Nach dem allgemeinen menschlichen Begriff gilt Geduld als eine Tugend, da sie auf die Fähigkeit hinweist, klaglos Leiden zu erdulden, und auf die Gewohnheit, die Dinge hinzunehmen, wie sie sind. Doch sie mag angesichts der Wechselfälle des Lebens auch auf ein Gefühl der Hilflosigkeit hindeuten, und daher könnte Geduld in einem gewissen Grade als Unterwerfung unter das Böse angesehen werden. Ebenso mag das, was in einigen Fällen oberflächlich betrachtet als Geduld erscheint, nichts als Apathie sein, eine Form von Trägheit oder Untätigkeit, die aus einer Vorliebe fürs Bequeme und aus Arbeitsunlust erwächst. Sie mag auch nur ein Deckmantel für Schüchternheit sein. In jedem einzelnen dieser Fälle deutet jedoch Geduld stark auf einen Zustand der Untätigkeit hin.
Die Christliche WissenschaftChristian Science; sprich: kr'istjən s'aiəns. zeigt, daß Geduld in allen diesen Fällen materialistisch und falsch ist und weit davon entfernt, eine Tugend zu sein; daß sie jedoch ihrer geistigen und wahren Bedeutung nach nicht ein ruhiges Hinnehmen seelischen oder körperlichen Leidens, des Unrechts oder der Einschüchterung ist. In Wirklichkeit ist Geduld nicht Unterwerfung unter das Böse, und sie leistet stets Widerstand. Geduld ist auch kein unbegrenztes Warten darauf, daß ein anderer tut, was er tun sollte, noch ist sie unbegrenztes Tolerieren eines Unrechts.
Ihrer höchsten Bedeutung nach, wie sie durch die Christliche Wissenschaft ans Licht gebracht wird, ist Geduld nie ein untätiger oder stagnierender Gemütszustand. Sie ermangelt nie des Mutes, sondern ist der Antrieb zu unauffälliger, aber unermüdlicher Tätigkeit im Guten. Wahre Geduld entspringt dem wissenschaftlichen Verständnis, daß die allwissende göttliche Liebe, Gott, allein Intelligenz und Macht hat, und sie ist angesichts jeder vom sterblichen Gemüt herrührenden Suggestion von Verzagtheit, Unzulänglichkeit oder Niederlage vom Vertrauen auf den schließlichen Sieg Seines Gesetzes inspiriert.