Geistiger Fortschritt wird nur dadurch erreicht, daß man sich zu den unzähligen Fragen, die in den menschlichen Erfahrungskreis treten, richtig stellt und sie bewältigt. Zu solchem Fortschritt ist nötig, daß man das Christus-Ideal als den allein gültigen Maßstab anerkennt und unwandelbare Treue gegen dasselbe beweist, möge es sich um noch so geringfügige Fragen oder Begebnisse handeln. Wenn bei den Verhandlungen über Gewissensfragen der geistige Sinn den Vorsitz führt, so kommt es zu Entscheidungen, die das göttliche Prinzip ehren, alles folgerichtige Streben fördern, dem Gewissen eine feste Grundlage verleihen und mit dem höchsten Pflichtgefühl und allen Forderungen des Guten im Einklang stehen. Der Rechtdenkende wird trotz der verlockenden Versprechungen der sterblichen Vorstellung und des eigensüchtigen Sinnes jenes klare Urteil bewahren, das mit den gerechten und dem wahren Wohl dienlichen Forderungen der Wahrheit und Liebe übereinstimmt. Wenn aber dem materiellen Sinn gestattet wird, die Entscheidung zu treffen, so entstehen unweigerlich jene edauerlichen Zustände, die einen so großen Teil der Geschichte ausmachen und von denen Mrs. Eddy in Wissenschaft und Gesundheit (S. 430–442) ein so deutliches Bild entwirft.
Hier machen sich nun die vom einzelnen gepflegten Geschmacksempfindungen, seine besonderen ihm lieb gewordenen Schwächen, seine anerzogenen und unbewußten Vorurteile geltend, und die Verkleidung, in der sie auftreten, täuscht bisweilen selbst die Auserwählten. Oft bewegt sich die Spitzfindigkeit in geradezu schlangenhaften Windungen. Mit aller List und Schlauheit bringt sie, wie schon bei Eva, ihre Sache im Namen des Guten vor, und leiht man ihr aus Unbedachtsamkeit ein Ohr, so läßt sie sofort dreist und anmaßend ihre Stimme vernehmen und sucht eine sofortige Entscheidung zu erzwingen. Hierin liegt für das geistige Wohlergehen vieler eine Gefahr. Wir haben in dieser Beziehung alle mehr oder weniger Schaden genommen und uns vielleicht tausendmal vom rechten Pfad ablenken lassen.
Sehr oft macht sich die Begründung geltend: „Alle Menschen machen es so.” Eine weitere böse Einflüsterung ist die, daß die Befriedigung eines selbstsüchtigen oder sinnlichen Verlangens unsrer Natur entspreche — daß wir nun einmal so beschaffen seien und daher natürlichen Neigungen nachgeben müßten, wenn wir nicht einen erschöpfenden und vergeblichen Kampf führen wollten. Diese Anschauung ist sehr verbreitet, und selbst der oberflächliche Beobachter kann solche Kämpfe im Leben andrer beobachten, ja er hat sie wohl selber schon durchgemacht.
Eine andre Einflüsterung des Versuchers, eine Einflüsterung, die in der Diplomatie in so manchen Fällen bestimmend gewirkt hat, ist die, daß Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit nicht immer möglich seien; daß unter Umständen mehr Gutes bewirkt werde, wenn man von der Wahrheit abweicht. Man glaubt, es sei gerechtfertigt, die Unwissenheit bei der Menge zu erhalten im Interesse einer bestehenden und vermeintlich notwendigen Ordnung; in Kürze, ein offenbar guter Plan rechtfertige die Mittel zu seiner Verwirklichung. Dies alles hat, wie die Geschichte lehrt, in der Politik wie auch in kirchlichen Dingen höchst verderblich gewirkt, und die Herrschaft dieses Übels ist noch nicht zu Ende.
Wachsame Christliche Wissenschafter sind weit besser befähigt als viele ihrer Mitmenschen, diesem listigen Mesmerismus zu widerstehen, und zwar, weil sie erkannt haben, daß kein Element des menschlichen Sinnes, das dem geistigen Leben feindlich ist, den Menschen angehört oder ihre Achtung verdient, denn ein solches Element geht nicht aus Gott hervor, läßt sich nicht auf Gott zurückführen. Auch haben sie gelernt, daß es in der Materialität nichts eigentlich Gutes gibt; daß alles, was die Sinne bezeugen, eitel ist und Haschen nach Wind, wie der Prediger Salomo erkannte; daß das Böse in anziehender Gestalt oft am verderblichsten ist. Dennoch sind sie, wenigstens in einer Hinsicht, einer besonderen Versuchung ausgesetzt: im absoluten Sinne wahr zu reden, dabei aber den ahnungslosen Andersdenkenden zu täuschen, dessen Blick einzig auf das Relative gerichtet ist.
