Auf Seite 181 in „Miscellaneous Writings” schreibt Mrs. Eddy von des Menschen Verwandtschaft mit Gott: „Sie ist also kein persönliches Geschenk, sondern die Ordnung der göttlichen Wissenschaft”.
Für den, der diese geistige Verwandtschaft bewiesen hat, hat Einsamkeit für immer aufgehört. Es mag der Welt scheinen, daß er allein sei; aber er erfreut sich einer Gemeinschaft, die von Zeit und Raum unabhängig ist, gegen die die Einwendungen Verlust oder Furcht vergeblich anstürmen. „Denn ich bin nicht allein”, sagte Jesus, „sondern ich und der Vater, der mich gesandt hat”. Was für ein vollständiges, universales Heilmittel gegen Einsamkeit diese göttliche Zusammenstellung und Zusammenarbeit ist, die Christus Jesus anführt!
Das Verlangen nach beständiger Gesellschaft und die Abhängigkeit davon sind sehr oft die Ursache der Furcht, der Unruhe und der fieberhaften Tätigkeit der Menschen. Indem sie diesem Verlangen frönen, verzichten sie auf ihr göttliches Recht, sich nur auf den Urheber ihres Seins zu verlassen und unmittelbar mit Ihm in Gemeinschaft zu sein; jene geistigen Sinne in sich zu entwickeln, die allein ihr Leben unfehlbar erhalten und gestalten können. Jesus wußte, daß eine solche beständige Gemeinschaft in seiner fortschreitenden Entwicklung als der Sohn Gottes unerläßlich war.
Unsere Führerin hat uns gesagt, daß „der Christliche Wissenschafter mit seinem eigenen Sein und mit der Wirklichkeit aller Dinge allein ist” (Botschaft an Die Mutterkirche für das Jahr 1901, S. 20). Das Vorrecht, mit anderen unsere Erfahrungen, unsere Freuden und nötigenfalls unsere Trübsalen zu teilen, wie Jesus es mit seinen Jüngern zu tun pflegte, ist ein normaler Teil unserer menschlichen Erfahrung. Unsere Beziehung zu Gott ist jedoch rein persönlich; wir teilen sie nicht einmal mit denen, die uns am teuersten sind. In jenes Allerheilige des geistigen Seins, wo der Mensch der Wirklichkeit von Angesicht zu Angesicht gegenübersteht und das göttliche Einssein von Vater und Sohn, des Gemüts und der Idee, ausdrückt, tritt er allein. Wir sollten ernstlich über das Beispiel Jesu nachdenken, der Stunden mit Gebet zubrachte, manchmal in Abwesenheit, manchmal in Gegenwart seiner Jünger—obwohl auch dann allein mit Gott—und seine Verwandtschaft mit dem Vater ausdrückte und unversehrt erhielt.
Meistens kommen bei den Sterblichen an erster Stelle die menschlichen Verwandtschaften hinsichtlich Neigung, Interesse und Wichtigkeit. Wäre es nicht so, so gäbe es nicht so viel Furcht vor Verlust, weil diese Dinge keinen so entscheidenden Einfluß auf das tägliche Leben hätten. Obgleich Jesus die Menschheit liebte und unendlich erbarmungsvoll war, war für ihn sein Einssein mit dem Vater die eine Verbindung von höchster Bedeutung. Seine Beziehungen zu seiner Mutter, seinen Brüdern und seinen Freunden waren ihr untergeordnet.
Während die Menschen beieinander menschliche Liebe, Ermutigung und Unterstützung suchen und dankbar sein können für die Kraft und die Hilfe, die die Folge solch gesegneter Verbindungen sind, muß jeder lernen, daß die Kraft und die Weisheit, die Freude und die Nützlichkeit, die nie versagen, die nie abgetrennt sind, im individuellen Einssein mit dem göttlichen Prinzip erlangt werden müssen. Der Christus, den Jesus in seinem höchsten Vertrauen auf Gott darstellte, steht allen zu Gebote; aber solange dies nicht in der Größe und der Vollständigkeit seiner Befriedigung erkannt wird, die alle menschlichen Verwandtschaften nicht verdrängt, sondern sie erhält und heiligt, wird die Anmaßung Einsamkeit und die Furcht davor nicht überwunden werden.
Was in den Lehren der Christlichen Wissenschaft enthüllt ist, ist der Weg, auf dem die Menschen hier und jetzt in jene geistige Verwandtschaft mit dem Vater treten können, die sie nicht mehr als ein besonderes, überirdisches Vorrecht, sondern als „die Ordnung der göttlichen Wissenschaft” erkennen. In dieser Vollständigkeit gibt es keine Furcht vor Verlust oder Trennung. In der Erkenntnis, daß ihr Wohl nicht mehr von den Dingen abhängt, die ihnen am teuersten sind, noch von den Launen des Verhängnisses oder der zufälligen Willkür der Umstände, lernen die Menschen in der Christlichen Wissenschaft verstehen, daß sie eine stets verfügbare, stets uneinnehmbare Zuflucht haben, wo der Geist regiert.
Unsere Führerin schreibt auf Seite 36 in „Nein und Ja”: „Der menschliche Jesus hatte eine Zuflucht in seinem höheren Selbst und in seiner Verbindung mit dem Vater. Dort konnte er in der bewußten Wirklichkeit und Hoheit seines Wesens vor den unwirklichen Anfechtungen Ruhe finden,—indem er das Sterbliche für unwirklich und das Göttliche für wirklich hielt. Dieses Sichzurückziehen von der körperlichen zur geistigen Selbstheit stärkte ihn zum Sieg über Sünde, Krankheit und Tod”. Jesus wußte bei allen Härten und Strafen der menschlichen Erfahrung, daß es eine Zufluchtsstätte gab, wo er neue Stärke und Zuversicht finden würde für das, was bevorstand, wo er göttliche Gemeinschaft finden würde.
In Zeiten großer Entscheidungen suchen selbst die am wenigsten religiösen Menschen unwillkürlich nach einer Macht und Zuflucht, die größer ist als sie selber. Wer aber gefunden hat, daß in seiner Beziehung zu Gott alle anderen wahren Beziehungen gesegnet und gestärkt werden, kennt, wo er auch sein mag, oder was für Forderungen an ihn auch gestellt werden mögen, die Wahrheit der Worte: „Ich bin nicht allein, sondern ich und der Vater, der mich gesandt hat”.
