Skip to main content Skip to search Skip to header Skip to footer

Der Konzertpianist: Ein Interview mit Malcolm Frager (2. Teil)

Aus der November 1975-Ausgabe des Herolds der Christlichen Wissenschaft


wußte praktisch von dem Augenblick an, wo er auf seinen ersten Klavierstuhl kletterte, was er werden wollte. Mit vier Jahren begann er Klavier zu spielen, und als er zehn war, trat er als Solist mit dem Sinfonieorchester von St. Louis auf. Heute ist er acht bis zehn Monate im Jahr unterwegs und hat in über 60 Ländern mit bekannten Orchestern gespielt und Klavierkonzerte gegeben. Er ist als hervorragender Interpret klassischer Musik anerkannt, hat die Columbia-Universität mit Auszeichnung absolviert und spricht sieben Sprachen.

Dies ist eine Fortsetzung des Interviews, das im Oktober-Herold begann.

Wie lernen Sie so viele verschiedene Partituren auswendig?

Ach, ich versuche nie, sie auswendig zu lernen. Wenn man mit einer Sache wirklich vertraut ist, dann kennt man sie einfach. Gedächtnis ist für mich spontanes Wissen. Sie versuchen nicht, Ihren Namen im Gedächtnis zu behalten, Sie kennen ihn einfach. Wenn Sie etwas wissen, ist es für immer Ihr eigen. Das bedeutet nicht, daß ich mich mit einer Partitur nicht so viel wie möglich vertraut mache und sie wirklich studiere. Doch ich versuche nicht bewußt, sie auswendig zu lernen. Wenn man etwas gut genug kennt, bleibt es einem einfach haften. Ich glaube nicht, daß Christus Jesus sich erst darauf besinnen mußte, wer er war oder wer Gott ist. Er wußte es einfach, und er lebte demgemäß.

Erzählen Sie uns bitte, wie Sie die Christliche Wissenschaft bei der Entwicklung Ihrer Interpretation eines Musikstücks anwenden können.

Es ist sehr wichtig zu verstehen, was den Komponisten veranlaßte, das Stück so zu schreiben, wie er es schrieb. Was empfand er? Was bewog ihn, gerade das zu schreiben, was er schrieb, und gerade so, wie er es schrieb? Hier ist die Christliche Wissenschaft eine große Hilfe, denn wenn wir ein besseres Verständnis davon gewinnen, daß es in Wirklichkeit nur einen Gott, ein unendliches Gemüt, gibt, das in unendlicher Vielfalt zum Ausdruck kommt, dann erkennen wir, daß dasselbe Gemüt, das den Komponisten inspirierte, das Gemüt ist, das auch heute, in ebendiesem Augenblick, gegenwärtig ist.

Und wenn man sich als die Widerspiegelung oder den Ausdruck dieses Gemüts sieht, dann, glaube ich, ist es möglich, den Punkt zu erreichen, wo man geradezu das Gefühl hat, das Stück selbst geschrieben zu haben. Damit meine ich, daß man sich dem Komponisten so nahe fühlen kann, daß man zu sagen vermag: „Ja, so muß dieses Stück gespielt werden!“ Nun, jeder Künstler mag die ihm eigene Art finden, dasselbe zum Ausdruck zu bringen, doch es gibt einem ein Gefühl der Autorität, zu wissen, daß man dasselbe unendliche Gemüt widerspiegelt, das den Komponisten beseelte. Es kommt nicht alles mit einem Mal. Es kommt allmählich, im Laufe der Jahre. Aber es kommt ganz gewiß, wenn man sich mehr und mehr mit Gott, Seele, identifiziert — mit der Quelle geistiger Eigenschaften, die die Musik zum Ausdruck bringt.

