Auf Seite 565 von Wissenschaft und Gesundheit legt Mrs. Eddy den Kampf zwischen dem Weib und dem Drachen, wie er in der Offenbarung des Johannes beschrieben ist, folgendermaßen aus: „Seit der Zeit, da die Morgensterne miteinander sangen, und alles eine Urharmonie war, hat die materielle Lüge die geistige Idee bekriegt; aber dies trieb die Idee nur dazu an, sich zum Zenith der Demonstration zu erheben, Sünde, Krankheit und Tod zu zerstören, und zu Gott entrückt zu werden — d. h. in ihrem göttlichen Prinzip erfunden zu werden.”
Wenn das menschliche Bewußtsein durch den Einfluß der Christlichen Wissenschaft zur Erkenntnis der wahren Idee Gottes und des Menschen erwacht, erhält es Lichtblicke eines neuen Himmels und einer neuen Erde, „in welchen Gerechtigkeit wohnet.” Der gottgeschaffene Mensch wird zur festen, lebendigen Wirklichkeit, und das Herz fließt über vor Freude über die Erkenntnis des geistigen Seins. Diese Lichtblicke der Wirklichkeit machen es dem, der sie erlangt hat, eine Zeitlang leicht, die scheinbaren Ansprüche des Bösen auf Stellung und Macht zu leugnen und zurückzuweisen. Gottes Güte und ihre Wiederspiegelung wird als die eine große, für den Menschen allein maßgebende Wahrheit erkannt. Später aber gibt sich die Lüge, daß Leben in der Materie sei, als Feindschaft wider Gott zu erkennen, indem sie versucht, die Entfaltung der wahren Idee des Guten im menschlichen Bewußtsein aufzuhalten und umzukehren. Der Streiter Christi erkennt gar bald, daß er, um seiner Berufung treu zu bleiben und um diese Falschheit mit dem „Schwert des Geistes” zu bezwingen, stets wachsam sein muß, damit er alle Fallgruben, Verschanzungen und Bollwerke, zu denen auch die aggressiveren Täuschungen des sterblichen Gemüts gehören, als nichts erkennen möge.
Zu Beginn dieser Kriegsführung ist die Versuchung besonders stark, aus einem Nichts ein Etwas zu machen. Der sterbliche Begriff vom Menschen (seien wir selber dieser Mensch oder jemand anders), die scheinbare Wiederspiegelung des sterblichen Gemüts, erscheint als eine überaus wahre Persönlichkeit. Haß, Furcht und Schlaf scheinen dem Walten der Liebe sehr oft Einhalt zu tun, und die mentale Vollständigkeit des Menschen scheint nicht selten arglistigen Suggestionen zum Opfer gefallen zu sein. Die Sterblichen sehen einander durch einen Nebel des Mißtrauens und des Mißverständnisses an, der die menschlichen Fehler vergrößert, oder aber lassen sie sich durch den Glanz der Persönlichkeit verleiten, Böses gut zu nennen. Die Erkenntnis, daß diese abnormen mentalen Zustände durch böswilligen Hypnotismus erzeugt und genährt werden, läßt sie zeitweilig noch erschreckender erscheinen. Das Böse zeigt sich im Bewußtsein als etwas, was die nötige Intelligenz und Macht besitzt, Anschläge zu machen und sie auszuführen — als etwas, was sich als Persönlichkeit, Volk oder Nation, als Klasse oder Organisation kundtut, und aller menschliche Mut, alle persönliche Rechtschaffenheit, alles instinktive Vertrauen auf das Gute scheint machtlos, die Menschheit gegen die Angriffe des großen roten Drachen zu schützen.
