Gesetz im höchsten Sinn bedeutet eine bestimmte, unabänderliche Wirksamkeit nach feststehenden Regeln, die vom göttlichen Prinzip ausgeht und das ganze Universum durchwaltet. Das göttliche Gesetz wird nicht von menschlichen Gesetzen beeinflußt; es bleibt durch alle Zeiten hindurch ebenso unverändert wie Gott selbst. Wie die Planeten in Übereinstimmung mit einem vorgeschriebenen Gesetz im Weltenraum kreisen, von ihrem regelmäßigen Lauf niemals abweichen, so ist jede Idee Gottes in Übereinstimmung mit der Leitung der unendlichen Weisheit und Liebe wirksam, und jeder sogenannte materielle Zustand ist der Macht des geistigen Gesetzes unterworfen.
Der hervorragende Rechtsgelehrte William Blackstone muß offenbar Lichtblicke von der Wahrheit gehabt haben, denn, auf das göttliche Gesetz Bezug nehmend, schreibt er: „Es ist für den ganzen Erdenkreis bindend, in allen Ländern und zu allen Zeiten. Menschliche Gesetze haben keine Gültigkeit, wenn sie ihm entgegengesetzt sind; und die, die gelten, verdanken ihre ganze Kraft und all ihr Wirkungsvermögen diesem Ursprung.” Wir sehen also, daß die menschlichen Gesetze all ihre Gültigkeit vom göttlichen Gesetz erlangen und daß alle Verordnungen, die dem göttlichen Gesetz nicht entsprechen, somit null und nichtig sind. Dennoch stünde es nicht in Übereinstimmung mit den Bestimmungen der unendlichen Weisheit, wollte jemand die menschlichen Gesetze, die zur gegenwärtigen Zeit den Bedürfnissen der Menschheit entsprechen, vorschnell abschaffen oder ihnen zuwiderhandeln, ehe das menschliche Denken den Zuständen entwachsen ist, die diese Gesetze nötig machen. Nichts Zerstörendes geht von der göttlichen Liebe aus. Jesus sagte: „Ihr sollt nicht wähnen, daß ich kommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht kommen, aufzulösen, sondern zu erfüllen.” Dennoch ist es für jemand, der den juristischen Beruf ausübt, nötig, die Wahrheit zu erkennen, daß Gerechtigkeit weder von den Bestimmungen menschlicher Satzungen, noch von dem Ausspruch eines Gerichts, noch von dem der Geschworenen abhängig ist. In Wirklichkeit gibt es nur einen Gesetzgeber und einen Richter. Wir müssen diese Tatsache stets vor Augen behalten und sie bekräftigen, weil wir sonst unter der Herrschaft sterblicher Bestimmungen bleiben. Mrs. Eddy sagt auf Seite 445 von Wissenschaft und Gesundheit: „Du verdunkelst das göttliche Gesetz des Heilens und machst es nichtig, wenn du das Menschliche und das Göttliche auf ein und derselben Wage wiegst, oder wenn du die Allgegenwart und Allmacht Gottes in irgendeiner Richtung des Gedankens begrenzt.”
Was bedeuten die Worte: das Gesetz erfüllen? Folgende Stellen aus der Bibel dürften diese Frage vollständig beantworten. In seinem Brief an die Römer sagt Paulus: „Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung.” Ein andermal sagt er zu den Galatern: „Denn alle Gesetze werden in einem Wort erfüllet, in dem: ‚Liebe deinen Nächsten als dich selbst.‘” „Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.” In der Epistel des Jakobus lesen wir: „So ihr das königliche Gesetz erfüllet nach der Schrift: ‚Liebe deinen Nächsten als dich selbst‘, so tut ihr wohl.” Das wahre Wesen des Gesetzes liegt also in der Liebe begründet. Wenn nun unter den Menschen genug Liebe zum Ausdruck käme, so wären weder vorschreibende noch verbietende Maßregeln, Bestimmungen und Satzungen nötig, denn jeder würde das universelle Glück, das Glück der ganzen Menschheit suchen, statt seine eignen selbstsüchtigen Interessen zu verfolgen. Dieses Wort „Liebe” muß jedoch eine höhere und geistigere Bedeutung haben als ihm gewöhnlich beigemessen wird. Es muß das menschliche Denken zur Betrachtung von etwas Besserem erheben als es selbst ist, zu Höhenkreisen, wo es nur Gottes Wiederspiegelung gewahren kann.
Wenn wir unser eignes Glück suchen, können wir nicht umhin, zum Glück aller beizutragen, und ebenso erhöhen wir unser eignes Glück, wenn wir einem andern zum Glück verhelfen. In unserm Textbuch lesen wir: „Glück ist geistig, aus Wahrheit und Liebe geboren. Es ist selbstlos, daher kann es nicht allein bestehen, sondern verlangt, daß die ganze Menschheit es teile” (S. 57). Glück kann nur durch den richtigen Begriff vom Gesetz und durch strengen Gehorsam gegen dasselbe erlangt werden. Über diesen Punkt äußert sich Blackstone wie folgt: „Er [Gott] hat die Gesetze der ewigen Gerechtigkeit mit dem Glück eines jeden Individuums so eng verknüpft und so unauflöslich verwoben, daß Glück ohne die Beobachtung dieser Gesetze nicht erreicht werden kann; und wenn diese Gesetze genau befolgt werden, führen sie unbedingt Glück herbei. Dieser gegenseitigen Verbindung von Gerechtigkeit und menschlichem Glück zufolge hat Er die Gesetze der Natur nicht mit einer Unmenge abstrakter Bestimmungen und Gebote verquickt, die nur auf Schicklichkeit oder Unschicklichkeit Bezug haben (und dieser eitlen Vermutung hat sich mancher hingegeben), sondern Er hat die Regel des Gehorsams unter dieses eine väterliche Gebot gebracht, ‚daß der Mensch nach seinem eignen wahren und wesentlichen Glück trachten müsse.‘”
Dies führt den Gehorsam gegen das Gesetz auf einen natürlichen und einfachen Vorgang zurück, nämlich auf das Suchen nach dem eignen wahren Glück. Wir sehen also, daß eine unrechte Tat nicht aus böswilliger Absicht oder gewolltem Ungehorsam gegen das Gesetz hervorgeht, sondern aus Unwissenheit in bezug auf den Zweck des Gesetzes. Niemand tut mit Absicht etwas, was ihm selber schadet. Wenn wir anfangen zu erkennen, daß alle falsche Tätigkeit oder alles falsche Denken aus getrübtem Erkennungsvermögen hervorgeht, dann sind wir imstande, über den sogenannten Missetäter liebevoll zu denken und ihm zur Erkenntnis des wahren Gesetzes zu verhelfen. Hat er diese Erkenntnis einmal erlangt, dann wird er ebenso froh und bereit sein, dem Gesetz zu gehorchen, wie wir selbst. Die Christlichen Wissenschafter lernen aus allen Schriften ihrer Führerin (und diese gründen sich auf die Lehren Christi Jesu), daß die göttliche Gesetz bessernd und aufbauend wirkt; daher können sie mit dem Psalmisten ausrufen: „Wie habe ich dein Gesetz so lieb! Täglich rede ich davon.”
Wer Weisheit nur aus Büchern lernt
Und selbst nicht weise denkt und lebt,
Wird immer mehr von ihr entfernt,
Je mehr er ihr zu nahen strebt.
Das Leben soll die Erde sein,
Darin die Weisheit Wurzel schlägt,
Und pflanzt ihr hier den Kern nicht ein,
Wächst euch kein Baum, der Früchte trägt.
