Im Buche Hiob lesen wir: „So wäge man mich auf rechter Wage, so wird Gott erfahren meine Unschuld.” Und in den Sprüchen steht geschrieben: „Falsche Wage ist dem Herrn ein Greuel; aber ein völlig Gewicht ist sein Wohlgefallen.” Gemäß der Offenbarung des Johannes (Kap. 6 V. 6) sprach „eine Stimme unter den vier Tieren” zu dem, der eine Wage in der Hand hielt: „Ein Maß Weizen um einen Groschen und drei Maß Gerste um einen Groschen,” und sie ließ an ihn die Warnung ergehen: „Dem Öl und Wein tu kein Leid.”
Dieses Schriftwort hat zweifellos eine wörtliche sowohl wie eine sinnbildliche Bedeutung. In seiner wörtlichen Bedeutung hat es Bezug aufs Materielle, in seiner sinnbildlichen aufs Geistige. Das „völlige Gewicht” ist eine figürliche Darstellung jenes geistigen Gleichgewichts, durch das man sich sozusagen in der Mitte hält zwischen den Wagschalen der Erkenntnis und der Demonstration, indem man das Gewicht weder zu weit über seine gegenwärtige Erkenntnis des Göttlichen hinaus noch zu weit auf die Seite des Menschlichen verlegt; indem man weder in der Richtung des Absoluten noch in der des Relativen das Maß überschreitet.
Wer sein Gleichgewicht nach der Seite des Göttlichen hin verliert, wird leicht überspannt oder selbstgerecht, oder er fällt der Selbsttäuschung zum Opfer und vermag dann weder sich selbst noch andre gerecht zu beurteilen. Wer aber zu weit- nach der Seite des Relativen oder Menschlichen neigt, der entfernt sich leicht so weit vom Göttlichen, daß er ebenso unfähig wird, sich und andre richtig einzuschätzen. Durch beide Zustände kann es für den Betreffenden unmöglich werden, zur wahren geistigen Erkenntnis zu gelangen. Wäre Jakobs Erkenntnis nicht gut abgewogen gewesen, so hätte er in seinem Traum nicht den unteren wie den oberen Teil der Leiter gesehen, die zum Himmel führte, noch die Engel Gottes, die „daran auf und nieder” stiegen. Durch mangelndes Gleichgewicht wäre sein Erkenntnisvermögen wohl derart beeinträchtigt worden, daß er geglaubt hätte, nur den oberen Teil der Leiter zu sehen, nicht aber die Sprossen dazwischen, oder er hätte nur die unteren Sprossen gesehen und hätte der Aufgabe, an die Spitze zu gelangen, ratlos gegenübergestanden. Sein Blick war offenbar klar genug, die zur Erlangung der geistigen Vollkommenheit nötige Demonstration in ihrem ganzen Umfang zu erfassen.
So geht es allen auf ihrer Reise vom Sinn zum Geist. Die einzelnen Schritte dahin können nicht vermieden werden, den Himmel kann man nicht in einem Sprung erreichen, der Sterblichkeit kann man sich nicht in einem Augenblick entledigen. Wer da versucht, auf einem andern Weg emporzusteigen als ihn der große Wegweiser gezeigt hat, der wird dadurch, wenn auch vielleicht unbewußt, zum „Dieb” und „Mörder;” ja er schadet und beraubt wohl sich selber mehr als andre. Jedenfalls ist er letzten Endes der am meisten Geschädigte.
Wer das Gleichgewicht nicht hält, gerät leicht in den Gedankenzustand, auf den Mrs. Eddy auf Seite 552 von Wissenschaft und Gesundheit mit den Worten Bezug nimmt: „Der Gedanke jedoch, der sich von einer materiellen Basis gelöst hat, aber noch nicht durch die Wissenschaft belehrt worden ist, mag durch Freiheit zügellos und damit in sich widerspruchsvoll werden.” Ein solcher Begriff von Freiheit ist natürlich eine Art Selbsttäuschung, die verderblich wirkt, und sie muß wie jeder andre Irrtum dadurch aufgehoben werden, daß der Betreffende durch Demonstration die richtige Haltung oder das richtige Gleichgewicht erlangt.
Der Weg aus dem sterblichen Irrtum in die göttliche Wahrheit bedeutet die Wiedergeburt. Auf Seite 15 von Miscellaneous Writings sagt Mrs. Eddy: „Die Wiedergeburt ist nicht das Werk eines Augenblicks. Sie beginnt mit Augenblicken und dauert Jahre — Augenblicke der Gottergebenheit, des kindlichen Vertrauens und der frohen Aufnahme des Guten; Augenblicke der Selbstentsagung, der Hingabe, der vom Himmel stammenden Hoffnung und geistigen Liebe.” Beim Lesen dieser warnenden aber erhebenden Worte wollen wir das „kindliche Vertrauen und die frohe Aufnahme des Guten” besonders im Sinne behalten, denn dadurch können wir das Leiden vermeiden, welches unausbleiblich ist, wenn man sich dem Übergang vom fleischlichen Sinn zur geistigen Geburt widersetzt oder ihn nur widerwillig unternimmt.
Es hilft uns sehr, unser Gleichgewicht zu erhalten, wenn wir die Unterscheidungslinie stets beobachten, die unsre Führerin in allen ihren Schriften macht zwischen dem Göttlichen und dem Menschlichen, dem Geistigen und dem Materiellen, oder, um die in unsrer Literatur häufig vorkommende Wendung zu brauchen, zwischen dem Absoluten und dem Relativen. Wenn wir aufmerksam sind, können wir nicht umhin zu erkennen, wie klug und vorsichtig Mrs. Eddy verfuhr, indem sie auf eine absolute Erklärung deren Korrelat folgen ließ, und umgekehrt. Wenn wir diese Regel befolgen, verfallen wir nicht in den Fehler, auf den sie in dem Aufsatz A Correction auf Seite 217 von The First Church of Christ, Scientist, and Miscellany hinweist (Wiederabdruck aus dem Sentinel), und wo es heißt: „Die Einführung reiner Abstraktionen in die Christliche Wissenschaft ohne ihre Korrelate läßt das göttliche Prinzip der Christlichen Wissenschaft unerklärt, ist geeignet, das Gemüt des Lesers zu verwirren, und endet damit, daß Mücken geseiht und Kamele verschluckt werden, was Jesus verurteilte.”
Wenn wir dieser Mahnung gemäß das Gleichgewicht halten, geben wir „ein Maß Weizen um einen Groschen, und drei Maß Gerste um einen Groschen,” und tun „dem Öl und Wein ... kein Leid.”
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