Im 4. Buch Mose finden wir einen interessanten Bericht, wie Moses einige Männer aussandte, um das Land Kanaan auszukundschaften und darüber zu berichten. Die Nachrichten, die sie dem hebräischen Führer brachten, waren entmutigend: „Wir sahen auch Riesen daselbst, Enaks Kinder von den Riesen; und wir waren vor unsern Augen wie Heuschrecken, und also waren wir auch vor ihren Augen.“ 4. Mose 13:33; Wie charakteristisch für die menschliche Erfahrung ist doch diese endliche Auffassung vom Menschen!
Die sterbliche Annahme behauptet, daß der Mensch seinen Ursprung in der Materie habe und materiellen Begrenzungen unterworfen sei. Diese falsche Anschauung vom Menschen ist eine der unmittelbaren Ursachen von Krankheit und Leid. Die vorherrschenden Theorien erheben den Anspruch, daß es Intelligenzgrade gebe; daß aufgrund erblicher oder umweltbedingter Einflüsse einige Menschen hervorragend und andere „minderwertig“ seien. Diese Anschauungen stehen im Gegensatz zum wissenschaftlichen Christentum, denn Jesus selbst sagte: „Wer an mich glaubt, der wird die Werke auch tun, die ich tue, und wird größere als diese tun.“ Joh. 14:12;
Der Mensch kann ebensowenig Intelligenzgraden unterworfen sein wie Gott, da der Mensch die grenzenlose Kundwerdung des Gemüts, der göttlichen Intelligenz ist. Mrs. Eddy schreibt: „Gott bringt im Menschen die unendliche Idee zum Ausdruck, die sich immerdar entwickelt, sich erweitert und von einer grenzenlosen Basis aus höher und höher steigt.“ Wissenschaft und Gesundheit, S. 258; Wenn wir uns und unsere Mitmenschen klarer als unendliche Ideen erkennen, die spontanes Denken ausdrücken und „von einer grenzenlosen Basis aus höher und höher“ steigen, werden wir den Begriff von Minderwertigkeit gegen die Erkenntnis unserer geistigen Identität als Ausdruck Gottes ersetzen.
Dieser falsche Begriff von Minderwertigkeit und Überlegenheit tritt vielleicht nirgends mehr in Erscheinung als im Hochschulleben. Ein junger Christlicher Wissenschafter schien durch die Anforderungen eines umfangreichen akademischen Lehrplans und einer ganztägigen Beschäftigung von Entmutigung und Erschöpfung übermannt zu werden. Als er sich im Gebet an die Bibel und die Werke Mrs. Eddys wandte, um eine Lösung zu finden, wurde er dazu geführt, die vorerwähnte Stelle aus dem 4. Buch Mose aufzuschlagen. Immer wieder kam ihm die Frage: „Siehst du dich als eine Heuschrecke und deine Mitstudenten als intelligente Riesen?“
Eine aufrichtige Antwort auf die Frage enthüllte ihm die Tatsache, daß er sich auf der Grundlage einer falschen Auffassung vom Menschen abgemüht hatte. Er hatte das Gefühl, daß es Menschen gäbe, die ihm in jeder Weise überlegen wären — daß einige den Unterrichtsstoff mit Leichtigkeit erfaßten, während andere zu mühevoller Arbeit ohne Hoffnung auf Erfolg verurteilt wären. Kurz gesagt, er hatte zugelassen, daß sein Verständnis vom Menschen durch eine falsche Auffassung getrübt und verdunkelt wurde.
Als er sein gebeterfülltes Studium fortsetzte, erkannte er, daß Intelligenz, eine Eigenschaft Gottes, niemals begrenzt sein kann; sie ist unendlich. Eine von Gott verliehene individuelle Fähigkeit beschränkt sich nicht auf eine Person. Intelligenz ist in Wirklichkeit das Geburtsrecht des Menschen, die jedem aufrichtigen Sucher nach der Wahrheit immer verfügbar ist.
Der Student dachte dann an das wunderbare Beispiel, das unser Meister seinen Nachfolgern über den richtigen Gebrauch von Fähigkeiten hinterlassen hat. Er speiste die Menschenmenge, heilte die Kranken und erneuerte den menschlichen Charakter. Und dennoch sagte er: „Der Vater. . ., der in mir wohnt, der tut seine Werke.“ Joh 14:10; Diese demutsvolle Erklärung ist das Grundelement wahrer Leistung, denn Demut ist das Kennzeichen wahrer Vortrefflichkeit.
Jeden Tag, wenn er die Lektionspredigt studierte, die wir im Vierteljahrsheft der Christlichen Wissenschaft finden, verwendete er mehr gebeterfüllte Arbeit darauf, sich der göttlichen Intelligenz stärker bewußt zu werden. Er war ernsthafter bemüht, richtig zu denken und zu handeln. Seine ganze Ansicht über Bildung änderte sich. Als er die Angelegenheit richtig betrachtete, erkannte er, daß Bildung im Grunde genommen nichts anderes bedeutet, als Unwissenheit abzulegen und göttliche Eigenschaften wie Gehorsam, Beobachtungsgabe, Scharfsinn und treue Hingabe an das Studium auszudrücken.
Dieser Student erkannte auch die Notwendigkeit, sich seiner latenten Fähigkeiten besser bewußt zu werden. Wie Mrs. Eddy schreibt: „Eine Kenntnis von der Wissenschaft des Seins entwickelt die latenten Fähigkeiten und Möglichkeiten des Menschen. Sie erweitert die Atmosphäre des Gedankens, indem sie den Sterblichen weitere und höhere Gebiete erschließt. Sie erhebt den Denker in Seine ureigene Sphäre der Einsicht und Scharfsichtigkeit.“ Wissenschaft und Gesundheit, S. 128; Der Mensch als Gottes Gleichnis kann nichts widerspiegeln, was geringer ist als Gott.
Als Ergebnis seiner Arbeit war es dem Studenten möglich, sein vierjähriges Hochschulstudium mit überdurchschnittlichen Noten abzuschließen und gleichzeitig unserer Bewegung als Mitarbeiter in einem der Sanatorien der christlich-wissenschaftlichen Wohltätigkeitsanstalten und als Solist in einer Zweigkirche zu dienen.
Jeder aufrichtige Anhänger der Christlichen Wissenschaft kann den Weg finden, sich über das Alltägliche zu erheben. Dieser Weg besteht in geistiger Selbsterkenntnis. Wenn unser Verständnis wächst, werden wir gleichzeitig die natürlichen Talente und Fähigkeiten des Menschen besser zum Ausdruck bringen. Ein klarer Begriff vom Menschen und Seiner Mission löscht den Begriff von Minderwertigkeit aus. Wir sollten niemals vergessen, daß wir einen wichtigen Platz einnehmen.
Mrs. Eddy sagt: „Ein Christlicher Wissenschafter nimmt in der heutigen Zeit die Stelle ein, über die Jesus mit folgenden Worten zu seinen Jüngern sprach: ‚Ihr seid das Salz der Erde.´ ‚Ihr seid das Licht der Welt. Es kann die Stadt, die auf einem Berge liegt, nicht verborgen sein.´ Laßt uns wachen, arbeiten und beten, daß dieses Salz seine Würze nicht verliere und daß dieses Licht nicht verborgen bleibe, sondern in mittäglicher Herrlichkeit erstrahle und erglänze.“ S. 367.
