Durch den ganzen biblischen Bericht des geistigen Fortschritts der Menschheit zieht sich der goldene Faden der augenscheinlichen Gewißheit hindurch, daß Gott allgegenwärtig, dem Menschen nahe ist.
Etwa 3300 Jahre vor Beginn der christlichen Zeitrechnung, über 5000 Jahre vor der Entdeckung der Christlichen Wissenschaft lebte, wie die Bibel berichtet, ein Mann, dessen langes Leben in der kurzen aber anschaulichen Erklärung beschrieben ist: „Dieweil er ein göttliches Leben führte, nahm ihn Gott hinweg, und er ward nicht mehr gesehen”. Die Glaubwürdigkeit dieser Geschichte wurde von dem Verfasser des Briefs an die Hebräer bestätigt, der schrieb: „Henoch ward weggenommen, daß er den Tod nicht sähe”. Sein Anspruch auf Beachtung und Anerkennung beruht darauf, daß er „ein göttliches Leben führte”, daß er so dachte und sich so verhielt, daß er sich der göttlichen Gegenwart und Gemeinschaft beständig und in zunehmendem Maße bewußt sein konnte. Hierin dient er als Veranschaulichung der Möglichkeiten geistiger Verwirklichung in unserer jetzigen Erfahrung.
Was befähigte Henoch, diese göttliche Gegenwart zu verwirklichen und sich der unaussprechlichen Befriedigung einer solchen Verwirklichung zu erfreuen? Es war gewiß nicht das Ergebnis menschlicher Erziehung oder endlicher Erfahrung; denn es wich von den körperlichen Sinnen so sehr ab, daß diese Sinne verstummten, als diese Verwirklichung erreicht war. War Henochs Verwirklichung nicht das folgerichtige und unvermeidliche Ergebnis seiner Wahrnehmung, daß der Geist der einzige Schöpfer, die einzige Ursache alles wirklich Bestehenden ist?
Wenn man die Voraussetzung zugibt, daß Gott der Geist ist, wie Christus Jesus erklärte, und daß der Mensch Sein Bild und Gleichnis ist, wie die ältere Schrift behauptet, gibt es nur den einen Schluß, daß das Zeugnis der körperlichen Sinne über die Art des Menschen ganz den geistigen Tatsachen widerspricht. Die Unendlichkeit des Geistes, des Gemüts, schließt folgerichtig die Möglichkeit des wirklichen Bestehens eines Gegenteils, einer materiellen Welt oder eines materiellen Menschen aus.
Wenn Henoch mit Gott wandeln und den Beweis des ewigen Lebens erbringen konnte, ohne die Erfahrung zu machen, die Tod genannt wird, mußte er etwas von dem Geist der Wissenschaft des Seins erkannt haben. Er muß einen Begriff und ein Verständnis der ewigen Wahrheit gewonnen haben, der Wahrheit, die Christus Jesus offenbarte und bewies, und die unsere Zeit schließlich in den Lehren der Christlichen Wissenschaft erreicht hat. Mrs. Eddy schreibt im christlich-wissenschaftlichen Lehrbuch „Wissenschaft und Gesundheit mit Schlüssel zur Heiligen Schrift” (S. 214): „Wenn Henochs Wahrnehmung auf den Augenschein seiner materiellen Sinne beschränkt gewesen wäre, hätte er niemals ‚mit Gott wandeln‘, noch in die Demonstration des ewigen Lebens geführt werden können”.
Für Henoch muß Gott sehr wirklich gewesen sein. Er muß sich der göttlichen Gegenwart wunderbar bewußt gewesen sein. Sein Bewußtsein muß dem Bewußtsein Christi Jesu in seiner innigen Gemeinschaft mit dem Vater, die im 17. Kapitel des Evangeliums des Johannes so herrlich geschildert ist, ganz ähnlich gewesen sein. Die Menschheit braucht mehr von diesem heiligen Sinn der Nähe und der Zugänglichkeit des Vaters; sie muß sich immer mehr bewußt werden, daß sie sich jederzeit an Ihn als einen immergegenwärtigen Freund wenden kann. Mary Baker Eddy hatte diesen befriedigenden Sinn der Gottheit. In ihrem Werk „Nein und Ja” schreibt sie (S. 19): „Was die Person des Unendlichen ist, wissen wir nicht; aber wir sind uns der Väterlichkeit dieses Höchsten Wesens in Dankbarkeit und Liebe bewußt”.
Indem wir uns angewöhnen, von Gott als dem göttlichen Prinzip, als dem Geist, der Seele, dem Gemüt, und von unserem wahren Selbst als der Idee des Gemüts zu denken, sollte unsere Wertschätzung der Väterlichkeit Gottes klarer werden. Wir sollten diesen köstlichen Sinn unserer Verwandtschaft mit Ihm nie aus den Augen verlieren, sollten nie aufhören, im Sinne von Vater und Sohn zu denken. Wenn wir diese Erkenntnis Seiner Art und Seiner Nähe behaupten, werden wir finden, daß wir wie Henoch und wie unser Wegweiser Christus Jesus, als er umherzog und heilte, mit Gott wandeln und reden können. Gott ist keine metaphysische Begriffsbildung. Er ist unser Vater, unser Vater-Mutter-Gott. Wenn wir Gott so ansehen, so über Ihn denken, werden wir ein stets wachsendes und bleibendes Bewußtsein Seiner Gegenwart haben; und wir werden auch mehr von unserer eigenen wahren Art und von unserer Fähigkeit, mit Gott zu wandeln und zu reden, verwirklichen.
