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„Wer ist meine Mutter, und wer sind meine Brüder?“

Aus der März 1987-Ausgabe des Herolds der Christlichen Wissenschaft


Stellen Sie sich für einen Augenblick einen überfüllten Raum vor, in dem die Anwesenden aufmerksam den Worten unseres Meisters Christus Jesus lauschen. Plötzlich unterbricht ihn jemand, der ihm sagt: „Siehe, deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und wollen mit dir reden.“ Jesus gibt eine unerwartete Antwort: „Wer ist meine Mutter, und wer sind meine Brüder?“

Er ist an erster Stelle Lehrer, und so versäumt er keine Gelegenheit, auf etwas hinzuweisen oder es anhand eines Beispiels zu veranschaulichen. Auf seine Jünger deutend, fährt er fort: „Siehe da, das ist meine Mutter, und das sind meine Brüder!“ Dann fügt er hinzu: „Denn wer den Willen tut meines Vaters im Himmel, der ist mir Bruder und Schwester und Mutter.“ Mt 12:47-5.

In einem Land, wo Familie und Nationalstolz traditionsgemäß stark waren, durchbrach seine Bemerkung die Schranken biologischer, rassischer und ethnischer Bindungen und brachte denen, die seine Lehren annahmen, ein Gefühl der Zusammengehörigkeit. Seine Worte mögen in den Zuhörern sehr wohl einen umfassenderen Begriff von Familie erweckt haben.

Doch Jesus war trotz seiner radikalen Einstellung ein pflichtbewußter Sohn, selbst in seinen letzten Stunden am Kreuz. Während dieser schweren Prüfung war er noch zärtlich um seine Mutter besorgt und empfahl sie der Obhut eines geliebten Jüngers.

Es war ganz natürlich für Jesus, des himmlischen Vaters immergegenwärtige Liebe und Fürsorge für den Menschen zu veranschaulichen. Mrs. Eddy schreibt in Wissenschaft und Gesundheit: „Vater-Mutter ist der Name für die Gottheit, der ihr zärtliches Verhältnis zu ihrer geistigen Schöpfung andeutet.“ Wissenschaft und Gesundheit, S. 332.

Wenn wir das volle Ausmaß dieses „zärtlichen Verhältnisses" begreifen wollen, müssen wir unbedingt verstehen, daß der Mensch tatsächlich geistig ist — daß er kein physischer Sterblicher ist. Gott ist Geist, Gemüt, und der wirkliche Mensch besteht als Idee im Gemüt. Es ist daher nur natürlich, daß Gemüt zärtliches Wohlwollen für seine eigene Idee bekundet, weil diese Idee unweigerlich die göttliche Natur zum Ausdruck bringen muß.

Verstehen wir aber den Menschen als Idee — und dieses Menschsein als unsere wahre Natur —, dann haben wir das klare Bewußtsein, daß wir untrennbar sind von unserem Vater-Mutter Gott. Wie eine Idee nie von ihrem Urheber getrennt werden kann, so kann auch der Mensch nie von Gott, dem Guten, und den mit dieser Beziehung verbundenen ständigen Segnungen getrennt werden.

Wenn wir dieses „zärtliche Verhältnis" zu unserem Vater-Mutter Gott lieben, wird sich unser Begriff von Familie erweitern und alle Gottesideen einschließen. „Mensch ist der Familienname für alle Ideen — die Söhne und Töchter Gottes“ Ebd., 515., erklärt das Lehrbuch der Christlichen Wissenschaft, Wissenschaft und Gesundheit.

Dieser umfassendere Begriff von Familie wird in etwa durch eine Erfahrung veranschaulicht, die ich vor einigen Jahren hatte. Ich war als Soldat in einem Land stationiert, das fast fünftausend Kilometer von meiner Heimat entfernt ist, und so überraschte es mich nicht, daß ich Heimweh hatte. In unserer Familie waren wir alle sehr eng miteinander verbunden.

