Als ich mich vor einiger Zeit ungerecht behandelt fühlte, erzählte ich einer Freundin aufgebracht, dass ich sehr wohl schon eine barsche Antwort bereit hätte. Sie erwiderte, dass Feindseligkeit nicht Heilung bringt und dass ich die Sache besser loslasse, wenn ich Fortschritt machen will.
Die Bezeichnung meiner Reaktion als Feindseligkeit ließ mich über die Sache nachdenken und beten. Obwohl ich mich weiter im Recht fühlte, schaute ich nach, was Mary Baker Eddy in Wissenschaft und Gesundheit mit Schlüssel zur Heiligen Schrift über Feindseligkeit sagt. Es kommt nur einmal vor: „Judas hatte weltliche Waffen. Jesus hatte nicht eine davon, und er wählte zur Verteidigung keine weltlichen Mittel. Er tat ‚seinen Mund nicht auf‘. Der große Beweisführer von Wahrheit und Liebe schwieg gegenüber Neid und Hass. Petrus wollte die Feinde seines Meisters schlagen, aber Jesus verbot es ihm und tadelte so Feindseligkeit oder tierischen Mut. Er sagte: ‚Stecke dein Schwert in die Scheide!‘ “ (S. 48).
Für mich war das der Augenblick der Heilung. Ich dachte: „Nein, Feindseligkeit ist nichts, was ich bei mir dulden kann. Und egal, was mir jemand gesagt oder angetan hat, damit will ich nichts zu tun haben.“
Dieser heilende Augenblick war in der Tatsache verwurzelt, dass Gott Liebe ist. Der Mensch als Gottes Ebenbild spiegelt Liebe wider, und die hat keinen Makel von Feindseligkeit und Ressentiments. Das erkannte ich aus der Wahrheit, dass Liebe das einzige Gemüt und der einzige Antrieb in Gottes geistiger Schöpfung ist. In der göttlichen Liebe gibt es weder Feindseligkeit noch eine Veranlassung dazu. Der Mensch ist kein Sterblicher, der tierhaft auf andere Sterbliche reagiert, sondern eine geistige Idee, der Ausdruck der Liebe, und nicht fähig, verletzt zu werden. Daher gibt es keinen Grund zu einer Feindschaft. Solche geistigen Wahrheiten liegen unserer Fähigkeit zugrunde, Liebe und Sanftmut im Alltag zu betätigen, aggressive Impulse zum Schweigen zu bringen, ein Gefühl persönlicher Feindschaft zu überwinden und uns selbst als die Widerspiegelung der unendlichen und ewigen Liebe Gottes zu sehen.
Liebe ist das einzige Gemüt und der einzige Antrieb in Gottes geistiger Schöpfung.
Ich stellte durch diese Erkenntnis fest, dass das Gegenmittel für tierischen Mut moralischer Mut ist, und der kommt von selbst, wenn wir uns geistig als Ausdruck der Liebe verstehen und identifizieren. Neben der Randüberschrift „Eigenschaften des Gedankens“ schreibt Mrs. Eddy: „Moralischer Mut ist ‚der Löwe ... aus dem Stamm Juda‘, der König des mentalen Reichs. Frei und furchtlos durchstreift er den Wald. Ungestört liegt er auf freiem Feld oder ruht ‚auf einer grünen Aue‘ am ‚frischen Wasser‘.“ Und sie fährt fort: „In der bildlichen Übertragung vom göttlichen Gedanken auf den menschlichen werden Fleiß, Schnelligkeit und Beharrlichkeit mit dem ‚Vieh auf den Bergen zu Tausenden‘ verglichen. Sie tragen die Last fester Entschlossenheit und halten mit der höchsten Absicht Schritt. Zartheit begleitet alle Macht, die Geist verleiht“ (Wissenschaft und Gesundheit, S. 514).
Jesus war das höchste Beispiel für moralischen Mut. Ich bezeichne den allgegenwärtigen Christus, die göttliche Natur, die Jesus so umfassend ausgedrückt hat, gern als den König des mentalen Reichs. Für mich heißt das, dass der Einfluss des Christus, der immer im menschlichen Denken vorhanden ist, um zu heilen und zu retten, erhaben ist über den aggressiv Gedanken, dass Tierhaftigkeit normal ist. Wenn ich die Macht dieses Löwen des moralischen Muts anerkenne, fällt es mir leichter, mein Denken auf den Christus ausgerichtet zu halten.
Die moralische Aufforderung und vereinigende Macht, unseren Nächsten zu lieben, steht im Mittelpunkt von Jesu Lehren. Sie ist ein unverzichtbarer Aspekt, um den Christus-Geist zu haben, und bringt unseren Gedanken und Handlungen Frieden und Harmonie. Doch es erfordert Beharrlichkeit, „mit der höchsten Absicht Schritt“ zu halten. Über jeden Gedanken zu wachen, ist ein volles Programm. Wenn wir durch Gebet die unendliche Natur und Allmacht des Gemüts erkennen, das Liebe ist, werden wir vor jedem Gedanken beschützt, der Gott unähnlich ist.
