Ein Freund Und ich unterhielten uns darüber, daß er, ein begeisterter Reiter, jetzt, da die Mauer um Berlin nicht mehr existierte, die Möglichkeit hatte, in das Gebiet der früheren DDR hineinzureiten. Einmal war er dabei weit in ein ihm unbekanntes Gelände geraten, so daß er sich verirrt hatte und in Sorge um den Rückweg war! Mein Freund ist aktives Mitglied einer großen Religionsgemeinschaft und sucht wie ich seinen Weg zu Gott. Daher fragte ich ihn: „Hast du gebetet, um den richtigen Weg zu finden?“ Zu meinem Erstaunen antwortete er: „Ich hätte gebetet, wenn ich alleine gewesen wäre. Aber weißt du, ich hatte ja das Pferd, und es ist bekannt, daß Pferde immer wieder zurück in ihren Stall finden. Darauf habe ich mich eben verlassen.“
Über die Antwort mußten wir beide lachen, aber später fragte ich mich, ob ich mich nicht auch mitunter auf „das Pferd“ verließ, anstatt zu beten.
Selbst wenn wir es gewohnt sind, uns im Gebet an Gott zu wenden, mögen wir uns doch manchmal bewußt oder unbewußt auf eine Person oder einen Gegenstand verlassen, anstatt auf Gott. Ein Beispiel hierfür finden wir in der Bibel in Christi Jesu Gleichnis vom verlorenen Sohn. Siehe Lk, Kap. 15. Für mich spricht es Bände über den Unterschied zwischen Gottvertrauen und Verlaß auf „das Pferd“.
Wie im Lukasevangelium berichtet wird, beginnt die Geschichte mit einem jungen Mann, der von seinem Vater vorzeitig sein Erbe verlangt und sein Vaterhaus verläßt. Mit dem Entschluß, sich auf das Erbe zu verlassen, entscheidet er sich sozusagen für ein „Pferd“, anstatt darauf zu vertrauen, daß Gott, sein Vater, alle seine Nöte stillen wird. Anfangs verläuft sein Leben nach seinen Wunschvorstellungen. Extravaganzen und widrige Umstände lassen ihn jedoch schließlich verarmen. Nun hätte er sich um Hilfe an Gott wenden können. Aber das tat er nicht!
In dem Gleichnis gibt es eine Passage, die mir nach dem Gespräch mit meinem Freund in einem besonderen Licht erschien. Es wird berichtet, daß sich der verlorene Sohn, als letzte Möglichkeit, seine trostlose Lage zu verbessern, „an einen Bürger jenes Landes“ hängt. Statt also den ihm bekannten Weg nach Hause zu seinem Vater zu gehen, wählt der Sohn ein neues „Pferd“ in Form eines Bürgers.
Von diesem Bürger wird in der Bibel nichts weiter berichtet, als daß er den verlorenen Sohn auf seinen Acker schickt, um die Säue zu hüten. Es sieht nicht so aus, als ob er sich in irgendeiner Weise für den jungen Mann verantwortlich fühlte oder gar dessen wirklichen Hunger erkannt hätte, der geistiger Natur ist.
Auf der untersten Ebene der menschlichen Gesellschaft angekommen, beschließt der junge Mann demütig, sich aufzumachen, zu seinem Vater zurückzukehren und ihn um Einstellung als Tagelöhner zu bitten. Das Aufgeben seiner rein materiellen Lebenseinstellung ist erforderlich, bevor er diesen Schritt zur Demut hin tun kann.
In ihrem Artikel „Der Weg“ in den Vermischten Schriften erklärt Mrs. Eddy, daß der Schritt zur Demut erforderlich ist, um uns über den Einfluß des sterblichen oder fleischlichen Gemüts zu erheben und unser wahres, geistiges Sein zu erkennen. Sie schreibt: „Man kann niemals aufsteigen, ehe man in seiner eigenen Wertschätzung herabgestiegen ist.“ Verm., S. 356. Und so war für den Sohn die demütige Bereitwilligkeit, als Tagelöhner für seinen Vater zu arbeiten, der erste Schritt zur Lösung seiner Probleme.
Sicherlich wird jeder von uns die Freude von Vater und Sohn mitempfinden können, wenn wir im Lukasevangelium weiter lesen, wie der Vater den heimkehrenden Sohn empfängt! Nicht nur, daß der Vater dem Sohn entgegengeht. Er erspart es dem Sohn auch, die Worte „Mache mich zu einem deiner Tagelöhner“ auszusprechen, wie dieser es sich in seinem gedanklichen Konzept vorgenommen hatte.
