In einer kurzen, aber umfassenden Erklärung kennzeichnet Mrs. Eddy das Wesen des verfassungsmäßigen Gesetzes und macht ihren festen Vorsatz klar, ihm zu gehorchen. „Ich bekenne mich zum Gehorsam gegen die Landesgesetze”, schreibt sie in „The First Church of Christ, Scientist, and Miscellany” (S. 220). „Ich lebe und lehre diesen Gehorsam, da Gerechtigkeit die sittliche Bedeutung von Gesetz ist. Ungerechtigkeit bedeutet die Abwesenheit von Gesetz”. In dieser Weise bestätigt unsere Führerin, daß das Wesen des Gesetzes Gerechtigkeit ist, ohne die das Gesetz seine Bedeutung verliert. Die Gerechtigkeitsliebe sitzt tief im Menschenherzen. Man kann, vielleicht ohne zu klagen, des Eigentums, ja sogar der Freiheit beraubt sein, wenn es gerecht und auf gesetzmäßigem Wege geschehen ist. Aber das Gefühl der Ungerechtigkeit wird tief im Herzen nagen, wenn man des einen oder des andern ungerechterweise beraubt ist.
Die Christliche Wissenschaft hält daran fest, daß Gottes Regierung Seines Weltalls stets vollkommen gerecht ist, und das Verständnis dieser Tatsache liefert das Heilmittel für jedes Gefühl des Schadens. Die Christliche Wissenschaft lehrt, daß Gott Seiner vollkommenen Idee, dem Menschen, genaue Gerechtigkeit widerfahren läßt. Ja, Ungerechtigkeit hat im Reich des Wirklichen keinen Platz. In dem Verhältnis, wie wir dies erkennen, wird unser Gefühl, daß wir durch das Wirken eines ungerechten Gesetzes geschädigt werden, geheilt, und wir sind bereit, an der Abschaffung eines solchen falschen Gesetzes wirksam mitzuarbeiten Unser Heilmittel steht immer zur Verfügung. Während wir gegen die Gesetze unseres Landes gehorsam sind, selbst wenn manche davon einschränkend und ungerecht, also im wahren Sinne keine Gesetze zu sein scheinen, können wir trotzdem an dem Bewußtsein von Gottes gerechter Regierung Seines Weltalls festhalten. Eine solche Haltung bedeutet weder einen Verrat an den Grundlagen der Demokratie, noch wirkt sie zerstörend auf sie, sondern sie unterstützt eher die wahre Demokratie in ihrem höchsten und besten Sinne. Als Jesus denen, die ihn durch Fragen in die Falle locken wollten, antwortete: „Gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!” stellte er fest, daß wahre Treue Gehorsam gegen Gott und gegen Sein vollkommenes Gesetz ist, während er gleichzeitig anerkannte, daß der Oberherrschaft des römischen Reichs Ehrerbietung seitens seiner Bürger gebühre.
Es scheint, als ob Christliche Wissenschafter über die richtige Haltung gegenüber solchen Gesetzen, die für eine Beschränkung der persönlichen Freiheit, also für ungerecht gehalten werden, manchmal im Zweifel seien. Beispiele dieser Art finden sich in gewissen Gesetzesverordnungen, die den Impfzwang für Schulkinder vorsehen, und in den gegenwärtig in einigen amerikanischen Staaten in Kraft stehenden Gesetzen, die dem christlich-wissenschaftlichen Praktiker das Recht absprechen, sich mittelbar oder unmittelbar bezahlen zu lassen. Ein Bürger eines dieser Staaten könnte leicht versucht sein, sich einem kummervollen Gefühl der Ungerechtigkeit und des Selbstbedauerns hinzugeben, wenn er nicht bereit wäre, die geistige Wahrheit augenblicklich anzuwenden. Die Christlichen Wissenschafter sind jeden Augenblick bereite Kämpfer, bereit, den Irrtumsangriffen, in welcher Form oder Verkleidung sie sich auch darbieten mögen, entgegenzutreten. Daher gestatten sie es sich nicht, sich dem Luxus des Selbstbedauerns oder dem Gefühl der Ungerechtigkeit hinzugeben, sondern statt dessen wissen sie, daß Gottes Regierung vollständig gerecht ist, daß das göttliche Gesetz nie aufgehoben wird, und daß der Mensch im göttlichen Gemüt lebt, webt und ist, in dem Gemüt, das unendlich gerecht ist. Wo kann es also eine Ursache geben, ein Gefühl des Geschädigtseins zu haben?
