Die Genauigkeit, mit der Jesus die Gedanken derer las, die mit ihm in Berührung kamen, ist für den Schüler der Christlichen Wissenschaft ein Gegenstand anregender und nützlicher Betrachtung. Wer Augen hat zu sehen und Ohren zu hören, wird in diesen Berichten so manche Lehre finden, die ihm zum Segen gereicht. In Wissenschaft und Gesundheit sagt Mrs. Eddy: „Mit Leichtigkeit las unser Meister die Gedanken der Menschheit, und dieser Scharfblick befähigte ihn in höherem Maße, jenen Gedanken die rechte Richtung zu geben.” Und ferner: „Die Wirkung seines Gemüts war immerdar Heilen und Erretten; und dies ist die einzige echte Wissenschaft, mit Hilfe derer man das sterbliche Gemüt liest” (SS. 94, 95).
Im achten Kapitel des Matthäus- und im vierten Kapitel des Johannes-Evangeliums wird von zwei Männern berichtet, die zu Jesus kamen, weil jeder daheim einen Kranken hatte. In dem einen Bericht ist die Rede von einem Hauptmann und seinem gichtbrüchigen Knecht, der „große Qual” hatte, in dem andern von einem „Königischen” und seinem „todkranken” Sohn. Beide flehten Jesus um augenblickliche Hilfe an, denn es handelte sich beidemal um einen äußersten Fall. Diejenigen unter den Anwesenden, die etwa geneigt waren, zwischen beiden Bitten um Hilfe einen Vergleich anzustellen, dürften wohl die gleiche Behandlung seitens Jesu erwartet haben, da beide Bitten, wenigstens äußerlich, ähnlich zu sein schienen. Aber Jesus, den Mrs. Eddy auf Seite 313 von Wissenschaft und Gesundheit als den „wissenschaftlichsten Menschen” bezeichnet, „der je auf Erden gewandelt”, war in seinem Urteil weder oberflächlich noch übermäßig kritisch. Er ging jeder Sache auf den Grund, und indem er mit geistigem Scharfblick alle wahre Not sowohl wie das Wesen einer jeden Bitten erkannte, trieb er Übel aller Art aus und brachte den Kranken augenblicklich Heilung.
Dem Hauptmann, der den Fall seines Knechtes darlegte, antwortete Jesus: „Ich will kommen und ihn gesund machen.” Und zum Königischen, der ihn bat, „daß er hinabkäme und hülfe seinem Sohn”, sagte er: „Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder sehet, so glaubet ihr nicht.” Warum gab Jesus in beiden Fällen so verschiedene Antworten? War es nicht deshalb, weil die beiden Gemüter, die sich um Hilfe an ihn wandten, einen Gegensatz darstellten? Bei näherer Betrachtung sehen wir, daß der Hauptmann in seinem tiefen Glauben an die Christus-Heilkraft nichts weiter tat als den Zustand seines heimgesuchten Knechtes darzulegen, da er wußte, daß der, welcher vor ihm stand, das Wesen der allver- mögenden Liebe vertrat und daher seiner großen Not in schnellster und bester Weise abhelfen würde, ohne weiterer Angaben oder Anweisungen zu bedürfen.
Jesus erkannte unmittelbar des Hauptmanns kindlichen und rückhaltlosen Glauben und kam ihm mit den Worten entgegen: „Ich will kommen und ihn gesund machen.” Die Idee der Liebe ist allgegenwärtig und kommt selbstvergessen jedem Bedürfnis entgegen. Welche Dankbarkeit und Demut, welcher Glaube liegt in der Antwort dieses einfachen, edelgesinnten Mannes: „Herr, ich bin nicht wert, daß du unter mein Dach gehest; sondern sprich nur ein Wort, so wird mein Knecht gesund.” Wohl konnte sich der Meister angesichts solch zuversichtlichen Glaubens „verwundern” und zu denen, die ihm nachfolgten, sprechen: „Wahrlich, ich sage euch: Solchen Glauben habe ich in Israel nicht gefunden!” und hierauf zu dem Hauptmann: „Gehe hin; dir geschehe, wie du geglaubt hast.” Ist es erstaunlich, daß „sein Knecht ... gesund [ward] zu derselbigen Stunde”?