Wir können aus diesem Gleichnis lernen, daß der Erbe für den Vater stets Sohn bleibt und nie Knecht wird. Diese Erkenntnis läßt uns zumindest ein wenig von dem wahrnehmen, was wir als Gottes geistige Widerspiegelung wirklich sind. Unser Vater-Mutter Gott erkennt Seine Kinder immer nur als Seine geliebten Söhne und Töchter, die völlig geistig und gut sind. Es bleibt uns überlassen, in Demut den Vater und unsere eigene geistige Identität zu erkennen.
Diese Aufgabe brauchen wir nicht allein zu erfüllen. Mrs. Eddy erklärt in ihrem Hauptwerk, Wissenschaft und Gesundheit: „, Schaffet, daß ihr selig werdet’ ist die Forderung von Leben und Liebe, denn zu diesem Zweck arbeitet Gott mit euch.“ Wissenschaft und Gesundheit, S. 22. Ein faszinierender Gedanke, daß Gott mit uns arbeitet! Es ist ein Hinweis darauf, daß das göttliche Gemüt stets tätig ist und sein vollkommenes, unbegrenztes Wesen im Menschen entfaltet — und daß wir die notwendigen Fähigkeiten im Leben zum Ausdruck bringen können, weil der Mensch die Widerspiegelung dieses Gemüts ist.
Das ist jedoch nicht immer leicht, besonders wenn wir uns, von Selbstsucht getrieben, von Gott abgewandt haben. Ich spreche aus Erfahrung, denn mehrere Jahre lang war mein Leben wie das des verlorenen Sohnes.
Als Kind und Teenager war ich eine begeisterte Schülerin in einer Sonntagsschule der Christlichen Wissenschaft gewesen. Im beginnenden Berufsleben hatte ich jedoch den Eindruck, daß meine Forderungen an das Leben nicht mit den Wahrheiten, die ich in der Sonntagsschule gelernt hatte, in Übereinstimmung zu bringen waren. Durch willensstark durchgesetzte Erfüllung materieller Wünsche und Hoffnungen verließ ich mich auf „das Pferd“ und nicht auf Gott. So trafen auch auf mich mehrere Jahre die Worte Gottes zu, die Er im Buch des Propheten Jeremia an Sein Volk richtet: „Mich, die lebendige Quelle, verlassen sie und machen sich Zisternen, die doch rissig sind und kein Wasser geben.“ Jer 2:13.
Mir war damals noch nicht klar, daß ich die Waffenrüstung des Geistes anlegen und diesen Schutz täglich bewahren mußte, indem ich meine wirkliche, geistige Natur anerkannte und begriff, daß dies auch auf andere zutraf. Ich mußte mein Denken vergeistigen. Gebet, die Bibel, Mrs. Eddys Schriften, die wöchentlichen Bibellektionen im Vierteljahrsheft der Christlichen Wissenschaft sowie aktive Teilnahme an unseren Gottesdiensten helfen uns dabei.
Anstatt meine “Rüstung“ instand zu halten, hörte ich auf, die Bibellektion zu lesen und an den Gottesdiensten teilzunehmen. Ich erkannte nicht, daß ich die Annahme akzeptiert hatte, es gehe auch ohne Gott und Seine Führung. Die menschliche Auffassung, daß eine Trennung zwischen Gott und Seiner Widerspiegelung, zwischen Vater und Sohn möglich sein könnte, ist eine der falschen Vorstellungen und Einflüsterungen des sterblichen Gemüts. Sie leugnet die Wirklichkeit, nämlich die direkte Beziehung des Menschen zu seinem Vater, oder stellt Gott nur als eine vage, nicht erfahrbare Vision dar.
Zwar dachte ich manchmal an die Zeiten, wo ich mich bemüht hatte, Gott als Vater-Mutter zu erkennen und mich von Ihm leiten zu lassen. Das waren Zeiten, in denen ich eigentlich viel glücklicher gewesen war. Aber noch war ich nicht bereit, mich Gott wieder bewußt anzuvertrauen.
