Christi Jesu dramatischer und triumphaler Einzug in Jerusalem hatte ihn unwiderruflich als den verheißenen Messias vor die Öffentlichkeit gestellt. Seine Beliebtheit beim Volk erschien sicher.
Aus den vier Evangelien geht hervor, daß in der Menschenmenge, die dem galiläischen Propheten nachfolgte, alle Schichten vertreten waren. Und nun erwähnt das Johannesevangelium etliche Griechen, die zum Passahfest gekommen waren. Sie traten zu Philippus und sagten: „Herr, wir wollten Jesus gerne sehen“ (12:20, 21). Philippus sagte es Andreas weiter, und die beiden wandten sich an Jesus.
In diesem Falle scheint Jesus die Erfüllung seiner weltweiten Mission erkannt zu haben. Bei anderen Gelegenheiten hatte er gesagt, daß seine Zeit „noch nicht gekommen“ sei (s. 2:4; 7:6, 8), aber nun erklärte er ohne Zögern: „Die Zeit ist gekommen, daß des Menschen Sohn verherrlicht werde“ (12:23).
Als er Philippus und Andreas antwortete, erwähnte er von neuem den Preis der Jüngerschaft; seine Worte, wie sie niedergeschrieben sind, nahmen allmählich die Form eines Selbstgesprächs, ja eines Gebets an, als er die schwere Prüfung voraussah, die ihm noch in derselben Woche bevorstand. „Jetzt ist meine Seele betrübt. Und was soll ich sagen? Vater, hilf mir aus dieser Stunde? Nein, darum bin ich in diese Stunde gekommen. Vater, verherrliche deinen Namen! Da kam eine Stimme vom Himmel: Ich habe ihn verherrlicht und will ihn abermals verherrlichen“ (12:27, 28). Seine Versuche, die bevorstehenden Ereignisse, einschließlich seines Todes, zu erklären, wurden von seinen Zuhörern weiterhin mißverstanden. Wie konnten diese Dinge dem verheißenen Messias geschehen, der Jesajas Prophezeiung gemäß für immer bleiben sollte? (S. Vers 32–34; vgl. Jes. 9:6.)
Den meisten seiner Zuhörer entging die Bedeutung seiner Anspielung auf das Licht und die Finsternis; selbst die von ihm vollbrachten Zeichen konnten sie nicht überzeugen. Und doch gab es viele, sogar unter der jüdischen Obrigkeit, die an ihn glaubten. Sie hatten aber nicht den Mut, sich öffentlich zu ihm zu bekennen, aus Furcht, sie würden von den Pharisäern geächtet werden (s. Joh. 12: 35–43). Es war sein inniger Wunsch, daß seine Mission verstanden werde. In Gehorsam gegen Gott war er in die Welt gekommen, um ihr jenes göttliche Licht des Christus vom Vater zu bringen, dessen Gebot ewiges Leben ist (s. Vers 44–50).
Während dieses letzten Aufenthalts in Jerusalem zog sich Jesus jeden Abend — außer am ersten, wo er wieder nach Bethanien ging — mit seinen Jüngern zum Ölberg zurück (s. Luk. 21:37).
Als sie am Dienstagmorgen derselben Woche in die Stadt kamen, stellten die Jünger zu ihrer Überraschung fest, daß der unfruchtbare Feigenbaum, den der Meister den Tag zuvor verdammt hatte, von der Wurzel an verdorrt war. Er erklärte ihnen, daß sie nicht überrascht sein sollten. Wenn ihr Glaube groß genug wäre, könnten sie, wenn notwendig, Berge versetzen. Eben dieses unbedingte Vertrauen und auch Versöhnlichkeit mußten ihre Gebete kennzeichnen. Er verhieß ihnen: „Alles, was ihr bittet in eurem Gebet, glaubet nur, daß ihr's empfangt, so wird's euch werden“, oder wie es in der Übersetzung von Hermann Menge heißt, und beachten Sie den eindrucksvollen Gebrauch der Zeitformen: „Bei allem, was ihr im Gebet erbittet, — glaubt nur, daß ihr es (tatsächlich) empfangen habt, so wird es euch zuteil werden“ (s. Mark. 11:19–26; vgl. Matth. 21:18–22).
Jesus ging wie gewöhnlich zum Tempel, um sein Lehren fortzusetzen, aber kaum hatte er zu sprechen begonnen, da wurde er von einer Gruppe Hoherpriester, Schriftgelehrter und Ältester unterbrochen, die von ihm wissen wollten, was für eine Vollmacht er habe und von wem er sie empfangen habe. Er erklärte sich einverstanden, ihre Frage zu beantworten, wenn sie die seine beantworteten: „Woher war die Taufe des Johannes? War sie vom Himmel oder von den Menschen? Da bedachten sie's bei sich selbst und sprachen: Sagen wir, sie sei vom Himmel gewesen, so wird er zu uns sagen: Warum glaubtet ihr ihm denn nicht? Sagen wir aber, sie sei von Menschen gewesen, so müssen wir uns vor dem Volk fürchten, denn sie halten alle Johannes für einen Propheten. Und sie antworteten Jesus und sprachen: Wir wissen's nicht. Da sprach er zu ihnen: So sage ich euch auch nicht, aus was für Vollmacht ich das tue“ (s. Matth. 21:23–27; vgl. Mark. 11:27–33; Luk. 20:1–8).
