Gerechtigkeit und Barmherzigkeit sind Eigenschaften der Wahrheit und der Liebe, des einen allmächtigen Gottes. Wie oft doch Sterbliche um Gnade bitten, wo die Gerechtigkeit die Aufhebung der Strafe für Unrechttun verbietet! Die Gerechtigkeit verlangt jedoch eine Erneuerung des menschlichen Selbst, ehe man sehen kann, daß Gottes Gnade die Menschheit umfaßt und Leiden ausschließt. Unsere Führerin, Mary Baker Eddy, schreibt im christlich-wissenschaftlichen Lehrbuch „Wissenschaft und Gesundheit mit Schlüssel zur Heiligen Schrift“ (S. 22): „Die Gerechtigkeit erheischt die Umwandlung des Sünders. Die Barmherzigkeit erläßt die Schuld nur, wenn die Gerechtigkeit zustimmt.“
Und wann stimmt die Gerechtigkeit zu? Wenn die Wahrheit durch Demonstration erlangt ist, wenn die Sünden und Furchtannahmen, die schlimme Wirkungen zu erzeugen behaupten, zerstört sind und der Mensch in Gottes Ebenbild zum Vorschein zu kommen beginnt. Der Psalmist hatte die Weisheit, Barmherzigkeit mit der Wahrheit, dem Erscheinen der Wirklichkeit, zu verbinden; denn er sagte (Ps. 85:11), daß „Güte und Treue [engl. Bibel: Barmherzigkeit und Wahrheit] einander begegnen, Gerechtigkeit und Friede sich küssen.“ Das Gesetz der göttlichen Barmherzigkeit ist die immer wirkende Liebe der Liebe, und es demonstriert, daß das wahre Bewußtsein Frieden hat und frei ist von Schmerz. Wir sind bereit die Gnade und Vergebung, die Leiden aufhebt, zu empfangen, wenn wir den menschlichen Willen überwinden und die sterbliche Überzeugung vom Leben in der Materie und von der Wirklichkeit des Bösen aufgeben. Wenn das Wirken der Barmherzigkeit nur langsam zu heilen scheint, kommt es daher, daß man das wahre Bewußtsein noch nicht erlangt hat und folglich nicht erlebt, was wahr ist. Dann ist eine weitere Erneuerung nötig, ein gründlicheres Untersuchen der noch unzerstörten sterblichen Annahmen, die sich dem Leiden nicht nur unterwerfen, sondern es auch auferlegen; ein klareres Erkennen, daß Vollkommenheit das göttliche Erbe des Menschen ist.
Die Christliche Wissenschaft enthüllt, daß das wirkliche Bewußtsein das Verständnis des Lebens ist, wie das göttliche Gemüt es kennt. Sie verwirft die ungerechte Annahme, daß der Mensch ein schwaches, beschränktes Wesen sei, daß er an das Fleisch gebunden und sündigen Einflüssen ausgesetzt sei, die er kaum versteht, sowie unbarmherzigen menschlichen Zuständen, an deren Entstehen er oft unschuldig ist. Diese Wissenschaft demonstriert die größere Gerechtigkeit, die das Weltall in unbedingter Unparteilichkeit umfaßt. Alle können erfahren, daß die Liebe das Leiden barmherzig aufhebt, wenn sie bloß aus der Täuschung eines von dem Geist getrennten Lebens erwachen wollen und der dem wirklichen Bewußtsein innewohnenden göttlichen Wesensart entsprechend leben. Wir müssen gerecht sein, wenn wir Gerechtigkeit erleben wollen, barmherzig, wenn wir Barmherzigkeit ersehnen; wir müssen liebevoll sein, wenn wir die Macht und Gegenwart der Liebe fühlen wollen.
