lektion besteht aus sechs Abschnitten, und so nahm ich mir zunächst täglich einen Abschnitt vor. Oberflächlich betrachtet, war das leicht, aber mir fiel es schwer, in meinen bereits arbeitsreichen Tagen während meines letzten Schuljahres selbst für dieses bißchen Lektüre Zeit zu finden. Nach einigen Wochen konnte ich jedoch früher aufstehen und die Hälfte der Lektion an einem Tag und die andere Hälfte am nächsten Tag lesen. Am Ende des Schuljahres las ich jeden Morgen die ganze Lektion.
Wie gesagt, ich studierte nicht, weil ich eine Heilung wollte. Ich versuchte einfach, die Christliche Wissenschaft besser zu verstehen.
So abgedroschen es auch klingen mag: Nach einer Weile konnte ich es kaum abwarten, Woche für Woche eine neue Idee hinzuzulernen. Einige der sechsundzwanzig verschiedenen Themen waren für mich verblüffend: „Hat sich das Weltall, einschließlich des Menschen, durch atomare Kraft entwickelt?“; „Gehören Sünde, Krankheit und Tod der Wirklichkeit an?“; „Seele und Leib“. Bald stellte ich fest, daß ich bei jedem nochmaligen Lesen der Lektion neue Erkenntnisse gewann. Ich hatte nicht das Gefühl, lediglich das gleiche Material von neuem zu lesen.
Erst im November bemerkte ich plötzlich, daß sich mein Leben geändert hatte. Die Streitereien mit meiner Mutter hatten aufgehört — nicht etwa, weil ich einen neuen Freund gefunden hatte (was der Fall war), sondern weil wir einfach nicht mehr unterschiedlicher Meinung waren, weder darüber, wo ich hinging, noch darüber, wann ich zu Hause sein würde, noch darüber, wie ich mich kleidete.
Meine Noten waren auch besser geworden. Die Beständigkeit und Selbstdisziplin, mit der ich die Lektion las, half meinen Lerngewohnheiten. (Später erhielt ich von allen Colleges, bei denen ich mich beworben hatte, eine Aufnahmezusage, und ich schnitt bei dem Eignungstest gut ab.)
Es war seltsam — und ich meine seltsam, denn nie hatte ich daran gedacht, daß mir die Christliche Wissenschaft dabei helfen könnte, meine Befangenheit abzulegen —, daß ich mein Aussehen immer besser fand. Ich stellte fest, daß ich häufiger lachte, mehr und bessere Freunde hatte und sogar oft eingeladen wurde.
Alle diese Veränderungen — auch die, daß ich mich nun in einem positiven Licht sah — erschienen mir so natürlich, und doch versuchte ich im Grunde genommen ja nur, mich auf eine unbekannte Zukunft vorzubereiten, indem Gott und meine Religion besser zu verstehen suchte. Das konnte mich — und andere, auch meine Mutter und meine Freunde — nur segnen. Mrs. Eddy sagt: „Verlangen ist Gebet; und kein Verlust kann uns daraus erwachsen, daß wir Gott unsere Wünsche anheimstellen, damit sie gemodelt und geläutert weden möchten, ehe sie in Worten und Taten Gestalt annehmen.” Wissenschaft und Gesundheit, S. 1.
Was ich gelernt habe, ist wohl folgendes: Das Studium der Lektionspredigt muß schließlich zu einer Heilung führen.