Die Verbindung von Sanftmut und Macht ist nicht unbedingt augenfällig. Doch als ich mehr über diese Eigenschaften nachdachte, erschien mir diese Verbindung äußerst passend. Beide bringen Aspekte des göttlichen Charakters zum Ausdruck. Wenn wir unser Denken an der Sanftmut der göttlichen Liebe ausrichten, lösen sich tierische Neigungen auf, die sich in Form von Feindseligkeit ausdrücken, und die Macht des Geistes liefert das nötige Durchhaltevermögen.
Gottes liebevolle Botschaften bringen Frieden. Gedanken, die uns anstacheln, feindselig und aggressiv zu reagieren, stammen nicht von Gott. Wir können diese Hochstapler abweisen. Sie sind nur Suggestionen von dem, was Paulus als „Gesinnung des Fleisches“ bezeichnet (Römer 8:7); sie sind des Gotteskindes weder würdig noch haben sie eine Beziehung zu ihm. Sie haben keine wahre Existenz, denn Gott ist das einzige Gemüt.
Es ist so ein gutes Gefühl zu wissen, dass wir als Gottes Kinder weder fleischlich noch tierhaft sind. Gottes geistige Schöpfung umfasst kein destruktives, tierhaftes Wesen. Liebe ist Alles. Und wir sind nicht von Natur aus feindselig, denn unser wahres und einziges Wesen ist die unsterbliche Idee der göttlichen Liebe. Der Mensch ist das geliebte und liebevolle Ebenbild der Liebe und bringt die Sanftmut der Liebe und die Macht des Geistes zum Ausdruck. Jesus wusste, dass die Macht der Liebe die einzige Macht ist und dass das Böse am besten durch göttliche Macht und nicht durch tierhafte Reaktion besiegt wird.
Unsere Gebete sollten voller Zartheit und Liebe sein, auch wenn sie die Macht des Geistes widerspiegeln. Mary Baker Eddy sagte einst: „Wir sollten Böses mit Gutem überwinden; wir sollten in unserer mentalen Arbeit nicht aggressiv mit der Welt umgehen, sonst müssten wir uns diesem aggressiven Gedanken stellen und ihn meistern, wenn er gegen uns gerichtet wird. Er würde unsere Ziele nicht kennen, sich ihnen aber widersetzen und alles schlimmer machen“ (We Knew Mary Baker Eddy, Erweiterte Ausgabe, Bd. II, S. 324).
Diese Einstellung, nicht aggressiv zu sein, findet sich auch in Lied Nr. 315 des Liederbuchs der Christlichen Wissenschaft. Die erste Strophe lautet:
Sprich gütig! Herrsch durch Liebe nur
und nicht durch Furcht; hab acht,
dass keines harten Wortes Spur
dem Guten Schaden macht.
(David Bates, Übersetzung © CSBD)
Die Aufgabe, unsere Gedanken im Zaum zu halten und darauf zu achten, dass wir die Liebe ausdrücken, die von Gott kommt und unsere wahre Natur wiedergibt, könnte überwältigend scheinen, wenn wir sie allein bewerkstelligen müssten. Doch wir sind nicht allein. Die Liebe, die heilt, ist kein persönliches Verständnis von Liebe und auch nichts, was wir zusammenklauben müssen, um Feindseligkeit und Hass zu überwinden. Vielmehr bedeutet es, Gottes unendliche und ewige Liebe ganz natürlich und von Ihm inspiriert widerzuspiegeln. Unsere Aufgabe liegt darin, Gottes Liebe durch uns zum Ausdruck kommen zu lassen und uns der göttlichen Liebe zu ergeben. Ich betrachte es als Widerspiegelung der Liebe, die Gott zu einem – und allen – Menschen hat. Diese Liebe segnet alle, die davon berührt werden.
Mary Baker Eddy drückt dies sehr klar aus: „Wer den Saum des Gewandes Christi berührt und seine sterblichen Auffassungen, seine tierische Natur und den Hass besiegt, der erfreut sich am Beweis des Heilens – an einem lieblichen und sicheren Empfinden, dass Gott Liebe ist“ (Wissenschaft und Gesundheit, S. 569).
Jetzt ist es selbstverständlicher, mich sanft und liebevoll auszudrücken. Bei schwierigen Situationen, die in der Vergangenheit zu Feindseligkeit oder Ressentiments geführt hätten, weiß ich jetzt, dass es an der Zeit ist, sanft und liebevoll zu beten. Meine Gebete sind heute friedvoller und tragen herrliche, heilende Früchte. Wenn wir es der Liebe überlassen, unsere Gedanken mit Anteilnahme, Sanftheit und Gnade zu füllen, wird die ganze Menschheit gesegnet.
Übersetzt aus dem Christian Science Sentinel, Ausgabe 13. Februar 2017