Ich hatte inzwischen aus beruflichen Gründen meine Heimatstadt verlassen und mir im ehemaligen Westdeutschland eine Existenz aufgebaut. Meine Mutter, in deren Haushalt sich noch viele Gegenstände befanden, die mir gehörten, erkundigte sich oft, welche Dinge sie davon wegwerfen dürfe. Ich gab ihr „grünes Licht“ für alte Zeitschriften, Tagebücher, Bilder, verlangte aber stets, daß sie „die alten grauen Hefte“ auf keinen Fall aussondern und wegwerfen dürfe. Hierbei handelte es sich um die früheren Ausgaben des Herolds der Christlichen Wissenschaft, die noch aus meinen Sonntagsschuljahren stammten. Obwohl ich mit Gott scheinbar abgeschlossen hatte und nichts mehr von Ihm wissen wollte, mochte ich mich von diesen alten Herold- Ausgaben nicht trennen.
Wenn ich diesen Tatbestand heute überdenke, erkenne ich klar, daß Gott sich nie von mir getrennt hatte, obgleich ich damals nicht völlig für Ihn aufgeschlossen war. Die schlummernde Ehrfurcht vor Gott, die mich daran hinderte, meine Zustimmung zur Vernichtung meiner alten Herold- Ausgaben zu geben, ist für mich heute ein deutliches Zeichen für Gottes Existenz und meine unterbrochene Beziehung zu Ihm — ungestört und unzerstörbar von menschlichem Planen und Mutmaßen.
Schwierigkeiten im Beruf und Privatleben führten schließlich dazu, daß ich mir ernsthafte Sorgen um meine Familie, meine Lebensführung und mein Auskommen machte. Auf den Rat meiner Kollegen hin beschaffte ich mir ein sehr populäres Buch über eine bestimmte Therapie, die zu Wohlbefinden und Entspannung verhelfen soll. Einen Abend las ich darin. Noch nie hatte ich mich so schnell von einem Buch getrennt. Am nächsten Tag warf ich es in den Mülleimer! So viel hatte ich von der Geistigkeit erkannt, daß mir dieses Buch mit seinen psychologischen Einsichten und Ratschlägen nicht das geben konnte, wonach ich verlangte.
Neben den durch materielle Denkprozesse nicht ausräumbaren beruflichen Schwierigkeiten begann ich mir Sorgen wegen meines Privatlebens und besonders um ein Mitglied meiner Familie zu machen, und so stellte sich zusätzlich Schuldbewußtsein ein. Aus diesem Grunde hatte mir eine Bekannte geraten, die Meinung eines Psychologen einzuholen, was ich auch tat. Wie dieser Spezialist über die Situation urteilte, weiß ich nicht mehr. Von unseren Gesprächen ist mir nur in Erinnerung geblieben, daß er beiläufig das Wort “Gemüt“ erwähnte. Für mich war das Wort Gemüt — das, wie ich in der Sonntagsschule gelernt hatte, Gott bedeutet, wenn es mit einem fettgedruckten G geschrieben wird — wie ein plötzlicher Lichtstrahl am Ende eines langen, dunklen Weges!
Die Schritte, die ich tun mußte, um meine Probleme zu lösen, lagen nun klar, offen und sicher vor mir. Ich wollte mich nicht mehr auf „Pferde“ verlassen, sei es in Form von Kollegen, Therapeuten, Büchern zur Selbsthilfe oder anderen Dingen, die uns vorgaukeln, daß sie Glück und Zufriedenheit bringen. Statt dessen wandte ich mich an Gott, Geist, als den Ursprung meines Lebens — als das Leben selbst.
Als Konsequenz dieses Erwachens zu der Erkenntnis, daß mein wirkliches Wesen geistig und daß Gott mein Leben ist, besuchte ich ab sofort die Gottesdienste der Zweigkirche Christi, Wissenschafter, in meiner Stadt. Die mich bedrängenden Probleme wurden langsam, aber in hervorragender Weise gelöst, und es stellten sich Lösungen ein, die meine früheren Erwartungen bei weitem übertrafen.
Welche Befreiung lag und liegt in dem Gedanken, daß Gott die Quelle unseres Lebens und alles Guten ist und daß wir uns nur aufmachen und zu unserem Vater gehen müssen, um Seine Liebe im täglichen Leben zu erfahren! Wir können jederzeit zu einer besseren geistigen Erkenntnis kommen, egal, wie weit wir uns scheinbar von Gott entfernt und auf wie viele „Pferde“ wir schon vertraut haben.