Dieses Wandeln mit Gott ist eine geistig mentale Erfahrung. Die körperlichen Sinne haben nichts damit zu tun. Ja, dieser Gemeinschaft mit Gott können wir uns nur dann erfreuen, wenn wir „außer dem Leibe wallen”, wie Paulus sagt. Ein fortschrittlicher Christlicher Wissenschafter lernt bald verstehen, daß er sein Denken über die Unruhe der Sinne in das Reich der ungestörten Wahrheit erheben muß, um mit dem göttlichen Gemüt in Übereinstimmung zu kommen. Wenn wir manchmal augenblicklich zu sehr mesmerisiert sind, uns zu solchen geistigen Höhen zu erheben, können wir immer um einen klareren Sinn Seiner Gegenwart, um ein klareres Bewußtsein Seiner unfehlbaren Liebe und Fürsorge bitten. Als Christliche Wissenschafter bedürfen wir sehr einer beständig wachsenden Erkenntnis, wie wir diese göttliche Nähe ununterbrochen erfahren und genießen können. Wir müssen uns der Vaterschaft Gottes völliger bewußt werden, damit wir die wahre Menschenbrüderschaft gewahr werden können. Wir sollten uns häufig fragen: Wie wirklich ist mir Gott? Ist Er mir so wirklich wie ein vertrauter Freund? Wenn er es ist—und Er sollte es uns gewiß sein—laßt uns uns an den Gedanken Seiner Allgegenwart gewöhnen! Laßt uns lernen, mit Ihm zu reden, wie ein Kind mit seinem Vater, ein Freund mit seinem Freunde redet! Dies ist ein überaus praktisches und nützliches Bemühen.
Angenommen, wir haben ein scheinbar hartnäckiges körperliches Leiden und unsere Anstrengungen, uns zu befreien, seien nicht so wirksam, wie sie sein sollten. Wir mögen das Problem bis zu dem Punkte ausgearbeitet haben, wo wir sehen, daß es wegen der Wirklichkeit der entgegengesetzten Wahrheit unwirklich ist, und dennoch dauert der Sinn des Leidens fort. Sollten wir in einer solchen Lage nicht mit dem Vater als dem immer gegenwärtigen Gemüt reden und um Seine Hilfe bitten, nicht daß wir uns in der Materie behaglich fühlen können, sondern daß Seine Fähigkeit zu heilen und zu erretten, kund werden möge? Wir mögen uns bemühen, die Wissenschaft und die Wahrheit des Seins für jemand anders zu beweisen, und nicht so erfolgreich sein, wie wir sollten. Unsere Voraussetzung ist richtig, unser Denken folgerichtig, unsere Liebe unbegrenzt und unser Glaube unerschütterlich, und dennoch scheint der Leidende nicht geheilt zu werden. Sollen wir nicht Gott um Hilfe bitten, nicht damit ein sterblicher Sinn des Daseins verlängert werde, sondern daß Gottes Allmacht völliger verstanden und bewiesen werde? Vielleicht lastet Arbeitslosigkeit auf uns. Laßt uns uns an Gott wenden und Ihm demütig danken, daß wir zu sehen beginnen, daß dieses Übel nicht wirklich ist, obgleich es im Augenblick wirklich scheint, und Ihn dann vertrauensvoll um das Verständnis bitten, seine Unwirklichkeit beweisen zu können. Wenn wir um einen klareren Sinn Seiner Allheit, Seiner Fülle bitten, werden wir wahrscheinlich finden, daß uns die Augen geöffnet werden, das Vorhandensein dessen zu sehen, was wir brauchen, gerade wie der Hagar in der Wüste die Augen geöffnet wurden, daß sie das vorhandene Wasser sah, das sie für ihr leidendes Kind brauchte.
Die Annahme kann eine beharrliche Geldnot sein, die uns hindert, unsere ehrlichen Schulden zu zahlen oder die Zeitschriften unserer Bewegung zu beziehen oder unsere Kirchen zu unterstützen, daß sie ihr heilendes Wirken fortführen können. Können wir uns zur Lösung dieses Problems nicht vertrauensvoll an Gott wenden und wissen, daß es Sein Wohlgefallen ist, Seine Fülle zu bekunden, und daß nichts Seine liebevolle Absicht vereiteln kann? Wenn wir Nahrung, Kleidung, Obdach oder irgend etwas anderes brauchen, was zu unserem Wohlergehen hier und jetzt nötig ist, sollen wir uns dann nicht an Ihn wenden, nicht daß ein bloßes materielles Bedürfnis befriedigt werde, sondern daß wir lebendige Zeugen Seiner Willigkeit und Fähigkeit, für die Seinen zu sorgen, sein können? Wenn wir uns ohne Zögern an Ihn wenden, werden wir die Wahrheit der Versicherung unserer Führerin auf Seite 326 unseres Lehrbuchs beweisen: „Wenn du aus wahren Beweggründen arbeitest und betest, wird dein Vater dir den Weg auftun”.
Laßt uns allezeit und unter allen Umständen uns dankbar und vertrauensvoll an den Vater wenden, wenn alles gut geht, aber auch wenn es schlecht geht! Laßt uns mit kindlichem Vertrauen das Heilmittel für unser Leiden, selbst während wir seine Unwirklichkeit erkennen, von Ihm zu erfahren suchen und wissen, daß Er immer „über die Seinen wacht”. Dieser Sinn Seiner Väterlichkeit, Seiner liebevollen Fürsorge und Zugänglichkeit wird uns befähigen, uns in der Stunde der Not an Ihn zu wenden und mental Seine Hand zu ergreifen mit dem Vertrauen, daß Er uns über die Rauheiten auf unserem Wege himmelwärts, auf unserer Pilgerschaft vom Sinn zur Seele, hinweghelfen wird.
