Einer der eindrucksvollsten Sprüche in der Bibel ist der von Christus Jesus, als er vor der Auferweckung des Lazarus von den Toten sagte: „Vater, ich danke dir, daß du mich erhöret hast. Doch ich weiß, daß du mich allezeit hörest”. Seine Worte waren der Ausdruck seiner Dankbarkeit gegen Gott, seines Gottvertrauens und seiner Gewißheit, daß des Vaters Gegenwart und Macht immer zur Verfügung stehen. Er hatte sich an Gott gewandt. Die Folge war, daß sein Freund Lazarus in ihre Mitte zurückgebracht wurde.
Durch sein Verständnis Gottes und seines eigenen wirklichen geistigen Wesens hatte Jesus die vollkommene Gewißheit, daß Gott immer mit ihm war. Er wußte, daß Gott der Vater und er selber der Sohn war. Er wußte, daß er als der Sohn Gottes, dessen Willen er tat, die Kraft Gottes widerspiegelte. Dieses Wissen befähigte ihn, wunderbare Dinge aller Art zu tun — wunderbar oder wundersam, d.h. für das geistig unerleuchtete Bewußtsein. Seine zahlreichen Heilungen von Krankheit und Sünde, seine Herrschaft über die Naturkräfte, die sich im Stillen des wütenden Sturmes und des sturmbewegten Meeres zeigte, sein Sieg über den gefürchteten Feind der Menschheit, den Tod,— das alles zeugt für die Tatsache, daß er die Täuschungen des materiellen Sinnes durchschaute, ihre Nichtsheit erkannte.
Jesus verstand des Menschen geistige Beziehung zu Gott und suchte dieses Verständnis zu pflegen. Zu diesem Zweck betete er. Und wenn er im Gebet mit Gott in Gemeinschaft trat, um seinen Glauben an das zwischen Gott und dem Menschen bestehende unauflösliche Einssein zu stärken, pflegte er sich an einen Ort zurückzuziehen, wo er ungestört sein konnte. Dort wandte er sich an den Vater, betete um ein größeres Maß geistigen Verständnisses, indem er seine Bitte durch Bekräftigungen oder Erklärungen der Wahrheit unterstützte. Der Bericht des Neuen Testaments zeigt, daß er für seine Arbeit neu gestärkt aus solch heiliger Gemeinschaft zu seinen Jüngern zurückkehrte. Der Meister wählte jene Zeiten, die ihn so sehr segneten; aber nichts ist gewisser, als daß sein mentales Verhalten eine beständige Anerkennung der Wahrheit war, daß der Mensch keinen Augenblick von seinem Schöpfer, der Quelle aller Intelligenz, Weisheit und Macht, getrennt ist.
Die Christliche Wissenschaft macht das Verfahren des Meisters klar. Sie zeigt, daß uns allen der geistige Sinn verliehen ist, und daß wir uns Gottes und alles dessen, was Ihn betrifft, durch den geistigen Sinn bewußt werden. „Der geistige Sinn”, schreibt Mrs. Eddy auf Seite 209 in „Wissenschaft und Gesundheit mit Schlüssel zur Heiligen Schrift”, „ist eine bewußte, beständige Fähigkeit Gott zu verstehen”. Sie zeigt auch, daß uns der geistige Sinn befähigt, zwischen dem Wirklichen und dem Unwirklichen zu unterscheiden. Dieser wirkliche Sinn befähigt uns, das Gemüt zu besitzen, „das auch in Christus Jesus war” (Phil. 2, 5). Kurz, der geistige Sinn und nur der geistige Sinn erleuchtet den Christlichen Wissenschafter in allem, was Gott, den Vater, und Seine geistige Schöpfung, die einzig wirkliche Schöpfung, betrifft.
Wenn wir nun das Gemüt besitzen, „das auch in Christus Jesus war”, d.h. wenn wir einigermaßen das geistige Verständnis besitzen, das er hatte, können wir tun, was er tat — die Kranken und die Sünder heilen, Herr über die Naturkräfte sein, die Begrenzungsannahme überwinden und die Unwirklichkeit des Todes erkennen. Dies wird heute von Schülern der Christlichen Wissenschaft in der ganzen Welt wiederholt bewiesen. Die Menschen fragen sich, wie sie diese Dinge tun, und suchen die erreichten Ergebnisse oft auf ganz irrige Art zu erklären. Der Christliche Wissenschafter selber ist über das Verfahren keineswegs im Zweifel. Er weiß, daß jede Heilung von Krankheit und Sünde, die er zustande bringt, jeder Sieg, den er über die falschen Annahmen des materiellen Sinnes gewinnt, die Folge davon ist, daß er sich an das göttliche Prinzip — an Gott — gewandt hat.
