Wer das Lehrbuch der Christlichen Wissenschaft, Wissenschaft und Gesundheit, aufmerksam liest, findet gar bald, daß dieses Werk in der Tat ein „Schlüssel zur Heiligen Schrift” ist. Nehmen wir z. B. das Gebot: „Laß dich nicht gelüsten.” Vom gewöhnlichen Standpunkt aus scheint kein triftiger Grund vorhanden zu sein, warum bloßes Wünschen (das schlimmstenfalls als nutzloses Denken und Zeitverlust angesehen wird) als eines der Hauptvergehen und als zur gleichen Gruppe von Sünde wie Götzendienst, Totschlag, Diebstahl, Ehebruch und falsches Schwören gehörend betrachtet werden soll. Unsre Gesetzgeber erkennen wohl die Zweckmäßigkeit und Notwendigkeit der meisten Gebote des Dekalogs an; daß aber das bloße Sich-gelüsten-lassen als ein Verbrechen angesehen werden muß, sehen sie nicht ein, und die schulmäßige Theologie ignoriert es im allgemeinen.
Für den Christlichen Wissenschafter ist jedoch das zehnte Gebot durchaus kein toter Buchstabe; es hat für ihn eine tiefe Bedeutung. Er sieht ein, daß „Ich wünsche” gleichbedeutend ist mit „Ich habe nicht,” ja es bedeutet in Wirklichkeit nichts andres als: „Gott vernachlässigt mich,” oder in gewissem Grade sogar, „Gott hat kein Dasein.” Sich gelüsten lassen heißt somit, daß man eine Denkweise bekundet, die eine Bekräftigung des Mangels, eine Verneinung der Allgegenwart und Fürsorge Gottes, des Guten, und daher eine Sünde ist. Wer sich gelüsten läßt, vergrößert die Summe des falschen menschlichen Glaubens an die Wirklichkeit einer fehlerhaften Schöpfung und eines unvollkommenen Schöpfers, statt sie zu verringern.
Der Kranke, dessen einziger Wunsch ist, gesund zu werden, sich dabei aber auf die leblose Materie verläßt, bricht das zehnte Gebot. Der in Armut Verfallene, der im materiellen Reichtum den einzigen Weg zum Glück erblickt, bricht das zehnte Gebot. Der sogenannte Anhänger der Christlichen Wissenschaft, welcher versucht, „die sofortigen Heilungen [zu] vollbringen, deren sie fähig ist,” dabei aber außer acht läßt, daß man dies nur tun kann, „wenn man das Kreuz auf sich nimmt und Christus im täglichen Leben nachfolgt” (Wissenschaft und Gesundheit, S. 179), bricht ebenfalls das zehnte Gebot.
Die Ermahnung: „Laß dich nicht gelüsten,” ist also zu ihrem Platz unter den zehn wichtigen Geboten an die Menschheit vollauf berechtigt, und zwar nicht nur in bezug auf die Qualität sondern auch auf die Quantität des in Betracht kommenden Vergehens. Leute, die die Gebote gegen Mord, Diebstahl und Lügen brechen, sind mehr oder weniger eine Ausnahme; aber die Versuchung, sich unberechtigtem Wünschen aller Art hinzugeben, scheint allgemein zu sein, und wer der arglistigen Suggestion nicht zum Opfer fallen will, daß ein bißchen eitles Träumen über Dinge, die man gerne haben möchte, nichts schaden kann, muß sich größerer Wachsamkeit befleißigen.
Nicht selten treibt einen das Sich-gelüsten-lassen an, sich das Gewünschte anzueignen, und wem es gelingt, der wird von der Welt gewöhnlich als „erfolgreich” bezeichnet. Aber sogar die Welt sieht in gewissem Grade ein, daß mancher sogenannte Erfolg die Probe aufrichtiger Freude, die stets das Resultat wahren Erfolgs oder rechtmäßig erlangten Besitztums ist, nicht bestehen kann. Denn das habsüchtige Wünschen ist der Ausdruck einer falschen Denktätigkeit, die sich hauptsächlich durch ihren Glauben an den Mangel am Guten auszeichnet. Wird dieser Glaube nicht berichtigt, so erzeugt er immer größere Gelüste. Wer einst glaubte, eine Million Dollar würde alle seine Wünsche befriedigen, wird, nachdem er sie erworben hat, die Entdeckung machen, daß sich seine Bedürfnisse um vieles vergrößert haben, so daß nunmehr zehn Millionen Dollar seinen Ansprüchen nicht mehr genügen. Er ist verhältnismäßig ärmer als zuvor. Handelt es sich hier nicht um den uralten erfolglosen Versuch, Gedanken mit Dingen zu heilen?
Das Gebot: „Laß dich nicht gelüsten,” ist keineswegs gegen wahres Verlangen gerichtet. Wahres Verlangen kann jedoch nur „Entfaltung, nicht Zuwachs” bezwecken (Wissenschaft und Gesundheit, S. 68). „Alles was ihr bittet in eurem Gebet, glaubet nur, so wird’s euch werden,” sagte der Meister. Das Verlangen, ein klareres Verständnis vom stets vorhandenen Guten zu erlangen, ist kein unerlaubtes Gelüsten. Es gründet sich auf den Glauben an die Unendlichkeit des Guten und hat den Zweck, diese Unendlichkeit nicht nur für einen oder wenige sondern für alle ans Licht zu bringen. Richtiges Verlangen erkennt man stets an seiner Uneigennützigkeit.
Das Sich-gelüsten-lassen kann somit stets durch eine richtige Denktätigkeit berichtigt werden, ja sie ist ein unfehlbares Mittel dagegen. Was ist falsches Wünschen andres als die vom sterblichen Gemüt ausgeführte Nachbildung von des Menschen natürlicher Sehnsucht nach dem Guten? Macht sich z. B. der Wunsch geltend, mehr materielle Dinge um dieser Dinge willen zu besitzen, so liegt das Mittel gegen diesen Wunsch in dem aufrichtigen Verlangen, die Wahrheit von der Allheit des Guten zu beweisen, und zwar um der Wahrheit selber willen — um dessentwillen, was sie in sich schließt, nämlich die Vollkommenheit der göttlichen Liebe und deren Offenbarwerdung. Das direkte Ergebnis dieser richtig basierten und richtig angewendeten Denktätigkeit besteht darin, daß allen Bedürfnissen abgeholfen wird, wie Tausende, die gelernt haben, das zehnte Gebot im Sinne der Christlichen Wissenschaft zu halten, in ihrem Alltagsleben beweisen.
Mrs. Eddy schreibt auf Seite 261 von Wissenschaft und Gesundheit: „Halte den Gedanken beständig auf das Dauernde, das Gute und das Wahre gerichtet, dann wirst du das Dauernde, das Gute und das Wahre in dem Verhältnis erleben, wie es deine Gedanken beschäftigt.” Je aufrichtiger der Schuler der Christlichen Wissenschaft bestrebt ist, dies zu tun, desto seltener wird er sich gelüsten lassen, etwas zu besitzen, was seinem Nächsten gehört.