Jesus, der liebevolle Vertreter der Christus-Idee, entsprach gewiß der Bitte des Königischen, hinabzukommen und seinem Sohn zu helfen, ebenso bereitwillig. Da er aber sah, daß dieser Mann seine (Jesu) persönliche Gegenwart am Lager seines Sohnes zu dessen Genesung für notwendig hielt, wollte er ihn weiter auf die Probe stellen und rief daher aus: „Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder sehet, so glaubet ihr nicht.” So groß war aber die seelische Not des Mannes, daß Jesu laute Anklage gegen den Unglauben des Zeitalters ihn aus dem mesmerischen Anspruch der Furcht, die ihn beherrschte, nicht zu erwecken vermochte, und noch flehentlicher rief er aus: „Herr, komm hinab, ehedenn mein Kind stirbt!” Darauf machte Jesus allen weiteren Gegengründen des Irrtums ein Ende, indem er in positiver Weise die Gegenwart des Lebens bekräftigte, das keinen Tod kennt. „Gehe hin”, so sprach er, „dein Sohn lebet!” Da kam dem Vater die herrliche Botschaft zum Bewußtsein, die in diesen kurzen Worten enthalten war: Die Idee der Liebe ist nie krank gewesen und ist auch jetzt nicht krank, sondern spiegelt auf immer das unvergängliche Leben, die Wahrheit, Substanz und Intelligenz ihres Vater-Mutter Gottes wieder, des Menschen einzige Elternschaft. Nun war der entsetzliche Alp, der ihn drückte, zu Ende. Wir lesen, daß er „glaubete dem Wort, das Jesus zu ihm sagte”. Doch hielt er sich wohl noch etwas auf, um mehr von dem lebenspendenden Wort zu hören, denn wir entnehmen dem Bericht, daß er erst am nächsten Tage seinen Knechten begegnete, die ihm mit der frohen Botschaft von der Wiederherstellung seines Kindes entgegenkamen.
Es könnten noch viele Beispiele angeführt werden zum Beweise dafür, daß Jesu Denken gleich einem mächtigen Scheinwerfer den Irrtum aus seinem Versteck zwang und verborgene Sünde aufdeckte, wie Selbstgerechtigkeit, die Neigung, andre zu verdammen, Furcht, Heuchelei, Trägheit usw.; und da er das unpersönliche Wesen dieser mentalen Eigenschaften und überdies deren Unwirklichkeit erkannte, war er imstande, die Menschen aus ihrem Traumzustande zu erwecken und den einzelnen die Notwendigkeit erkennen zu lassen, sein Denken zu durchforschen und zu ändern, Jesus hielt seinen geistigen Blick stets auf den wahren, von Gott geschaffenen Menschen gerichtet und bot daher jederzeit die Christus-Idee dar. Wer ihm willig zuhörte und des Segens teilhaftig werden wollte, der durch ihn kam, erlebte eine herrliche geistige Wiedererneuerung, erfuhr wissenschaftliche Heilung an sich selber.
Die Frage, wie der Schüler der Christlichen Wissenschaft diese wertvolle Fähigkeit erlangen könne, den unausgesprochenen Gedanken zum Zweck seiner Berichtigung zu entdecken — eine Fähigkeit, die Jesus besaß und in wirksamster Weise brauchte —, wird für alle Zeiten von unsrer Führerin auf Seite 95 von Wissenschaft und Gesundheit beantwortet, wo es heißt: „Wir nähern uns Gott oder Leben im Verhältnis zu unsrer Geistigkeit, zu unsrer Treue gegen Wahrheit und Liebe; und in demselben Verhältnis erkennen wir alle menschliche Notdurft und sind imstande, die Gedanken der Kranken und Sündigen zu unterscheiden, um sie zu heilen. ... Die größere oder geringere Fähigkeit eines Christlichen Wissenschafters, Gedanken wissenschaftlich zu unterscheiden, hängt von der Echtheit seiner Geistigkeit ab. Diese Art des Gemüts-Lesens ist nicht Hellsehen, aber für den Erfolg im Heilen ist sie wichtig; sie ist eins der besonderen Kennzeichen dieses Heilens.”