Betrachten wir das Heilverfahren in der Christlichen Wissenschaft etwas eingehender! Jemand, der Hilfe braucht, wendet sich an einen Ausüber. Was tut der Ausüber? Er wendet sich an das göttliche Prinzip, d.h. er nähert sich Gott im Gebet. Mit andern Worten, er ist bestrebt, sich die Tatsache zu vergegenwärtigen, daß das Prinzip und Seine Idee, der Mensch, immer eins sind, und daß der Mensch daher nie in Gefahr ist. Ist diese Vergegenwärtigung der Wahrheit klar genug, so werden die Irrtümer des materiellen Sinnes, die das Leiden zu verursachen schienen, überwunden und es findet Heilung statt. Beim Behandeln wird sich der Ausüber tatsächlich bewußt, daß der Mensch, Gottes Idee, dem Gesetz Gottes, dem vollkommenen geistigen Gesetz, untertan und daher vollkommen beschützt, vollkommen harmonisch ist.
Die Christlichen Wissenschafter wenden sich bei allen ihren Schwierigkeiten an das Prinzip. Sollten sie im Zweifel sein, was sie tun, wie sie handeln sollen, so wenden sie sich im Denken an Gott als das einzige Gemüt. Dann machen sie sich klar, daß die göttliche Intelligenz dem Menschen durch Wiederspiegelung in unbegrenztem Maße gehört. Was ist die Folge? Geistige Ideen kommen in ihr Bewußtsein und verdrängen die irrigen Annahmen, die die Schwierigkeit gebildet hatten. Die Christlichen Wissenschafter pflegen diese Art, sich an das Prinzip zu wenden. Wie erfolgreich sie ist, können unzählige bezeugen. Probleme mögen ihnen unlösbar geschienen haben, bis sie sich an das Prinzip wandten und ihre Probleme dem Gesetz Gottes unterordneten. Nachdem die geistige Wahrheit darauf angewandt worden war, verloren sie ihren unheimlichen Anblick und vergingen schließlich im Lichte göttlichen Verständnisses.
Wie sehr doch die Menschen bei ihren Angelegenheiten der Fähigkeit bedürfen, sich an das Prinzip zu wenden! Denn wie können sie sonst sicher sein, daß sie imstande sein werden, sich ihre sittliche und geistige Norm zu bewahren! Was tun die Menschen heute in der ganzen Welt? Ist es nicht so, daß die meisten nicht von dem Prinzip — der göttlichen Wahrheit — sondern von einem persönlichen, materiellen Standpunkt aus denken? Glauben sie nicht, daß das Gute begrenzt und das Böse wirklich sei? Sind daher ihre Bestrebungen nicht darauf gerichtet, materielle Dinge statt wahrer geistiger Substanz zu erlangen? Es kann keine einheitliche Gerechtigkeit und kein bleibender Friede, kein dauernder Wohlstand unter den Menschen herrschen, solange sie nicht das göttliche Prinzip verstehen und das Prinzip und das geistige Gesetz als allerhaben und das trügerische Wesen des Bösen und aller materiellen Dinge anerkennen.
„Ich aber würde zu Gott mich wenden und meine Sache vor ihn bringen, der große Dinge tut, die nicht zu erforschen sind, und Wunder, die nicht zu zählen sind” (Hiob 5, 8. 9). Es erfordert sittlichen Mut, unsere Sache Gott, dem göttlichen Prinzip, anheimzustellen. Aber wir sind überzeugt, daß diejenigen, die es tun, nichts Böses zu befürchten brauchen. Daß die himmlischen Heerscharen, die Engel Gottes, mit ihnen sein und sie beschützen werden, ist so gewiß, wie die Tatsache, daß Gott selber die Quelle ihres unsterblichen Seins ist.
