Ernste Schüler der Christlichen Wissenschaft erkennen mit stets wachsender Dankbarkeit, wie sehr ihnen ihre Religion auch in der Erledigung der kleineren Angelegenheiten des täglichen Lebens behilflich ist. Alles wahre Beten muß das Verlangen zur Grundlage haben, daß die Dinge der Wahrheit gemäß und nicht der sterblichen Auffassung vom Rechten gemäß geordnet werden möchten. Ein selbstsüchtiges Gebet ist nicht christlich-wissenschaftlich, ein auf dem Altar des Eigennutzes dargebrachtes Gebet wird nicht erhört. Wenn man in die biblische Verheißung, daß Gott all unsern Bedürfnissen abhilft, hineinzulesen sucht, daß Er alle unsre Wünsche erfüllen werde, so ist das eine Mißdeutung der einfachen und klaren Lehren der Christlichen Wissenschaft und kann nur törichtes Reden und Handeln zur Folge haben. Der Apostel Jakobus sagte: „Ihr bittet, und nehmet nicht, darum daß ihr übel bittet, nämlich dahin, daß ihr’s mit euren Wollüsten verzehret.”
Es gibt gewisse grundlegende Dinge, um die wir stets bitten dürfen, wie z.B. Gesundheit und Harmonie. Sie sind das Erbrecht aller Kinder Gottes. Wer aber zu bestimmen sucht, wann und auf welche Weise diese Bitten in Erfüllung gehen sollen, macht sich einer großen Anmaßung schuldig, denn er stellt sich dadurch über Gott. Wahres Beten besteht allein darin, daß man sich in die richtige Beziehung zu Gott bringt, und dies kann nie Disharmonie zur Folge haben. Die Behauptung, daß die Christlichen Wissenschafter durch Mrs. Eddys Lehren etwas erlangen könnten, was nicht recht ist oder was ihnen nicht zum Besten dient, ist durchaus grundlos. Wollte man annehmen, die Macht des göttlichen Gemüts könne zur Erlangung von unverdientem Reichtum gebraucht werden, oder es sei z.B. christlich-wissenschaftlich, sich durch intensives Wünschen ein Automobil oder irgend etwas andres „herbeizudemonstrieren,” so wäre das ein großer Irrtum. So denkt und handelt nur der menschliche, fleischliche Sinn.
Eine einseitige Demonstration ist in der Christlichen Wissenschaft unmöglich. Sich auf Kosten eines andern bereichern, ist moralisch falsch, und Gott wirkt nie in dieser Weise. Man kann etwas verkaufen und dabei einen Gewinn erzielen; solange aber nicht beide Teile durch den Handel gewinnen, erleiden sie beide Schaden. Auf Seite 206 von Wissenschaft und Gesundheit sagt Mrs. Eddy: „In der wissenschaftlichen Beziehung von Gott zum Menschen sehen wir: was einen segnet, segnet alle, wie Jesus es an den Broten und Fischen zeigte — da Geist und nicht die Materie die Quelle aller Versorgung ist.” Was eine Demonstration für den einen ist, muß eine Demonstration für alle sein, denn sonst ist sie nicht wissenschaftlich, nicht von Gott.
Es ist ein Irrtum, der Brote und Fische wegen nach der Wahrheit zu trachten. Wohl wird unsre Versorgung durch die Erkenntnis Gottes herbeigeführt; aber dies geschieht nie auf christlich-wissenschaftliche Weise, wenn man das Äußerliche als Zweck und Endziel seines Strebens nach Gotteserkenntnis betrachtet. Heuchelei ist ein Erzeugnis der Selbstsucht, nie aber der Rechtschaffenheit. Wir müssen die Wahrheit um der Wahrheit willen suchen, dann wird sich unser Horizont erweitern und der bedeutsame Ausspruch des Paulus: „Es ist alles euer,” wird uns in neuem Lichte erscheinen. Jesus sagte: „Trachtet am ersten nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch solches alles zufallen.” Kein Sterblicher bilde sich ein, dadurch zu gewinnen, daß er diesen Ausspruch umkehrt!
