Paulus' Botschaft an die Korinther, daß Gott „euch nicht läßt versuchen über euer Vermögen, sondern macht, daß die Versuchung so ein Ende gewinne, daß ihr's könnet ertragen“ hat manchen christlichen Pilger getröstet und gestärkt auf seinem Weg zur himmlischen Stadt. Versuchung bedeutet natürlich, jemandes Festigkeit zu prüfen und ist darum eine Gelegenheit zur Entfaltung von Kraft, deutet aber auf keine innewohnende Kraft hin die Böses erzeugen kann. Ihr Einfluß ist gänzlich von unserem eigenen Gemütszustand abhängig und ihr Erfolg oder Mißerfolg hängt von der im Innern gegebenen Antwort ab.
Versuchungen begegnet man bisweilen unter der Maske von Umständen die mit Unglück drohen und vor welchen es kein sichtbares Mittel zum Entrinnen gibt. Wir begegnen ihnen nicht nur in unserer individuellen Erfahrung, sondern auch in unserer Verbindung mit anderen in einer gemeinsamen Sache und sie prüfen die Natur und Qualität des gesamten Werkes, aber was für einen Charakter sie auch annehmen, haben sie doch immer ihre Wurzeln und Anregung in dem einen Übel, das der Apostel fleischliche Gesinnung nannte. Wir wissen, daß es unter allen Umständen möglich ist Bösem mit Gutem zu begegnen, insofern wir das Gute verstehen und bereit sind ihm treu zu sein; aber die allgemeine, menschliche Neigung möchte einen in noch schlimmere Schwierigkeiten hineindrängen, indem sie dem Bösen mit Bösem begegnet, dem Haß mit Haß entgegentritt, anstatt Gott als das einzige Gemüt, die einzige Intelligenz anzuerkennen, wie wir auch sagen Er sei. Wenn wir verstehen, daß Gott überall und die einzige Macht ist, folgt es selbstverständlich, daß die ganze Menschheit das Vorrecht hat das Gute auszudrücken, und daß unmöglich ein anderer Weg, dem Bösen zu entrinnen, gefunden werden kann.
In diesem Zusammenhang sind zwei Szenen der Bibelgeschichte besonders interessant. Die erste zeigt die Israeliten am Roten Meer auf ihrem Weg von Ägypten nach dem verheißenen Land Kanaan. Sie fanden sich auf einem schmalen Paß, dessen einziger Ausweg durch die verfolgenden Ägypter abgeschnitten wurde; in ihre Hände zu fallen wäre eine Rückkehr zur Sklaverei gewesen. Was sollten sie tun in dieser Not? Nach dem Bericht des Talmud herrschte große Aufregung im Heer der Israeliten, da die Leute verschiedene Ansichten hatten über die zu treffenden Maßregeln. Eine Gruppe schlug sofortige Übergabe vor, eine andere ihnen im offenenen Kampfe entgegenzutreten, und eine, daß man ihnen im Dunkel der Nacht begegne, eine vierte, daß sie sich selbst ins Meer werfen. Doch kamen diese Vorschläge nicht von göttlicher Weisheit und gaben auch keine wahre Hoffnung die Schwierigkeit zu überwinden.
Nur Moses scheint daran gedacht zu haben sich an Gott zu wenden. Sein erster Schritt war die Leute zu beruhigen. „Fürchtet euch nicht, stehet fest und sehet zu, was für ein Heil der Herr heute an euch tun wird.“ Stehet fest! Sie konnten mit ihrer Aufregung und ihren Streitigkeiten nichts erreichen. Ihr Führer riet ihnen ruhig zu sein, worauf das Wort Gottes kam das ihnen befahl vorwärtszugehen, in was sicheres Verderben schien. Doch kennt ein jeder die Folge ihres Gehorsams. Indem sie den Zweck, für welchen sie so wunderbar aus Ägypten herausgeführt worden waren, verfolgten und vorwärtsgingen, erfuhren sie, daß ihnen kein Leid geschah und das drohende Übel zerstörte sich selbst.