Mrs. Eddy sagt: „Musik ist der Rhythmus des Kopfes und des Herzens.“ Wissenschaft und Gesundheit, S. 213; Mir gefällt diese Definition, weil sie — zumindest wie ich sie verstehe — zeigt, daß sich in der Musik, wie in jeder künstlerischen Ausdrucksform, die intellektuellen und emotionellen Elemente miteinander verbinden müssen. Eine Darbietung, die allein auf dem Verstand beruht, die völlig intellektuell ist, stillt nicht die tieferen Bedürfnisse der Zuhörer. Und eine Darbietung, die allein auf ungezügelten Gefühlen beruht, ist nicht, was sie sein sollte. „Gemüt“, sagt Mrs. Eddy, „ist die Quelle aller Bewegung, und es gibt keine Untätigkeit, die das immerwährende und harmonische Wirken des Gemüts verzögern oder hemmen könnte.“ ebd., S. 283; Meiner Meinung nach gehören zu einer idealen Darbietung jene Eigenschaften, die speziell vom Gemüt kommen — Intelligenz, Ordnung, Umriß und Form —, ebenso wie Spontaneität, Tiefe des Empfindens und Freude, die Eigenschaften der Seele sind.

Wissen Sie, die Musik besteht nicht lediglich aus den Tönen, die wir hören. Die Töne an sich sind eher wie der Schatten der Musik. Die Musik kann, über den Ton hinaus, das ganze Spektrum menschlicher Empfindungen und Emotionen umfassen, beinahe alles Bedeutungsvolle, das wir in unserem Leben erfahren haben. Das macht wirklich die Musik aus. Wir dürfen dies nicht vergessen, damit wir uns nicht zu sehr mit dem Schatten befassen, mit den Tönen an sich. Mrs. Eddy sagt: „Die göttliche Wissenschaft enthüllt, daß der Ton durch die Sinne der Seele mitgeteilt wird — durch das geistige Verständnis.“ ebd., S. 213; Die Töne an sich sind bedeutungslos, es sei denn, sie finden bei den Zuhörern Widerhall. Und sie finden Widerhall, wenn die Zuhörer das gleiche empfinden wie Sie.

In der heutigen Welt gibt es viele Menschen, die Probleme haben, die sich einsam und verstoßen fühlen, die das Bedürfnis haben, mehr darüber zu erfahren, was Liebe wirklich bedeutet und wer sie in Wirklichkeit sind. Jeder möchte er selbst sein, möchte wissen, wer er wirklich ist. Alle unsere Probleme werden gelöst, wenn wir uns so kennen, wie Gott uns kennt, denn Gott kennt uns so, wie wir in Wirklichkeit sind. Wenn wir ein Konzert geben, verhelfen wir denen, die uns hören, wie auch uns selbst zu der Erkenntnis, wer sie sind. Wenn die Zuhörer für die Freude, Empfindsamkeit, Kraft und Spontaneität der Musik empfänglich sind, dann reagieren sie auf die ihrem eigenen Sein innewohnenden Eigenschaften, denn dies sind Eigenschaften, die den zu Gottes Ebenbild geschaffenen Menschen ausmachen.

Als ich die christlich-wissenschaftliche Sonntagsschule besuchte, lernte ich, daß die Lösung für jedes Problem, sei es eine Frage der Interpretation, ein körperliches, finanzielles, politisches, ja selbst ein internationales Problem, im Studium der Lektionspredigt im Vierteljahrsheft der Christlichen Wissenschaft; zu finden ist. Ich erinnere mich an einen Abend, wo ich ein Concerto spielen sollte, das ich recht gut kannte. Mir war unbehaglich zumute, wenn ich daran dachte, wie die Probe verlaufen war. Als ich in jener Woche die Lektion studierte, fand ich folgenden Satz im Vorwort zu Wissenschaft und Gesundheit, wo Mrs. Eddy über sich selbst als Verfasserin sagt: „Sie hat sich nicht bemüht, ein so unendliches Thema auszuschmücken, vollendet durchzuarbeiten oder bis ins einzelne zu behandeln.“ Wissenschaft und Gesundheit, S. x; Ich dachte: „Nun, ich brauche das auch nicht zu tun. Ich brauche mich nicht zu bemühen, mit dieser Musik etwas zu tun. Ich kann sie für sich selbst sprechen lassen.“ Und das Konzert war ein großer Erfolg.

Wie werden Sie mit dem Ruhm, der persönlichen Schmeichelei fertig?

