Die Christlichen Wissenschafter begegnen bei ihrem Dartun der Wissenschaft des Seins allerlei das Denken oder die Gesinnung betreffenden Fragen, die mit falscher Beurteilung zusammenhängen. Die Form, gegen die man sich am meisten zu schützen sucht, ist das irrige Beurteilen und Verdammen unseres Nächsten. Viele ernste Arbeiter wissen dies, und sie widmen diesem Gegenstand viel Nachdenken und Beten, da sie eingesehen haben, wie sehr das sogenannte sterbliche Gemüt dazu neigt, sich in die Angelegenheiten des Nächsten zu mischen.
Der treue Arbeiter lernt bald verstehen, daß ihn die Arbeit im eigenen Denken so in Anspruch nimmt, daß ihm keine Zeit übrig bleibt, um den Altar seines Nächsten zu befestigen. Nur wenn er durch Prüfen und Berichtigen der eigenen Gedanken, Absichten und Handlungen verstehen lernt, still da zu verweilen, wohin er rechtmäßig gehört, ist er sich in genügendem Maße der Führung Gottes bewußt, um fähig zu sein, anderen beizustehen, wenn sie sich um Hilfe an ihn wenden. Wenn auch alle beständig auf der Hut sein müssen, damit diese falsche Beurteilung des Nächsten sie nicht von neuem bestürme und zu Fall bringe, so ist doch darüber, daß man sich um seine eigenen Angelegenheiten kümmern soll, schon so viel geschrieben und gesagt worden, daß hierüber niemand einzuschlafen braucht, wenn er nur mit rechter Unverdrossenheit wachen und beten will.
Eine andere Form der falschen Beurteilung, über die sich die Christlichen Wissenschafter manchmal nur schwer erheben, ist die übliche falsche Beurteilung durch andere. Wenn sie entdecken, daß andere sie falsch beurteilen, sind sie geneigt, sich sofort darüber aufzuregen und häufig darauf loszustürzen, die Angelegenheit mit menschlichen Mitteln zu regeln. Sie glauben, eine kleine Auseinandersetzung werde bald die scheinbare Verwirrung klären. In der ersten Aufwallung über eine einem widerfahrene falsche Beurteilung möchte man glauben, man werde sofort verstanden, sobald man aufrichtig und ernst seinen Fall darlegt. Man denkt nicht daran, daß das sterbliche Gemüt, wenn es begonnen hat, falsch zu urteilen, sich nicht immer sofort von seinem Irrtum überzeugen lassen will. Da das falsche Beurteilen, ganz gleich, durch wen es geschieht, stets die mutmaßliche Irrtumstätigkeit ist und meistens auf dem materiellen Sinnenzeugnis oder auf dem Hörensagen beruht, so muß man ihm, wenn ihm entgegengetreten und es gemeistert werden soll, mit anderen als nur menschlichen Verfahren nähertreten.
Wenn man beweisen soll, daß die einem widerfahrene falsche Beurteilung nichts ist, muß man das eigene Bewußtsein sorgfältig gesäubert haben von Feinden, wie z. B. von Groll, von der Furcht, was andere von einem denken mögen, von der Freude an menschlichem Beifall u. dergl. Wenn man es mit einer durch solch falsche Gesinnungseigenschaften geschwächten Rüstung unternimmt, eine einem widerfahrene falsche Beurteilung zu überwinden, wird man sich unvermeidlich seelisch zerschlagen und gebrochen fühlen. Wer so viele verwundbare Stellen hat, braucht sich nicht zu wundern, wenn jede einzelne durch das Urteil anderer angegriffen und verletzt wird. Der Christliche Wissenschafter muß stets eingedenk sein, daß unsere Führerin uns den einzigen Weg zeigt, auf den man jeder Art von Irrtum entgegentreten und ihn meistern kann, wenn sie auf Seite 231 von „Wissenschaft und Gesundheit mit Schlüssel zur Heiligen Schrift” sagt: „Wenn man einem Übel nicht in der richtigen Weise mit der Wahrheit entgegentritt und es durch sie nicht gänzlich überwindet, wird das Übel nie besiegt”.
Es gibt noch eine Form der falschen Beurteilung, von der sich die Christlichen Wissenschafter zuweilen ganz überwältigt glauben. Da sie gegen ihre besondere Art nicht wachsam sind, werden sie bei dieser Unachtsamkeit überrascht, und ehe sie ihre hinterhältige Tätigkeit gewahr werden, haben sie sich in Unruhe, manchmal sogar in große Trübsal versetzen lassen. Dies ist die falsche Beurteilung, die gleich von Anfang an boshaft in ihrer Absicht ist. Sie geht unmittelbar darauf aus, etwas für sich zu gewinnen; sie schreckt mit ihren Verleumdungen und falschen Darstellungen vor nichts zurück und entzweit anscheinend oft die besten Freunde und Nachbarn.
Es ist schmerzlich genug, wenn einen die Bekannten falsch beurteilen und verdammen; wenn man aber sieht, wie der einst liebe Freund auf die einem zugefügten Verleumdungen hört und sie glaubt, dann muß man allerdings auf der Hut sein! Dann muß man ganz sicher sein, daß die eigene Rüstung keine schwachen Stellen hat,— daß man den Blick unentwegt auf Gott richtet, um Seine Anerkennung zu erlangen, und bereitwillig auf Ihn wartet, bis im eigenen Denken vollkommene Gerechtigkeit herrscht! Dies ist der Ort, wohin man blicken muß, um ihre Kundwerdung zu sehen! Das allein richtige Verfahren ist also auf alle Formen der falschen Beurteilung anzuwenden, um sie zu überwinden. Jesus sagte: „Richtet nicht”; und die Christliche Wissenschaft lehrt uns, wie wir uns entschlossen von dem sterblichen trügerischen und persönlichen Sinn abwenden und dauernd auf der Wahrheit bestehen können, die allein jedem Menschen die vollkommene Regierung Gottes beweisen kann. Geliebte Christliche Wissenschafter, lasset uns geduldig vorwärts dringen! Gerade durch solche Lehren wie das Triumphieren über alle Formen der falschen Beurteilung im eigenen Denken werden wir zur vollkommenen Selbstverleugnung erwachen, in der alles Falsche als unwirklich erfunden und alle schließlich verstehen werden, wie auch sie verstanden sind!