Das göttliche Gemüt verfällt nie in Extreme. In der göttlichen Liebe gibt es weder Mangel noch Übermaß. Die Demonstration der Wahrheit bringt uns gerade genug von allein, nie zu wenig, nie zu viel. Sowohl Mangel wie Übermaß sind Eigenschaften des sterblichen Gemüts, die das göttliche Gemüt nicht kennt. Mrs. Eddy sagt: „Die göttliche Wissenschaft stellt das Gleichgewicht wieder her, wie Jesus es tat” (Wissenschaft und Gesundheit, S. 40). Ein wunderbarer Satz, ja er wird noch wunderbarer, je klarer wir seine praktische Anwendbarkeit auf jedem Gebiet und in jeder Phase des menschlichen Lebens erkennen. Wir beginnen nun zu verstehen, daß das Leben der geringsten Idee Gottes ebenso wohlgeregelt ist wie der Lauf der Sterne.
Man darf jedoch nicht aus den Augen verlieren, daß Gott das Gleichgewicht des einzelnen nur in dem Maße wiederherstellt, wie dieser es geschehen läßt. Für denjenigen, der nicht auf Gott vertraut, ist die Zeit in der Tat „aus den Fugen;” aber eine materielle Anschauung kann die ewige Tatsache nicht beeinflussen, daß der Schöpfer imstande ist, Seine eigne Schöpfung harmonisch zu regieren. Solange wir nicht dem Christus-Sinn unser Herz öffnen, wird er nie in uns wohnen. Wir sehen also, daß die Wiederherstellung des Gleichgewichts unsre eigne, individuelle Arbeit ist.
In Homers Ilias lesen wir, wie die Mutter des Achilles, die ihren Sohn für die Waffen seiner Feinde unempfindlich machen wollte, ihn in den Fluß Styx tauchte. Dadurch wurde er unverwundbar, ausgenommen an der Ferse, wo sie ihn beim Eintauchen gehalten hatte. Achilles wurde ein mächtiger Krieger, denn die Pfeile seiner Feinde prallten an seinem Körper ab. Zuletzt aber fiel er einem Pfeil zum Opfer, der in seine Ferse drang. Diese bekannte Mythe sollte den Christlichen Wissenschafter an die Notwendigkeit erinnern, das Gleichgewicht dadurch herzustellen, daß er in allen christlichen Tugenden fest gegründet wird.
Gerade wie es unmöglich ist, auf Kosten eines andern zu gewinnen, so ist es auch unmöglich, in einer gewissen Richtung wahren und dauernden Fortschritt zu machen, während man in einer andern stillsteht oder gar rückwärts geht. Unser Fortschritt muß auf allen Gebieten gleichmäßig sein. Kann man z. B. wahre Liebe zum Ausdruck bringen, ohne zugleich ein entsprechendes Maß von Weisheit zu bekunden? Der verhältnisrichtige Christliche Wissenschafter ist nie träumerisch oder unpraktisch, gibt nie Anlaß zu der Bemerkung, daß er ein Sonderling sei. Er ist nur insofern einseitig als er stets „fleißig [ist] zu guten Werken.” Der Umstand, daß die Christlichen Wissenschafter auf Gott vertrauen, anstatt sich auf die Materie zu verlassen, ist für den Materialisten ein genügender Beweis, daß sie verschroben sind; doch das soll uns nicht beirren.
Obschon wir uns nun in allem, was wir tun, fest und unentwegt an das göttliche Prinzip halten, so dürfen wir doch zu dem Urteil, daß wir Sonderlinge seien, keinen Anlaß geben, weder in unserm Benehmen, unsrer Kleidung, unsrer Rede noch in irgendeiner andern Weise.
Der Christliche Wissenschafter darf keine „schwache Seite” haben, er darf dem Irrtum keine Blöße bieten. „Die Stärke einer Kette liegt in ihrem schwächsten Glied,” lautet die Redensart. Eine teilweise erhaltene Mauer, sei sie noch so stark, ist von geringem Wert, wenn der übrige Teil der Festung zerstört oder vernachlässigt ist. Der folgerechte Christliche Wissenschafter ist kein Spezialist. Er reitet kein Steckenpferd. Er verliert nicht über einer Sache alles andre aus den Augen. Er zieht keine voreiligen Schlüsse, sondern ehe er in irgendeiner Sache Stellung nimmt, versichert er sich erst, ob er recht hat, und ist er einmal darüber im klaren, so läßt er sich von dem eingenommenen Standpunkt nicht abbringen. Seine Demonstration der Wahrheit umfaßt alle Eigenschaften der Wahrheit. Er ist mit dem ganzen „Harnisch Gottes” angetan, nicht nur mit einem Teil desselben, und eine Achillesferse gibt es bei ihm nicht. Er genießt den im einundneunzigsten Psalm verheißenen Schutz, den Mrs. Eddy in den herrlichen Satz zusammengefaßt hat: „Bist du mit dem Panzer der Liebe angetan, so kann menschlicher Haß dich nicht erreichen” (Wissenschaft und Gesundheit. S. 571). Ein solches Bewußtsein läßt nichts unbeschützt, denn es bildet den ganzen Panzer, die ganze Rüstung.
