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Zeit-Lupe

„Ich komme nicht auf dein Feld“

Aus der Februar 2007-Ausgabe des Herolds der Christlichen Wissenschaft


Dieser Satz ist für mich zu einem mentalen Schutz geworden, seit ich mich einmal sehr intensiv mit dem folgenden Bibelvers beschäftigt habe: „Da sprach Kain zu seinem Bruder Abel: Lass uns aufs Feld gehen! Und es begab sich, als sie auf dem Felde waren, erhob sich Kain wider seinen Bruder Abel und schlug ihn tot.” (1. Mose 4:8) Als ich damals diese Stelle las, wurde mir augenblicklich klar: wäre Abel nicht auf das Feld (seines Bruders) gegangen, er wäre nicht erschlagen worden! Als ich weiter darüber nachdachte, kam ich zu der folgenden Einsicht:

Wenn wir uns auf die Diskussionsebene des Irrtums (s. Erklärung am Ende des Beitrags) begeben, liefern wir ihm die erste Angriffsmöglichkeit. Nur auf seinem Feld kann er uns gefährlich werden. Da kennt er sich aus, da bestimmt er die Waffen, da bringt er uns in eine Situation, in der wir glauben, uns verteidigen zu müssen, und schon hat er uns da, er er uns haben will: in seiner Gewalt.

Das beste Mittel, das uns von einem solchen Feld fernhält, ist nicht zu reagieren, wenn uns jemand mit einer Äußerung oder gar einer Handlung provoziert. Ich möchte sogar noch weiter gehen: Wenn wir uns durch die Worte oder Taten eines anderen provoziert fühlen. Denn auch das kommt vor, daß wir uns provoziert fühlen, obwohl es gar nicht so gemeint war. Es ist gar nicht so entscheidend, wie etwas „gesendet”, sondern wie es aufgenommen wird. In jedem Fall liegt es an uns, zu entscheiden, ob wir uns auf das Feld des Irrtums begeben oder nicht. Denn auf solchen Feldern können wir nichts gewinnen. Wir können nur die Verlierer sein. Es wäre wirklich gut, wenn wir uns, bevor wir auf irgend etwas reagieren, immer wieder fragten: „Worüber errege ich mich gerade? Lohnt sich das wirklich? Wem diene ich damit? Gott? Oder dem Irrtum?"

Das heißt nun keineswegs, daß wir uns nicht mehr wehren oder nicht mehr verteidigen sollen, wenn uns Unrecht geschieht, sondern daß wir uns fragen: Müssen wir hier reagieren? Ist es tatsächlich unsere Aufgabe, in dieser Situation irgendetwas zu verteidigen? Wer oder was will uns hier in Bewegung oder gar Erregung setzen?

Wenn wir uns die Geschichte von Kain und Abel noch mal anschauen, werden wir erkennen: dem Abel war kein Unrecht geschehen, für das er sich hätte verteidigen müssen. Es gab für ihn gar keinen Grund, auf das Feld zu gehen. Kain war zornig und neidisch auf seinen Bruder, weil Gott dessen Opfer gnädig angenommen hatte, sein eigenes aber nicht. Doch Abel konnte ihm das bestimmt nicht erklären. Oder beim Schreiben kommt mir der Gedanke vielleicht hatte er genau das versucht! Wie auch immer: es war nicht seine Aufgabe! Es gab für Abel überhaupt nichts zu besprechen auf diesem Feld!

Kurz nachdem ich mit meinen Gedanken an diesen Punkt gekommen war, bekam ich eine Gelegenheit, meine neue Erkenntnis auszuprobieren, denn ein Nachbar herrschte mich wegen einer Lappalie sehr unfreundlich an. Aber anstatt mich darüber zu ärgern oder gar auf seine Bemerkung einzugehen, schwieg ich einfach. Ich ließ diese Provokation einfach nicht an mich herankommen und dachte: „Nein, ich komme nicht auf dein Feld." Und soll ich Ihnen etwas sagen? Das machte richtig Spaß! Weil es funktionierte! Ich habe mich nicht aufgeregt und musste mich auch nicht wieder abregen. Ich bin einfach nicht auf das Feld gegangen! Und als ich den Nachbarn das nächste Mal traf, konnte ich ihn ganz freundlich grüßen, denn es war ja nichts geschehen. Ich hatte allerdings das Gefühl, daß er etwas irritiert war:-)

Ich habe diese Erkenntnis seither wieder und wieder angewandt und riesigen Spaß und großartige Erfolge damit gehabt. Denn die Entscheidung, „nicht auf das Feld zu kommen", bewirkt zweierlei: sie bewahrt davor, sich auf ein Streitgespräch einzulassen, das sowieso nie sinnvoll ist; und sie bewahrt davor, den ganzen Ärger, den solche Auseinandersetzungen mit sich bringen, wieder aus dem eigenen Denken herausbringen zu müssen.

Ein Nachbar herrschte mich an. Aber anstatt mich darüber zu ärgern, schwieg ich einfach. Ich ließ diese Provokation einfach nicht an mich herankommen und dachte: „Nein, ich komme nicht auf dein Feld."