Es ist also nicht eine besondere Gabe, mit der einige Bevorzugte bedacht werden, sondern vielmehr eine Begleiterscheinung des Gesinnetseins „wie Christus Jesus auch war”— des Gemüts, das die Ansprüche des Irrtums auf Stellung und Macht umstößt und das gegenwärtige Bestehen des Himmelreichs verkündet. Dieses Gemüt ist in dem Maße unser, wie wir am Prinzip getreu festhalten, unsern Nächsten suchen zu lieben wie uns selbst, Eigenliebe, Eigenwillen, Stolz, Tadelsucht samt ihren unliebsamen Genossen aus unserm eignen Denken vertreiben und in tiefer Demut die göttliche Wissenschaft willkommen heißen, die die Erkenntnis von des Menschen geistigem und ewigem Einssein mit Gott mit sich bringt.
Hierbei ist zu beachten, daß Jesus sich niemals bei dem Irrtum, den er bloßstellte, aufhielt, sondern ihn mit einigen strengen Worten rügte und unweigerlich zum Schwinden brachte. Da er wußte, daß jeder unharmonische Zustand eine Illusion ist, verharrte er in dem erbarmungsvollen Verständnis von Gott als Liebe und von, Menschen als Seiner vollkommenen Idee, die nicht fallen kann und unsterblich ist. Durch diese wissenschaftliche, geistige Disziplin spiegelte Jesus die göttliche Macht wieder, welche alle heilte, die in das Bereich seines reinen Denkens kamen.
Wenn wir Christus Jesus, dem Wegweiser, sowie unsrer erleuchteten Führerin, die die in Vergessenheit geratene Wissenschaft des Gemüts-Heilens wiedereingeführt und klargemacht hat, getreulich nachfolgen wollen, müssen wir darauf achten, daß wir auf die an uns herantretenden Bitten um Hilfe in der rechten Weise horchen. Der Irrtum trachtet sofort, uns zu dem Glauben zu verleiten, daß hier ein mehr oder minder schwieriges Übel zu überwinden sei, daß wir einen Patienten vor uns hätten, der geheilt werden müsse, wo es doch der Wahrheit nach keine Krankheit und keine Disharmonie gibt, da nichts derartiges in Gott existiert. Unsre Arbeit besteht darin, still zu bleiben, uns der großen Wahrheit von Gottes Allheit bewußt zu werden und unsre Stellung derart zu befestigen, daß wir jedweder Form des Übels, die sich behaupten mag, zu begegnen und sie zu vernichten vermögen.
Wenn wir so gesinnet sind, „wie Christus Jesus auch war”, wird uns göttliche Führung zuteil, und wir werden das wissenschaftlich Nichtige sagen und tun. Wir werden es vermeiden, das unbelehrte Gemüt, das auf Erklärungen drängt, die es noch nicht fassen kann und vorderhand nicht braucht, zu verwirren, sondern werden den Entwicklungsgang in kluger Weise Gott anvertrauen, der „das Gedeihen” gibt. Wir werden der Versuchung nicht nachgeben, die Materie zu befragen, sie wegen Ergebnissen zu beobachten oder über die vermeintliche Vergangenheit und Zukunft des Anspruchs des Irrtums Betrachtungen anzustellen, sondern wir werden die absolute Nichtsheit des ganzen Machwerks vom Standpunkte Gottes, vom Standpunkt des Prinzips aus, das unsre Grundlage ist, erkennen. Auch werden wir uns nicht durch eine plötzliche Änderung, durch einen scheinbaren Stillstand oder durch hartnäckigen Widerstand bei unsrer Arbeit verwirren lassen.
Wenn wir das Gesetz Gottes anerkennen, und wenn wir verstehen, daß dasselbe stets wirksam und allmächtig ist, dann können wir in der Gewißheit weilen, daß Gott alle gewissenhafte, treue Arbeit segnet und fördert. Denn „der Hagel [wird] die falsche Zuflucht wegtreiben, und Wasser sollen den Schirm wegschwemmen”, lautet die biblische Verheißung. In solch mächtiger Weise reinigt, läutert und vergeistigt das Wort der Wahrheit, wenn es wissenschaftlich angewandt wird, jede menschliche Aufgabe, mag dieselbe den einzelnen oder die Gesamtheit betreffen.
Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir.—
