Die Menschenbrüderschaft—in wie weiter Ferne ihre Verwirklichung doch manchmal zu sein scheint, wenn man heute die ringende, streitende Welt der Sterblichen betrachtet! Wie nie zuvor in der menschlichen Geschichte finden wir in gewissen Gegenden Rassenzügen Wichtigkeit beigemessen, nationale Kennzeichen hervorgehoben—alles Schläge gegen das Ideal der Menschenbrüderschaft. Ohne Zweifel wird dieses Ideal in jedem Volk von vielen erkannt, und sie sind bestrebt, es in Wohlwollen, Freundlichkeit und Zusammenarbeit praktisch zu verwirklichen. Aber es muß zugegeben werden, daß die Verwirklichung weit davon entfernt ist, allgemein erreicht zu werden; ja, bei weitem die Mehrheit hält es nicht einmal für möglich, daß sie als das Ideal für das Menschengeschlecht erkannt wird.
Was verhindert denn den Beweis der Menschenbrüderschaft? Wie die Christliche Wissenschaft zeigt, sind hauptsächlich zwei Dinge schuld daran: erstens, der Glaube der Menschen, daß das Böse wirklich—so wirklich wie das Gute—sei; zweitens, die falsche Annahme, daß Gott nicht der Vater oder Schöpfer des Menschen sei, und daß der Mensch von Ihm getrennt sei. Mrs. Eddy spricht sehr klar vom ersten dieser Irrtümer, wenn sie schreibt (Miscellaneous Writings, S. 18): „Nur dadurch, daß wir das Böse als Wirklichkeit zugeben und uns auf einen Zustand bösen Denkens einlassen, können wir der Annahme nach die Interessen eines Menschen von denen der ganzen Menschenfamilie trennen oder so versuchen, das Leben von Gott zu trennen”. Dies ist eine überaus beachtenswerte Erklärung, die der Sache ganz auf den Grund geht. Indem die Sterblichen glauben, daß das Böse wirklich sei, und böse Gedanken denken, trennen sie, der Annahme nach, ihre Interessen von den Interessen der anderen Menschen und sich selber von dem Vater aller, von Gott.
Mit der ganzen Kraft göttlicher Folgerichtigkeit stellt die Christliche Wissenschaft das Trügerische der Anmaßung des Bösen, wirklich zu sein, bloß. Sie erklärt, daß Gott das unendlich Gute ist; und aus dieser großen geistigen Wahrheit zieht sie den einzig möglichen Schluß, daß das Böse nicht als Wirklichkeit besteht. So zerstört die Christliche Wissenschaft die Grundlage bösen Denkens, jenes unechten Denkens, das die Menschen voneinander zu trennen und die Verwirklichung der wahren Brüderschaft zu verhindern sucht. Nur wenn der falsche Glaube, daß das Böse wirklich sei, durch das Verständnis der Allheit Gottes überwunden wird, wird das Gute bewiesen und die Menschenbrüderschaft auf einer wissenschaftlichen und dauernden Grundlage aufgerichtet.
Den Glauben, daß Gott nicht der Vater des Menschen—aller Menschen—sei, verneint die Christliche Wissenschaft ganz. Sie lehrt, daß Gott die einzige Ursache oder der einzige Schöpfer ist; daß Gott das Gemüt ist, und daß daher Seine Schöpfung, der Mensch, Seine Idee ist. Überdies ist es unmöglich zu denken, daß Gott, das Gemüt, von Seiner Idee, dem Menschen, getrennt sei. Ferner ist die Verwandtschaft zwischen Gott und dem Menschen unveränderlich, unzerstörbar, weil sie fortdauernd von dem vollkommenen Gesetz der Liebe regiert wird. Wenn diese Verwandtschaft wahrgenommen wird, wird die Vaterschaft Gottes und die Menschenbrüderschaft als ewig feststehend erkannt. Auf Seite 470 in „Wissenschaft und Gesundheit mit Schlüssel zur Heiligen Schrift” schreibt Mrs. Eddy: „Mit einem Vater, d.h. Gott, würde die ganze Familie der Menschen Brüder werden; und mit einem Gemüt, und zwar Gott oder dem Guten, würde die Brüderschaft der Menschen aus Liebe und Wahrheit bestehen und Einheit des Prinzips und geistige Macht besitzen, welche die göttliche Wissenschaft ausmachen”.
Aus der Tatsache, daß Gott der Vater—der Vater-Mutter—aller ist, folgt also unvermeidlich die Menschenbrüderschaft. Überdies regiert das Gesetz der Liebe, das Gesetz des Guten, das die Beziehung zwischen Gott und dem Menschen regiert, auch die Beziehung zwischen den Menschen. Die Menschenbrüderschaft ist also eine göttliche Tatsache, die bewiesen werden kann. Die Menschheit muß daher zu diesem Verständnis kommen, damit sich das Menschengeschlecht seines Geburtsrechts zusammenwirkender Harmonie, der Freiheit und des Friedens ungestört erfreuen kann. „Wir haben erkannt und geglaubt die Liebe, die Gott zu uns hat”, sagt Johannes durch göttliche Eingebung. „Gott ist Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm” (1. Joh. 4, 16). Und der Psalmist schreibt: „Siehe, wie fein und lieblich ist’s, daß Brüder einträchtig beieinander wohnen!” (Ps. 133, 1).
Christus Jesus lehrte die Wahrheit der Vaterschaft Gottes und der Menschenbrüderschaft. Sagte er nicht nach seiner Auferstehung zu Maria: „Ich fahre auf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott”? Und gab er nicht das Gebot, daß die Menschen Gott über alles und ihren Nächsten wie sich selber lieben sollen? Ist dies nicht gleichbedeutend mit einem Gebot, Gott als den Vater—den vollkommenen Vater—aller anzuerkennen und die Menschenbrüderschaft zu beweisen?
Heute liegt das sehr große Bedürfnis vor, diese Wahrheiten im menschlichen Bewußtsein aufzurichten, um das in manchen Gegenden sich zeigende Zurücktreiben in die Grausamkeit der Dschungel zu verhindern. Dieses Treiben muß aufgehalten werden. Das Menschengeschlecht darf sich nicht durch Blindheit und Gleichgültigkeit gegen geistige Wahrheit zerstören. Es ist daher Aufgabe derer, die diese Wahrheit kennen, sie um der Menschheit willen weit und breit zu verkündigen. In Befolgung des Gesetzes der Liebe ist jeder Christliche Wissenschafter verpflichtet, dies zu tun. Unsere Führerin schreibt (Wissenschaft und Gesundheit, S. 242): „Laßt uns in geduldigem Gehorsam gegen einen geduldigen Gott daran arbeiten, daß wir mit dem universalen Lösemittel der Liebe das harte Gestein des Irrtums—Eigenwillen, Selbstgerechtigkeit und Eigenliebe—auflösen, welches gegen die Geistigkeit ankämpft und das Gesetz der Sünde und des Todes ist”.