Das folgende Beispiel diene zur Veranschaulichung. Eine Schülerin der Christlichen Wissenschaft ließ sich unlängst im Hinblick auf eine gute Stellung prüfen und fand ein sehr ermutigendes Entgegenkommen. Als sie jedoch betreffs ihres Alters gefragt wurde, und es sich herausstellte, daß sie die vorgeschriebene Altersgrenze eben überschritten hatte, konnte sie auf Grund ihrer wahrheitsgetreuen Angabe zum allseitigen Bedauern die Stelle nicht bekommen. Bis auf diesen einen Punkt entsprach sie allen Anforderungen. Eine ablehnende Antwort zu erhalten, wo sie doch die nötige Fähigkeit hatte, empfand sie als ein großes Unrecht, und als sie mit einer Freundin darüber sprach, sagte diese: „Du siehst so jung aus, und es gibt ja ohnehin kein Alter; warum hast du nicht mehr im absoluten Sinn geantwortet? Dann hättest du die gute Gelegenheit, die sich dir bot, erfaßt und viel Gutes tun und empfangen können.” Wer auf solche Weise etwas zu erreichen sucht und dann von einer Demonstration spricht, beweist dadurch, daß er „die himmlische Berufung Gottes” nicht verstanden hat.
Zu einer solchen Kasuistik, zu solchen Spitzfindigkeiten wird sich niemand verstehen, der auch nur den geringsten Begriff von den sittlichen Forderungen der Christlichen Wissenschaft erlangt hat. Dazu raten wird er erst recht nicht. Mrs. Eddy sagt allerdings, geistiger Fortschritt finde allmählich statt, bezeichnet ihn aber ausdrücklich als das Ergebnis besserer Gesundheit und Moral und als Folge geistigen Wachstums. (Siehe Wissenschaft und Gesundheit, S. 485.) An andrer Stelle erklärt sie, „eine moralische Übertretung” sei „die schlimmste aller Krankheiten” (S. 395). Sittlichkeit von guter Gesundheit zu scheiden, ist in der Christlichen Wissenschaft unmöglich. Materielle und selbstsüchtige Ziele sind stets der Grund zu unchristlicher Kasuistik gewesen und werden es stets sein. Es mögen Umstände eintreten, wo es nicht klug wäre, alles zu sagen, was man weiß; aber mit Absicht einen falschen Eindruck erwecken, muß als der Inbegriff der Falschheit bezeichnet werden. Die einzig rechte Art ist, sich in der alten biederen Weise der vollkommenen Ehrlichkeit zu befleißigen. Oftmals mag es ratsam sein, zu schweigen; ist aber die Rede doppelsinnig, um das Denken vom wahren Sachverhalt abzulenken, so heißt das, sittliche Werte mit Füßen treten und dem elementarsten Rechtsgefühl Gewalt antun.
Nachdem Paulus die Wege derer genannt hatte, die „der Wahrheit beraubt sind,” sagte er zu Timotheus, seinem „rechtschaffnen Sohn im Glauben”: „Aber du, Gottesmensch, fliehe solches! Jage aber nach — der Gerechtigkeit ... kämpfe den guten Kampf des Glaubens; ergreife das ewige Leben, dazu du auch berufen bist und bekannt hast ein gut Bekenntnis vor vielen Zeugen.” Dieser Rat des großen Apostels hat auf jeden, der sich einen Christlichen Wissenschafter nennt, ganz besonders Bezug. Der Christliche Wissenschafter steht vor den Menschen als Vertreter des höchsten Idealismus, als Ausleger des praktischen Wertes und der Macht der Lehren Jesu. Wenn er also auf seine Mitmenschen nicht den Eindruck eines guten Charakters macht, wenn ihnen sein Bekenntnis nicht aufrichtig erscheint, wenn er sich, sei es auch in geringfügigen Dingen, nicht als lauter und rechtschaffen erweist, so hat er eben noch nicht eingesehen, daß er nur durch die Erfüllung seiner Pflichten den Glauben ehrt, zu dem er sich bekennt. Der wahre Christliche Wissenschafter sucht in kleinen wie in großen Dingen vorbildlich zu sein.
Gott hat Gefallen daran, daß die Vöglein so gar ohne alle Sorge daherfliegen und singen, als wollten sie sagen: ich singe und bin fröhlich und weiß doch kein Körnlein, das ich essen soll; mein Brot ist noch nicht gebacken, mein Korn noch nicht gesäet, aber ich habe einen reichen Herrn, der für mich sorget, dieweil ich singe oder schlafe, der kann mir mehr geben, denn alle Menschen und ich mit unsrer Sorge vermögen.—