Die Zuhörer sollen sich schon an der Musik freuen, und es ist auch nicht falsch, wenn sie ihrer Wertschätzung Ausdruck geben. Doch wir müssen wissen, wem die Ehre wirklich gebührt. Das Gebet des Herrn sagt uns: „Dein [Gottes] ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.“ Matth. 6:13; Die große Herausforderung, die Gefahr, für Leute, die immer im Rampenlicht der Öffentlichkeit stehen und tagaus, tagein Komplimente empfangen, liegt in der Versuchung, die Komplimente persönlich zu nehmen, anstatt zu wissen, wer in Wirklichkeit die Anerkennung verdient. Reichtum und Ruhm befriedigen nicht. Wir können nur dann beständige Zufriedenheit im Leben finden, wenn wir uns bewußt sind, daß wir des Guten, das Gott uns gibt, würdig sind. Mrs. Eddy sagt: „Nichts anderes als bewußter Wert befriedigt das hungernde Herz.“ Message to The Mother Church for 1902, S. 17; Berühmt sein heißt bekannt sein. Und wer kennt uns tatsächlich besser als Gott, der unser wahrer Vater und unsere wahre Mutter ist?

Die meisten Künstler und Zuhörer denken, daß außergewöhnliches Talent eine besondere Gabe sei, die nur gewisse Menschen besitzen. Für Leute, die im Licht der Öffentlichkeit stehen, ist es wichtig, zu wissen, daß jeder von seinem Schöpfer geliebt wird. Es gibt einfach keinen Menschen, der in Gottes Augen begabter ist als ein anderer. Menschlich gesehen hat es den Anschein, als ob jemand ein gewisses Talent hätte, das er in hohem Maße entwickelt hat, aber wir alle haben Talente. Und in Gottes Augen sind die Talente eines jeden gleich, wenn man sie alle in eine geistige Waagschale legt. Wenn wir wissen, daß wir in dem sind, das unseres Vaters ist, machen wir uns keine Gedanken über menschliche Meinungen. Menschliche Meinungen ändern sich von einem Tag zum anderen. Gott läßt Seinem Menschen beständig Anerkennung zuteil werden. Jesus sprach davon, daß wir nicht bei den Menschen Ehre suchen sollten: „Wie könnet ihr glauben, die ihr Ehre voneinander nehmet? Aber die Ehre, die von dem alleinigen Gott ist, suchet ihr nicht.“ Joh. 5:44.

Üben erfordert so viel Zeit und Disziplin. Haben Sie irgendwelche Vorschläge, die es weniger mühselig machen würden?

Ich habe immer gern geübt. Und wenn man etwas gern tut, fällt es einem nicht schwer, sich dazu zu zwingen, denn Disziplin ist letzten Endes Hingabe. Man muß Freude am Üben haben, denn wie man spielt, hängt davon ab, wie man übt. Man kann nicht das Üben hassen und das Spielen lieben. Ich glaube, daß es möglich ist, gern zu üben, gern an technischen Problemen zu arbeiten, denn ihre Lösung befähigt einen, größere Freiheit und Kraft, Unabhängigkeit und Spontaneität zum Ausdruck zu bringen. Wenn man sich in der Technik übt, tut man dies nicht bloß um des Übens willen. Man übt, weil es notwendig ist, um sich frei zu fühlen, Inspiration und Freude, die tiefsten Regungen der Seele, zum Ausdruck zu bringen. Wenn man ein Konzert gibt, denken die Zuhörer, daß sie nur das Ergebnis all der Stunden hören, die man am Klavier gesessen hat. Aber es steckt mehr dahinter. Sie empfinden auch die tiefere Bedeutung des göttlichen Rechts des Menschen, frei zu sein.

Wenn Sie mehr Inhalte wie diese erforschen möchten, können Sie sich für wöchentliche Herold-Nachrichten anmelden. Sie erhalten Artikel, Audioaufnahmen und Ankündigungen direkt per WhatsApp oder E-Mail. 

Anmelden

Mehr aus dieser Ausgabe / November 1975

  

Die Mission des Herolds

„... die allumfassende Wirksamkeit und Verfügbarkeit der Wahrheit zu verkünden ...“

                                                                                                                            Mary Baker Eddy

Nähere Informationen über den Herold und seine Mission.