Die Christliche Wissenschaft wirklich verstehen heißt, eine jede Frage im richtigen Verhältnis sehen, in bezug auf alle Dinge den richtigen Gesichtspunkt einnehmen. Wer dies tut, stellt das Gleichgewicht her, so daß er die Welt im rechten Lichte sieht. Er legt einer Sache weder zu geringe noch zu große Wichtigkeit bei. Der wahre Christliche Wissenschafter ist nicht leichtgläubig. Er ist teilnahmsvoll, hat aber ein gutes Unterscheidungsvermögen. Er richtet stets ein „recht Gericht” und prüft und analysiert alles aufs genaueste. Die Wissenschaft vergrößert und verkleinert nichts. Sie macht den Irrtum weder zu einem Schreckgespenst noch läßt sie ihn außer acht, sondern sie betrachtet ihn als eine falsche Vorstellung und zerstört ihn dadurch. Für die Wissenschaft gibt es weder materiellen Reichtum noch materielle Armut. Sie mißt einem materiellen Begriff von Gesundheit ebensowenig Macht bei wie einem materiellen Begriff von Krankheit. Sie bringt einfach die Wirklichkeit ans Licht, und zwar durch die Erkenntnis Gottes und Seiner Schöpfung, in welcher sich Angebot und Nachfrage stets decken und alles vollkommen und harmonisch ist.
Diese klare Erkenntnis des Seins erlangt ein jeder in dem Maße, wie er sie zu empfangen bereit ist. Ob sie nun bald oder erst nach längerer Zeit kommt, sie ist unausbleiblich. Das Gesetz des Rechten wird das Gleichgewicht zur rechten Zeit herstellen. Wenn die Menschen die wahre Bedeutung dieser Offenbarung zu verstehen beginnen, erkennen sie mit dem Apostel Paulus, daß sie die Dinge „durch einen Spiegel in Räthseln” (Zürcher Bibel) gesehen haben. Diese göttliche Berichtigung bedeutet das Herannahen jener Zeit, „da nicht ist Grieche, Jude, Beschneidung, Vorhaut, Ungrieche, Szythe, Knecht, Freier,” wie Paulus sagt. Sie bedeutet das volle Verständnis und die volle Betätigung des ersten, alles umfassenden Gebotes: „Du sollst keine anderen Götter neben mir haben.”
Auf Seite 340 von Wissenschaft und Gesundheit erklärt Mrs. Eddy in kräftigen und klaren Worten, wie man das erste Gebot dem Buchstaben sowohl wie dem Geiste nach befolgen muß. Wenn diese Auslegung in ihrer vollen Bedeutung verstanden worden ist, wird es offenbar, daß die Christliche Wissenschaft den Menschen in das wahre Verhältnis zu Gott bringt; und das ist die einzige Berichtigung, die not tut. Mrs. Eddy schreibt: „Der eine unendliche Gott, das Gute, vereinigt Menschen und Völker; richtet die Brüderschaft der Menschen auf; beendet die Kriege; erfüllt die Schriftstelle: ‚Du sollst deinen Nächsten lieben als dich selbst;‘ vernichtet heidnische und christliche Abgötterei — alles, was in sozialen, bürgerlichen, kriminalen, politischen und religiösen Gesetzen verkehrt ist; stellt die Geschlechter gleich; hebt den Fluch auf, der auf dem Menschen liegt, und läßt nichts übrig, was sündigen, leiden, was bestraft oder zerstört werden könnte.” Die Erkenntnis des wahren Gottes führt die Erfüllung obiger Worte herbei. Sie bedeutet das Kommen des Himmels auf Erden — des Bewußtseinszustandes, in welchem nichts ist, „das da Greuel tut und Lüge.”
Wie die Sonne nicht erst auf Bitten und Beschwörungen wartet, um aufzugehen, sondern sogleich leuchtet und von aller Welt mit Freuden begrüßt wird, so mußt auch du nicht erst auf den lärmenden Beifall und auf Lobsprüche warten, um Gutes zu tun, sondern mußt von freien Stücken Gutes tun; dann wirst du gleich der Sonne geliebt werden.