Die zweite Szene ist im Garten Gethsemane. Jesus wußte, daß die größte Stunde seiner irdischen Laufbahn nahe war und hatte, von einigen seiner Jünger begleitet, die Stille des Gartens aufgesucht, um dort dem Haß des sterblichen Gemütes zu begegnen und ihn zu überwinden. Die Evangelien erzählen in wenigen Worten den verzweiftelten mentalen Kampf den er durchmachte für die Erlösung der Menschheit. Er bat seine Jünger zu wachen während er betete, gewiß eine kleine Bitte, aber stattdessen schliefen sie und als sie endlich erwachten war ihr Meister in den Händen derer, die sein Leben suchten. In seiner Aufregung, und bestrebt etwas zu tun, als es zu spät war, zog Petrus sein Schwert aus und schlug einem aus der Menge das Ohr ab; Jesus aber tadelte sein Ungestüm und heilte die Wunde.
Niemand als der Meister wußte besser, daß nicht Personen seine Feinde waren, und daß es seiner Sache nicht geholfen hätte wenn die Menge der Leute zerstört worden wäre. Wenn es keinen anderen Weg zur Befreiung gegeben hätte als den, dem sterblichen Gemüt als persönlich zu begegnen, so hätte er seinen Zweck jämmerlich verfehlt, und sein erhabenes Leben wäre durch eine nutzlose Tragödie beendet worden; doch vergoß er kein Blut zu seiner Verteidigung, und als er gescholten ward schalt er nicht wieder. Sein Gehorsam gegen Gott führte ihn in die Mitte der größten Bemühungen des Bösen; aber sogar der Tod wich vor ihm und er kam, ohne Schaden, aus dieser Feuerprobe heraus. Er bewies, daß der Sohn Gottes, der wirkliche Mensch, immer außer dem Bereich des Bösen lebt.
Die Lehre in diesen Bildern ist klar. Über Petrus Tat bemerkt Mrs. Eddy (Miscellaneous Writings, S. 335): „Die Annahme, daß man Unrecht durch die Behauptung seiner Nichtsheit verberge ist der Fehler von Eiferern, die wie Petrus, schlafen wenn der Wächter ihnen gebietet zu wachen, und wenn die Stunde der Prüfung kommt, jemandem die Ohren abschneiden möchten.“ Sie schreibt auch auf Seite 226 von Wissenschaft und Gesundheit, wenn sie von sich selbst als der Entdeckerin der Christian Science spricht: „Ich sah vor mir den furchtbaren Kampf, das Rote Meer und die Wüste; aber durch den Glauben an Gott drang ich vorwärts und vertraute auf die Wahrheit, die starke Befreierin, daß sie mich in das Land der Christlichen Wissenschaft führe, wo die Fesseln fallen und die Rechte des Menschen völlig erkannt und anerkannt werden.“ Und die Welt hat mehr Ursache als sie jetzt ahnt, dankbar zu sein, daß Mrs. Eddy, im Angesicht allen Widerstandes, immer vorwärts ging um die Christian Science Bewegung zu gründen zur Erlösung der Menschheit.
Wenn wir bedenken, daß sich die Natur des fleischlichen Gemütes nicht geändert hat, daß sie noch immer nach der Zerstörung der geistigen Idee trachtet, woimmer sie hoch gehalten wird, so müssen wir nicht erwarten, daß die Mittel durch welche diese zweite Ankunft und das Wirken des Christus heute verkündet werden, von den sogenannten Mächten des Bösen willkommen geheißen und gefördert werden. Die Feindschaft der Schlange ist noch und wird bis zum Ende gegen den Samen des Weibes gerichtet sein. Christian Scientisten, die Israeliten von heute, müssen daher weder erstaunt sein noch erschrecken, wenn das Rote Meer wieder vor ihnen liegt und in dem Gethsemane dieser Stunde gewacht werden muß. Und anstatt in dieser Prüfungszeit sich über die Lage zu beunruhigen, anstatt über menschliche Wege und Mittel zu streiten, oder jemandem die Ohren abzuschneiden, wäre es nicht besser stille zu stehen und zu warten, bis daß uns die Erlösung des Herrn gezeigt wird, was sicher geschehen wird wenn wir willig sind darin zu wandeln?
Gewiß forderte das Ruhigsein und auf Gott zu vertrauen mehr Mut von den Israeliten, als untereinander über die Lösung ihrer Schwierigkeiten zu streiten. Und zu wachen während jenen dunkeln Stunden hatte mehr Glaube und Treue verlangt von Petrus, als das Schwert gegen einen sterblichen Mitmenschen zu zücken. Die Christian Science macht es unverkennbar klar, daß das Böse nie eine Person ist und Christian Scientisten haben keinen Grund ihm mit dem Schwert zu begegnen; wenn man auch von den besten Absichten beeinflußt wird, erweisen sich solche Maßregeln als fruchtlos. Der Bibelbefehl, das Böse mit dem Guten zu überwinden, deutet unter allen Umständen die christliche Haltung an, während der Versuch dem Bösen mit Bösem zu begegnen die Methode fleischlicher Gesinnung ist, der es immer mißlang und immer mißlingen wird, etwas richtig zu Ende zu führen.