Erst vor ein paar Tagen erlebte ich es erneut. In einer Versammlung stellte eine Teilnehmerin eine provozierende Frage in die Runde. Es war ganz klar, daß diese Frage nicht um einer Antwort willen gestellt wurde, sondern aus reiner Provokation. Sie sollte eine Personengruppe treffen, zu der ich gehörte. Am liebsten hätte ich sofort und zwar scharf darauf geantwortet. Mir war auch sofort eine passende Antwort eingefallen, aber ich bin wirklich dankbar, daß ich sie für mich behalten habe, denn damit hätte ich mich „auf das Feld" begeben. Die Äußerung war wirklich gemein gewesen, aber eine Reaktion hätte alles nur noch viel schlimmer gemacht. Sie hätte nur eine dumme Diskussion ausgelöst, die zu nichts geführt hätte, außer zu noch größeren Verstimmungen. Am Ende wäre ich, wenn ich reagiert hätte, womöglich noch „erschlagen" zurückgeblieben und hätte mich mühselig wieder aufrappeln müssen. Deshalb war ich froh, geschwiegen zu haben, denn es hätte sich unweigerlich das ereignet, was Mrs. Eddy in Wissenschaft und Gesundheit auf S. 583 beschreibt:

„Dan (Jakobs Sohn). Tierischer Magnetismus; ... Irrtum, der die Pläne des Irrtums ausführt; ein Glaube, der über den anderen herfällt." — „Die Pläne des Irrtums" waren in meinem Fall ganz klar: eine Diskussion herbeizuführen, besser noch einen Streit vom Zaun zu brechen. In der Tat, dabei fällt ein Argument über das andere her! Ich war froh, daß ich mich geweigert hatte, diese Pläne des Irrtums auszuführen.

Ein weiteres, sehr interessantes und auch prominentes Beispiel dafür, wie klug es ist, sich nicht auf das Feld locken zu lassen, konnte man im „Torhüterstreit" der deutschen Fußballnationalmannschaft erleben. Es hatte eine lang anhaltende Diskussion darüber gegeben, wer die „Nummer Eins" bei der Weltmeisterschaft hatte sein sollen, Jens Lehmann oder Oliver Kahn. Als sich der Bundestrainer dann für Jens Lehmann entschieden hatte, gierte die Sportpresse geradezu darauf, wie der als emotional geltende Kahn darauf reagieren würde. Ich weiß nicht, welche Überlegungen seinem Handeln zugrunde lagen oder wer ihn beraten hat, aber seine Reaktion war einfach genial. Er bediente weder die Erwartung, sich beleidigt vom Kader zurückzuziehen, noch sandte er die erwarteten verbalen Attacken gegen Trainer oder Rivalen, sondern er erklärte in einer Pressekonferenz ganz ruhig, daß er selbstverständlich als „Nummer Zwei" zur Verfügung stehe! Auch keine noch so verblüffte Gegenfrage hatte ihn aus der Reserve locken können. Als er die Pressekonferenz verließ, hatte ich das Gefühl, daß er in sich hineingrinste. Vielleicht hatte ihn ja jemand auf dieses chinesische Sprichwort aufmerksam gemacht: Ein tiefer Strom zeigt keine Erregung, wenn man einen Stein hineinwirft. Wenn ein Mensch durch eine Beleidigung erzürnt werden kann, so ist er kein Strom, sondern eine Pfütze.

So weit, so gut. Ich möchte aber, um meine Überlegungen zu vervollständigen, noch mal auf mein Erlebnis in der Versammlung zurückkommen: Ich hatte also geschwiegen: Gott sei dank — aber in Gedanken beschäftigte mich diese hässliche Äußerung den ganzen Abend. Als ich am nächsten Morgen merkte, daß ich erneut begann, darüber zu grübeln, wurde mir klar: ich hätte gleich am Abend noch viel radikaler sein müssen und nicht nur nicht antworten sollen, sondern auch in Gedanken nicht re-agieren dürfen. Ich war, zumindest in Gedanken, eben doch „auf das Feld gekommen". Ich musste dieses Feld so schnell wie möglich wieder verlassen, zu meinem eigenen Wohle. Das gelang mir auch, aber es kostete mich einige Mühe, die ich mir hätte ersparen können. Mrs. Eddy lehrt uns, unser Denken ganz mit Wahrheit und Liebe zu füllen, so daß einfach nichts anderes mehr hineinpasst. Ich habe mir vorgenommen, in Zukunft auch diesen Rat noch mehr zu beherzigen.

Fazit: Wir sollten unser Handeln und Denken jederzeit unter Kontrolle zu haben. Je mehr wir das praktizieren, umso häufiger können wir ganz ruhig und gelassen sagen:

„Ich komme nicht auf dein Feld!"

Irrtum ist ein Begriff, der in der Christlichen Wissenschaft verwendet wird, um das Gegenteil (oder die Abwesenheit) von Wahrheit zu umschreiben. Da Wahrheit ein Synonym für Gott ist, bedeutet Irrtum demnach alles, was nicht mit Gott übereinstimmt, also alles Böse, Falsche, Schlechte, Kranke, Hässliche etc. Der Vorteil, den die Benutzung dieses Begriffes bietet, liegt darin, daß er es ermöglicht, alles Böse usw. vom Menschen zu trennen, also unpersönlich zu machen; z. B.: nicht der Mensch ist böse, sondern das Böse ist Irrtum; usw.

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