Das Gefühl der Ungerechtigkeit entspringt sowohl dem Glauben an eine böse Macht als auch dem Gedanken, daß der Mensch geschädigt werden kann. Doch keiner dieser Schlüsse enthält auch nur einen Funken Wahrheit. Gottes Regierung ist vollkommen, unverletzt, wirksam und göttlich gerecht. Überdies ist der Mensch nicht außerhalb der Regierung Gottes, sondern er ist der glückliche Genießer des ganz und gar weisen Waltens der göttlichen Liebe. Bei denen, die die Ungerechtigkeit des Gesetzes erkennen, das den christlich-wissenschaftlichen Praktikern verbietet, sich ihre Dienstleistungen bezahlen zu lassen, kann sich die Frage erheben: Wäre es recht, sich gegen eine solche Gesetzesverordnung zu wenden und durch Anrufung der Vorrechte der Bürgerschaft ihre Aufhebung zu betreiben? Gewiß kann man sich jedes rechten Mittels in gerechter Weise bedienen, um ein ungerechtes Gesetz zu beseitigen. Die Demokratie, wie sie heute in der regierten Welt durchgeführt wird, gebietet den Gehorsam gegen das Gesetz. Sie schließt auch in sich, daß jedes Gesetz aufgehoben werden kann, wenn es nicht mehr den Willen des Volkes darstellt. Da Gesetz den Willen der Mehrheit ausdrückt, so kann, wenn dieser Wille sich ändert, eine bestehende Verordnung nicht nur aufgehoben werden, sondern sie sollte aufgehoben werden; sonst würde eine Minderheit, vielleicht eine sehr kleine Minderheit, herrschen. Widerspruchslose Unterwerfung unter ein ungerechtes Gesetz verleiht ihm mindestens stillschweigende Unterstützung. Das Gefühl der Ungerechtigkeit sollte für die Christlichen Wissenschafter das Zeichen sein zu wissen, daß nur die göttliche Liebe regiert.
In ihrer Weisheit sah Mrs. Eddy die Gelegenheit voraus, wenn es den christlich-wissenschaftlichen Kirchen in einem Staat oder in einer anderen politischen Körperschaft erwünscht sein könnte, gemeinsam vorzugehen, um die Aufhebung einer einschränkenden Gesetzesverordnung zu bewirken. Daher sah sie im Kirchenhandbuch (S. 70) vor, daß eine „Konferenz von Kirchen, die im gleichen Staat gelegen sind”, stattfinden kann, um über „ein Gesetz dieses Staates” zu beraten. Die Erfahrung hat gezeigt, daß wissenschaftliches rechtes Denken in Fragen der Gesetzgebung ebenso leicht Gerechtigkeit bewirkt, wie in jeder andern Hinsicht der menschlichen Erfahrung. Es scheint daher, daß den Christlichen Wissenschaftern in jeder Staatseinheit, wo sie unter einem Gefühl der Ungerechtigkeit infolge einer einschränkenden Gesetzesverordnung leiden, die Mittel zur Verfügung stehen, wodurch Gerechtigkeit aufgerichtet werden kann. Das Beweisen wird den Weg zeigen; und das Aufrichten der Gerechtigkeit hat für niemand Bedrückung zur Folge, sondern gereicht im Gegenteil allen zum Segen. So können wir wiederum das eigene Gute darin finden, daß wir nach dem Guten aller trachten.
