Im Evangelium des Johannes lesen wir von einem Menschen, der 38 Jahre lang krank gewesen war, und der am Teiche Bethesda lag und hoffte, in den Teich zu gelangen, wenn sich das Wasser bewegte, auf daß er geheilt werden könnte. Als Jesus ihn fragte, ob er gesund werden wolle, antwortete er: „Herr, ich habe keinen Menschen, wenn das Wasser sich bewegt, der mich in den Teich lasse; und wenn ich komme, so steigt ein anderer vor mir hinein”!
Welch schmerzliche fast schon an Entsagung grenzende Enttäuschung aus diesen Worten spricht! Gefesselt durch die falsche Annahme, daß ihm jemand in den Teich helfen müsse, hatte dieser Mann vergeblich gewartet und gehofft. Als aber Jesus zu ihm kam, war er augenblicklich geheilt durch Christus, die Wahrheit. In einem ihrer Gedichte sagt unsere verehrte Führerin (Gedichte, S. 75):
„Mächtiger Befreier du,
Leben du aus Gottes Leben,
Bist der Freundelosen Freund,
Willst nicht Glaubensformen geben.
Du bist Christus, in der Tat
Und im Worte Christus, Wahrheit,
Bist das Lebensbrot, der Wein,
Lebensborn in ew’ger Klarheit”.
Christus Jesus, der Menschheit Freund, bewies diesem Manne, daß er nicht von Umständen, Zuständen oder Personen abhängig war, sondern nur der Erkenntnis seines ewigen Einsseins mit Gott bedurfte, um aus dem sterblichen Traum zu erwachen, der einen als hilflos, gefesselt, krank und heilungsbedürftig darstellt.
Welch großen Wert doch die Sterblichen persönlichem Einfluß und menschlichen Verbindungen beimessen! Wie oft hört man sagen: „Ich habe niemand, der mir helfen könnte, eine Stellung zu bekommen, oder aus einer Geldschwierigkeit oder einer andern bedrängten Lage herauszukommen”.
Eine Christliche Wissenschafterin wurde daran erinnert, wie persönliche Verbindungen, die in der Welt so geschätzt sind, und sogar Freunde ihr in der größten Not versagt hatten. Tief dankbar dachte sie an die liebevolle Freundlichkeit Gottes, die nie versagt, sie nie enttäuscht hatte. Wie gut es ist, an die Begebenheit am Teiche Bethesda zu denken, die so klar das eine zeigt, was not tut, nämlich den Christus in unser Bewußtsein einzulassen und nach einem besseren und unerschütterlicheren Verständnis unserer Beziehung zu Gott zu trachten! Gott ist der eine wirkliche Wohltäter, und wenn uns Gott eine Gelegenheit zum Fortschritt enthüllt, können wir gewiß sein, daß sie uns nicht durch Menschen genommen werden kann, weil sie uns nicht von Menschen gegeben wurde.
Auch menschliche Einsamkeit, die des Menschen Einssein mit Gott nicht gewahr wird, läßt uns oft mit Selbstbedauern sagen: „Ich habe niemand, der mir freundschaftlich zugetan ist”. Auf Seite 266 des christlich-wissenschaftlichen Lehrbuchs „Wissenschaft und Gesundheit mit Schlüssel zur Heiligen Schrift” schreibt Mary Baker Eddy: „Wäre das Dasein ohne persönliche Freunde ein leeres Blatt für dich? Dann wird die Zeit kommen, wo du einsam sein und des Mitgefühls entbehren wirst; aber diese scheinbare Leere ist bereits von der göttlichen Liebe erfüllt”. Und in „Miscellaneous Writings” (S. 306), wo sie von der Gegenwart von Engeln spricht, sagt sie: „O möget ihr diese Berührung fühlen,—sie ist kein Händedruck, auch nicht eine anwesende geliebte Person; sie ist mehr als das: sie ist eine geistige Idee, die euren Pfad erhellt!” Diese Engel enthüllen uns die Gegenwart der göttlichen Liebe. Wer könnte sich noch einsam fühlen, wenn er diese erhabenen Gedanken hat, die für uns mehr bedeuten als die Gegenwart einer geliebten Person, da sie uns Gottes Gegenwart enthüllen?
Wir sollten uns durch die Furcht vor Einsamkeit oder dem Gedanken, daß wir verlassen seien, nicht des Bewußtseins der göttlichen Gegenwart berauben lassen. Wenn aber diese freudlosen, beunruhigenden Einflüsterungen durch unsern Mangel an Wachsamkeit in unser Bewußtsein gelangt zu sein scheinen, müssen wir uns in der Kraft des Geistes erheben und uns vergegenwärtigen, daß es keine Leere gibt, da Gott allen Raum ausfüllt und der Christus, die Wahrheit, immer bei uns ist.
Haben wir nicht oft gewünscht, daß wir mit Gott allein sein könnten? Und wenn sich dann eine solche Gelegenheit bot, flüsterte uns das sterbliche Gemüt menschliche Unzufriedenheit ein und brachte ein Heer von Verschwörern mit sich, um uns unseres Einsseins mit dem Geist zu berauben. Wohl dem, der die Einflüsterungen des sterblichen Gemüts zurückweist und diese Stunden des Gebets nützt, die Tür seines Bewußtseins für die Engel Gottes offen zu halten, die den wahren Sinn der Gesundheit, der Stärke, der Freude, des Glücks und des Friedens bringen. So bringt uns das Alleinsein mit Gott nicht Einsamkeit oder Traurigkeit, sondern Freude, und macht uns reicher im Verständnis unseres Einsseins mit Gott.
Es bedarf eines Kampfes, den materiellen Sinn aufzugeben und unser Heil allein in Gott zu suchen. Mrs. Eddy fährt auf Seite 266 in Wissenschaft und Gesundheit fort: „Freunde werden dich verraten und Feinde dich verleumden, bis du genug gelernt hast, um höher geführt werden zu können; denn ‚wenn die Not am größten, ist Gottes Hilfe am nächsten‘”. Wir möchten wohl diese scheinbar schwere Erfahrung hinausschieben. Wir lassen uns vielleicht durch den persönlichen Sinn verbittern, vergelten anstatt zu lieben, unterliegen dem Irrtum, anstatt ihn zu überwinden. Aber unser großer Meister und Lehrer Christus Jesus trank nicht nur willig den Kelch, sondern liebte auch ohne Unterlaß. Selbst am Kreuze betete er für die, die ihn verleumdet und verfolgt hatten: „Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun!”
Es ist äußerst wichtig, die Unwirklichkeit alles falschen Denkens zu erkennen. Im unbedingten Sinne ist weder materielle Hilfe, persönlicher Einfluß noch menschliches Selbstvertrauen wirklich. Und dieser falsche Sinn, der entweder Abhängigkeit oder Enttäuschung einflüstert, muß aus unserem Denken verschwinden. An seine Stelle muß die Gewißheit treten, daß Gott den, der sich auf Ihn verläßt, durch Seinen mächtigen Arm befreit. Der allgegenwärtige Christus, die Wahrheit, offenbart uns des Menschen volles, göttliches und reiches Erbe. So wird der Ruf: „Ich habe niemand, der mir helfen könnte”, aufhören, und man wird die frohe Botschaft hören: „Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein”.