Darauf folgen einige Gleichnisse. Das Gleichnis von den zwei Söhnen, das denjenigen galt, die seine Vollmacht und sein Recht, zu lehren, in Frage gestellt hatten, deckte ihre Heuchelei und ihren Mangel an Reue auf (s. Matth. 21:28–32). Das Gleichnis von dem bösen Weingärtner wies ebenfalls auf seine Gegner hin, obwohl es Lukas gemäß an die Menschen im allgemeinen gerichtet war (s. Matth. 21:33–45; Mark. 12:1–11; Luk. 20:9–18). Die Treulosigkeit der Obrigkeit gegen ihr religiöses Erbe würde gewiß zu dessen Verlust führen; es würde anderen gegeben werden. Bei der Zusammenfassung dieser Lehre bewies Jesus erneut seine Vertrautheit mit dem Alten Testament: „Habt ihr nicht gelesen in der Schrift: ‚Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, der ist zum Eckstein geworden‘?“ (Mark. 12:10; s. Matth. 21:42; Luk. 20:17; vgl. Ps. 118:22.)
Die Lehre des von Matthäus aufgeführten nächsten Gleichnisses von einem prunkvollen königlichen Hochzeitsfest und den dazu geladenen Gästen ist in Jesu Worten enthalten: „Viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt“ (s. 22:1–14; vgl. Luk. 14:16–24).
Das Netz des Verrats wurde sogar noch enger von denen zusammengezogen, die entschlossen waren, den Nazarener bei einer gewagten Erklärung zu ertappen, aufgrund deren sie ihn gefangennehmen könnten. Da sie aber das Volk fürchteten, dessen Hingabe an seinen Wohltäter es leicht dazu bringen könnte, sich gegen seine Feinde zu wenden, war ihr Angriff wohlüberlegt und heimtückisch.
Die Pharisäer, strikte, aber nicht revolutionäre Vertreter der jüdischen religiösen und nationalen Identität und Unabhängigkeit, schlossen sich mit den Herodianern, den Anhängern der Familie des Herodes, zusammen, die sehr wohl die römische Oberherrschaft unterstützt haben mögen. Nach schmeichelnden Bemerkungen fragten sie: „Ist's recht, daß man dem Kaiser Steuer zahle, oder nicht?“ Ihre Absicht war es, Jesus in einer Aussage zu fangen, die gegen ihn gebraucht werden konnte, sei es bei den Römern oder beim Volk, das die fremde Steuer haßte. Doch Jesus ging nicht in die Falle. Er ließ sich eine Münze geben und stellte ihnen die Gegenfrage: „Wes ist das Bild und die Aufschrift?“ Als sie antworteten, daß es des Kaisers sei, schloß er die Diskussion mit den Worten: „So gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!“ (S. Matth. 22:15–22; Mark. 12:13–17; Luk. 20:19–26.)
Nun, da die Pharisäer und Herodianer zum Schweigen gebracht worden waren, versuchten als nächste die Sadduzäer den großen Lehrer in die Enge zu treiben. Sie legten ihm den hypothetischen Fall einer Frau vor, die hintereinander sieben Brüder geheiratet hatte. Welcher würde bei der Auferstehung ihr rechtmäßiger Mann sein? (S. Matth. 22: 23–33; Mark. 12:18–27; Luk. 20:27–40.)
Die Frage war natürlich nicht ernst zu nehmen, denn die Sadduzäer lehnten die Lehre der Auferstehung ebenso entschieden ab, wie Jesus und die Pharisäer an sie glaubten. Ihr Bemühen jedoch, die ganze Idee ins Lächerliche zu ziehen und diejenigen zu demütigen, die sie vertraten, wurde durch des Meisters Erklärung vereitelt, daß die Auferstehung tatsächlich mit der Heiligen Schrift übereinstimme. Mose selbst hatte am brennenden Dornbusch den Herrn als den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs erkannt. „Gott aber ist nicht der Toten, sondern der Lebendigen Gott; denn sie leben ihm alle“, oder wie Menge es übersetzt: „denn alle leben für ihn“ (Luk. 20:38; vgl. 2. Mose 3:6). Außerdem, wie Jesus betonte, ist die Ehe eine menschliche Einrichtung.
Selbst einige der Schriftgelehrten mußten gestehen, daß er recht geantwortet hatte.