Seit unserer Ankunft an unserem neuen Stützpunkt hatten wir jeden Tag bis abends spät gearbeitet, und obwohl ich ernsthaft gebetet hatte, um Gottes liebevolle Gegenwart zu spüren, hatte ich immer noch großes Heimweh. Eines Abends, bevor ich zu Bett ging, bat ich Gott wieder, mir einen greifbaren Beweis Seiner Liebe zu geben. Ich schlug Wissenschaft und Gesundheit auf Seite 57 auf und las folgende Zeilen: „Die winterlichen Stürme der Erde mögen wohl die Blumen der menschlichen Liebe entwurzeln und sie in alle Winde zerstreuen; doch diese Trennung fleischlicher Bande dient dazu, das Denken inniger mit Gott zu verbinden, denn Liebe steht dem kämpfenden Herzen bei, bis es aufhört, über die Welt zu seufzen, und anfängt, seine Schwingen himmelwärts zu entfalten.“

Zuerst verstand ich nicht die volle Bedeutung dieses Abschnitts, aber ich konnte sofort eine Beziehung zu der „Trennung fleischlicher Bande“ finden. Dann erkannte ich klarer, daß diese „Trennung“ einen Zweck haben mußte, nämlich den, „das Denken inniger mit Gott zu verbinden“. Familie ist eine göttliche Idee, die nicht von der Materie begrenzt ist, folgerte ich. Ich konnte meine Familie nicht verlassen. Da mein Vater-Mutter Gott immer gegenwärtig ist, muß auch hier und jetzt ein greifbarer Ausdruck von Familie gegenwärtig sein. Mein Denken wurde ohne Zweifel von einem sehr begrenzten zu einem geistigeren Begriff von Familie erhoben. Mrs. Eddys verheißungsvolle Worte „Liebe steht dem kämpfenden Herzen bei“ bewahrheiteten sich. Ich fühlte, wie Liebe mein Bewußtsein mit Frieden und Inspiration erfüllte.

Einige Wochen später hörte ich, daß es in einer nahegelegenen Stadt eine Christlich-Wissenschaftliche Vereinigung gab. An meinem ersten freien Sonntag fuhr ich mit meinem Fahrrad zum Gottesdienst. Die Mitglieder waren liebevoll und freundlich. Während der nächsten zweieinhalb Jahre verbrachte ich fast jedes Wochenende in dem Heim eines Ehepaares, und ich wurde aktiv in der Vereinigung. Ich hatte regelrecht eine ganz neue Familie gefunden, und unsere tiefe Liebe zu Gottes Wort hatte uns miteinander verbunden.

Ganz gleich, wie warm und liebevoll die menschliche Familie auch sein mag, sie deutet nur den umfassenden und höheren Begriff von universeller Brüderlichkeit an, einer Brüderlichkeit, die auf der höchsten Basis beruht, nämlich der Tatsache, daß es nur einen einzigen Vater und Sein Universum von Ideen gibt. Wenn wir verstehen lernen, daß unser Ursprung in Gott, dem einzigen Vater und der einzigen Mutter, ist und nicht in der Materie, erkennen wir immer klarer, daß die ganze Menschheit „unser Bruder, unsere Schwester und unsere Mutter” ist.

Dies ist eine geistige Tatsache, die auf kein zukünftiges „Leben nach dem Tode” zu warten braucht, um sich zu offenbaren. Wir können schon jetzt Beweise dieser Tatsache sehen. Wer Gott als den einen Vater und die eine Mutter erfaßt hat, kann nicht lange das Gefühl haben, von Familie oder Freunden abgeschnitten zu sein. Er kann niemals wirklich die Annahme akzeptieren, daß Nationalität oder Rasse ihn von der Familie der Menschen und den damit verbundenen grenzenlosen Segnungen ausschließe.

Ob wir nun in glücklichen oder unglücklichen Familienverhältnissen leben, unser Begriff von Familie muß in jedem Fall noch vergeistigt werden. Wir bedürfen ständig der geistigen Schau, die Jesus hatte, als er sagte: „Denn wer den Willen tut meines Vaters im Himmel, der ist mir Bruder und Schwester und Mutter.“

Dadurch, daß wir die universelle Brüderlichkeit in immer größerem Maße wahrnehmen, verringert sich aber nicht die Liebe zu unserer engsten Familie. Die sich entfaltende Wahrnehmung sollte vielmehr die Familienbande stärken, die, von göttlicher Liebe durchdrungen, neue Dimensionen annehmen.


Seid aber untereinander freundlich
und herzlich
und vergebt einer dem andern,
wie auch Gott
euch vergeben hat
in Christus.

Epheser 4:32

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