Mrs. Eddy schreibt in „Wissenschaft und Gesundheit“ (S. 36): „Ein selbstsüchtiges und begrenztes Gemüt mag ungerecht sein, das unbegrenzte und göttliche Gemüt jedoch ist das unsterbliche Gesetz der Gerechtigkeit sowohl wie der Barmherzigkeit.“ Oft haben wir uns über Selbstsucht soweit erhoben, daß wir in unserem Verkehr mit andern gerecht sind, aber wir tun es mehr aus Pflicht als aus Liebe, mehr aus Gerechtigkeit als aus Barmherzigkeit. Doch ist nicht nur Gerechtigkeit, sondern auch Liebe nötig, wenn das Gesetz und das Evangelium in der göttlichen Wissenschaft erfüllt und die Wahrheit bewiesen werden soll. Daß Gottes Barmherzigkeit uns nur in dem Maße regiert, wie wir selber Barmherzigkeit ausdrücken, erklärte der Meister, als er sagte (Matth. 5:7): „Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.“
Kranke, die über unzerstörtes Leiden klagen, mögen finden, daß ihnen die Barmherzigkeit der Liebe näher ist, wenn sie gegen diejenigen, die für sie sorgen, mehr Rücksicht und Barmherzigkeit an den Tag legen. Sogenannte ältere Leute, auf denen scheinbar die ungerechte Annahme der Hinfälligkeit lastet, können diese Last vielleicht leichter abschütteln, wenn sie gegen die jüngere Generation, der die Sorge für sie zufällt, gerechter sind. Anstatt ihre Vorfahren zu verdammen, sollten diejenigen, die sich gegen die Begrenzungen durch ererbte Neigungen auflehnen, dadurch Gerechtigkeit ausdrücken, daß sie das Unpersönliche des sterblichen Daseins anerkennen und die Unwirklichkeit der sterblichen Annahme in allen sogenannten Generationen. Diejenigen, die vielleicht unschuldig unter den Folgen des Kriegs und den Verfehlungen ihres Volks leiden, können sich persönlich darüber erheben und beweisen, daß Gott den Menschen ewig regiert.
Christus Jesus konnte die Gesetze der Gerechtigkeit und der Barmherzigkeit für sich selber beweisen, weil er sie selbstlos für andere bewiesen hatte. Seine christliche Macht hatte in gewissen Fällen, die er heilte, sowohl die Sünde als auch deren Strafe beseitigt. Er hatte die Fähigkeit der Liebe bewiesen, die Gesundheit wiederherzustellen und diejenigen ins Leben zurückzurufen, die dem erbarmungslosen und ungerechten Glauben, daß alle sterben müssen, erlegen waren. Er hätte sagen können: „Selig sind die Gerechten; denn sie werden Gerechtigkeit erlangen“, da ihm in seiner Auferstehung und Himmelfahrt die volle Gerechtigkeit und Barmherzigkeit Gottes widerfuhr. Die Gerechtigkeit erhob ihn über den Tod, und die Barmherzigkeit heilte die ihm zugefügten grausamen mentalen und leiblichen Wunden. Dann hob die Liebe seine Auffassung des Lebens über den sterblichen Traum in das Reich unaufhörlichen Friedens empor. Er hatte sein Verständnis von der ewigen Ordnung, dem harmonischen Leben in Gott, bewiesen.
Mrs. Eddy schreibt in „Miscellaneous Writings“ (Vermischte Schriften, S. 122): „Die göttliche Ordnung ist der Gipfel der Barmherzigkeit; sie ist weder ungewiß noch anfechtbar; sie bedeutet nicht etwa, daß das Böse Gutes erzeugt, noch daß das Gute in Bösem endet.“ Der Meister bewies diese göttliche Ordnung; und alle können sie beweisen, wenn sie wie er willig sind, eine falsche, persönliche Daseinsauffassung aufzugeben, um Leben im Geist zu finden.
Wenn jemand weiterhin leidet, nachdem er überzeugt ist, daß er sich gebessert hat, und sein Bitten um Barmherzigkeit die Gottheit nicht erreicht, so ist dies ein Beweis, daß er sein Denken nicht von der Annahme befreit hat, daß er je ein irrender Sterblicher war. Es ist der Glaube an die Wirklichkeit der sterblichen Erfahrung, der die Zustände der menschlichen Annahme fortbestehen läßt. Die Barmherzigkeit versagt nie, wenn man Gottes Allerhabenheit und die Vollkommenheit Seiner göttlichen Ordnung beweist.
Die Christliche Wissenschaft ist das Gesetz Gottes, das Gerechtigkeit und Barmherzigkeit in sich schließt und alle Strafen dafür, daß man sterblich zu sein scheint, beseitigt. Sie offenbart die göttliche Ordnung des Lebens — die unparteiische Regierung der Liebe und die Tatsache, daß der wahre Mensch von Leiden verschont ist, weil er sündiger Annahmen unfähig ist. Die Liebe versagt niemand Barmherzigkeit. Gerechtigkeit und Barmherzigkeit gehen Hand in Hand; aber sie sind unwandelbare Gesetze der Liebe, und die Forderungen der Liebe für das Wirken ihrer Gesetze müssen erfüllt werden.