Wenn wir die Lehren der Christian Science annehmen, sollten wir die Unvernunft, Personen als die Quelle der Verwirrung anzusehen, oder in Personen das Heilmittel zu suchen, erkennen. Das Übel durch die Lupe der Persönlichkeit zu betrachten vergrößert es, schmückt es mit Intelligenz aus, spricht ihm Beweggründe und Handlungen zu, und erweckt den Sinn des Bösen in den eigenen Gedanken und Absichten. Auf der anderen Seite, wenn wir das Böse durch die Lupe der Christian Science anschauen wird es auf den Verschwindungspunkt zurückgeführt, den damit verwickelten Personen wird geholfen und wir befreien uns selbst von der Versuchung. Wir müssen unbedingt die eine oder andere Richtung einschlagen, doch nur diese ist richtig die uns die Wirklichkeit des Guten und die Unwirklichkeit des Bösen kennen und beweisen lehrt. Auf keine andere Weise können wir der Christian Science Bewegung und der Menschheit helfen, wie sehr wir uns auch bemühen. Selbst wenn jemand gewissenhaft in einer falschen Richtung geht wird ihn sein ehrliches Verlangen das Rechte zu tun zur Berichtigung seines Fehlers führen, und in Demut und Dankbarkeit kann er seinen Weg zurückgehen; denn was auch die Natur des menschlichen Problems sei, es muß endgültig durch göttliche Mittel gelöst werden.
Da Gott das einzige Gemüt ist, kann nur göttliche Intelligenz den richtigen Weg zur Befreiung aus menschlichen Verwirrungen und Schwierigkeiten enthüllen, und dieser Weg wird ordentlich und sicher sein. Ehe man über seinen Nächsten schreit sollte die Mahnung unserer Führerin befolgt werden. Sie beginnt auf Seite 128 von Miscellany: „Prüfet euch selbst oft und seht ob irgendwo ein Hindernis ist für Wahrheit und Liebe und ,behaltet das Gute'“ (Zürcher Bibel). In der unzweifelhaften Liebe für unsere Sache und für die von Mrs. Eddy gegründeten Institutionen, die Christian Scientisten innewohnt, verbunden mit ihrem aufrichtigen Verlangen den Lehren der Christian Science treu zu sein, gibt es immer ein weites Feld, auf welchem Meinungsverschiedenheiten über menschliceh Einzelheiten liebevoll und freundlich berichtigt werden können; wenn sich aber Arbeiter gegeneinander stellen ist das einzig allein das Werk der Schlange und es kann nur schlechte Folgen haben. Die Annahme, man sei unter sich getrennt, ist charakteristisch vom Haushalt des Irrtums, aber sie hat im Haushalt der Wahrheit keinen Platz, und die Bemühungen des Bösen dies zu erzeugen sollten enthüllt und vernichtet werden. Der rechte Weg ist immer der Weg der für alle richtig ist; er führt uns über die Straße der Selbstaufopferung, Barmherzigkeit und Nächstenliebe. Mangelt uns der Mut oder die Vision darin zu gehen, oder die Willigkeit zuzugeben, daß Gottes Wege verschieden sein können von unseren Wegen?
Die Christian Science ist ohne Zweifel die eine Hoffnung des menschlichen Geschlechtes und sie wird für die Menschheit in Einheit und Frieden ausgedrückt. Paulus vergleicht die Kirche mit dem menschlichen Körper, mit Christus als Haupt; dasselbe Gleichnis kann auch für die Christian Science Bewegung angewandt werden. Während sie viele Abteilungen. Tätigkeiten und Einrichtungen in sich schließt, hat sie nur ein Haupt, und dieses Haupt ist, wie der Apostel zeigt, Christus. Wir können uns alle unter diesem Haupt vereinigen und einander helfen, was auch unsere bezüglichen Stellungen sein mögen, und wir können zusammen wirken, daß das Reich Gottes unter uns sei. Lasset uns das tun, in Liebe und ohne Vorwürfe.