Hier nun beginnt der Schüler der Christlichen Wissenschaft einzusehen, wie vollkommen Mrs. Eddy durch ihre Werke all diejenigen gewarnt und bewaffnet hat, die ihre Lehren gewissenhaft anwenden. Er sieht ein, wie wichtig es ist, daß man das unpersönliche Wesen des Kampfes zwischen der geistigen Idee und der materiellen Lüge erkennt, ferner, daß man erst im eignen Bewußtsein die erhabene Macht der geistigen Idee beweist. Es wird ihm in größerem Umfange klar, daß, solange man dem Bösen im Bewußtsein seines Nächsten Wirklichkeit beimißt, sei es dadurch, daß man es fürchtet, es verurteilt oder es entschuldigt, man ihm in seiner eignen Erfahrung Platz und Macht einräumt. „Hie ein wenig, da ein wenig” muß man erkennen lernen, daß das Böse nirgends Raum hat, und zwar weil Gott allgegenwärtig ist.
Während das sterbliche Gemüt nach und nach seine eigne Falschheit bloßlegt, erreicht der Christliche Wissenschafter den Punkt, wo er Dank sagt für sein wachsendes Verständnis von der Unverletzbarkeit des göttlichen Gemüts. Jeder Tag läßt ihn klarer erkennen, daß Gottes Wiederspiegelung ebenso gegenwärtig und wirklich ist wie Gott gegenwärtig und wirklich ist, und daß das Böse der Wiederspiegelung ebensowenig ein Leid zufügen kann wie dem göttlichen Prinzip, das die Wiederspiegelung erzeugt und erhält. Das Unvermögen der sogenannten menschlichen Weisheit und Güte, der Suggestionen des tierischen Magnetismus Herr zu werden, beweist, daß wir uns mehr auf Gottes Güte und auf geistige Erkenntnis verlassen müssen. Dieses Verständnis eignen wir uns nur in dem Maße an, wie wir die Vorstellung fahren lassen, als ob das Böse, in welcher Verkleidung es auch auftreten möge, Dasein und Macht besitze. Gottes Wiederspiegelung, Seine allgegenwärtige Idee, muß unbedingt über alle scheinbaren Anschläge der materiellen Lüge den Sieg erringen; daher muß sie unbedingt in der Erfahrung jedes Menschen und jeder Gruppe von Menschen siegen.
Der Christliche Wissenschafter, der beharrlich die Allgegenwart des Guten und dessen Wiederspiegelung bekräftigt, läßt sich durch die Krümmungen der materiellen Lüge nicht aus dem Gleichgewicht bringen. Wie heftig diese Lüge auch um sich schlägt, die geistige Idee ist allezeit um uns her wirksam. Kann diese Tatsache nicht durch gewissenhafte Arbeit bewiesen werden? Gott verständnisvoll lieben bedeutet, daß man seinen Nächsten — eine ganze Welt von Nächsten — wie sich selber liebt. Es bedeutet, daß wir auch für unsern Bruder die Nichtsheit der Suggestion beweisen, daß das Böse die Macht besitzt, ihn zu mesmerisieren, oder daß es der wiedergespiegelten Tätigkeit in seinem Bewußtsein Einhalt tun kann. In dem Verhältnis, wie sich diese Idee der Brüderschaft und der gegenseitigen mentalen Beschützung entfaltet, verlieren die Beweisgründe der Selbstgerechtigkeit, der Begierde, des Hasses, der Tyrannei und der Untätigkeit ihre scheinbare Wirklichkeit und verschwinden nach und nach. Der Kampf zwischen den geistigen Ideen und den materiellen Illusionen geht in Übereinstimmung mit dem göttlichen Gesetz vor sich, und die Annahme, daß Streit unter den Brüdern eine Notwendigkeit sei, wird allmählich zerstört, und zwar da, wo zuletzt alle irrigen Annahmen zerstört werden müssen — im Bewußtsein des einzelnen.
Jeder Christliche Wissenschafter hat sonnt heute das Vorrecht, die Engelsbotschaft zu vernehmen: „Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen,” die Mrs. Eddy auf Seite 340 von Wissenschaft und Gesundheit wie folgt auslegt: „Der eine unendliche Gott, das Gute, vereinigt Menschen und Völker; richtet die Brüderschaft der Menschen auf; beendet die Kriege.”
Es ist kein köstlicheres Ding als die Liebe, und mag die Liebe wohl die Herzenspförtnerin und Himmelspförtnerin heißen. Denn sie schließt der Menschen Gedanken einander auf und verbrüdert die Herzen und bindet die Seelen aneinander.
