Wenn wir zugeben, daß Gott die Liebe und unendlich ist, müssen wir dann nicht auch die Schlußfolgerung ziehen, daß wir freudig und vertrauensvoll erwarten können, daß die Liebe sich in Liebe widerspiegelt, wo wir auch sind, wohin wir gehen und in welcher Lage wir uns auch befinden mögen? Wir wissen, daß, wenn es eine Zeit oder einen Ort gäbe, wo Gott, die unendliche Liebe, das göttliche Gemüt, nicht widergespiegelt würde, es dann auch eine Zeit geben könnte, zu der das unendliche Gemüt nicht ausgedrückt wäre — und das ist unmöglich.
Christus Jesus, unser Wegweiser, verstand und demonstrierte immer und immer wieder, daß die göttliche Liebe gerade da ausgedrückt war, wo er sich befand, unbeschränkt durch Zeit, Ort, Raum oder Umstände. Während eines heftigen Sturmes auf dem Galiläischen Meer bewies er, daß die Liebe ihn und seine Jünger sofort an das Land bringen konnte, „da sie hin fuhren“ (Joh. 6:21). Als er Lazarus auferweckte, bewies der Meister, daß selbst der sogenannte Tod nicht die Macht hatte, den Menschen von der Liebe zu trennen.
Türen und Mauern boten Jesus kein Hindernis, denn nach der Auferstehung erschien er in einem Raum, in dem die Jünger versammelt waren (siehe Joh. 20:19). Er demonstrierte auch das freigebige Ausströmen des Guten der Liebe, als er, obgleich scheinbar nur fünf Brote und zwei Fischlein vorhanden waren, eine nach Tausenden zählende Menge mit Nahrung versorgte — und sie „hoben auf, was übrigblieb von Brocken, zwölf Körbe voll“ (Matth. 14:20).
Wir mögen uns zuzeiten in unserer menschlichen Erfahrung weit von der Liebe und weit von ihrer Widerspiegelung entfernt fühlen. Vielleicht sind wir versucht, uns einsam zu fühlen. Vielleicht sind wir in eine fremde Stadt gezogen und haben viele liebe Freunde zurückgelassen; vielleicht haben Mitglieder unserer unmittelbaren Familie ihren Wohnsitz in einem fernen Land aufgeschlagen oder erfüllen ihre Militärpflicht in Übersee; vielleicht haben geliebte Wesen diesen Bewußtseinszustand verlassen und weilen nicht mehr unter uns auf Erden. In all diesen Erfahrungen bietet uns die Christliche Wissenschaft Trost und Heilung.
In ihrem Buch „Vermischte Schriften“ sagt Mary Baker Eddy (S. 42): „Gemüt ist nicht an Grenzen gebunden. Nichts als unsere falschen Zugeständnisse hindern uns daran, diese große Wirklichkeit zu beweisen.“
Die Wissenschaft lehrt uns, wie wir falsche Zugeständnisse verhindern können, die uns des Bewußtseins von der Gegenwart der göttlichen Liebe da, wo wir uns gerade befinden, berauben möchten. Wir dürfen dem Selbstbedauern und der Einsamkeit nicht gestatten, uns traurig zu machen; laßt uns vielmehr erkennen, daß wir niemals von der Liebe getrennt werden können, die uns so nahe ist. Wir dürfen uns nicht in eine harte Schale des Sichfernhaltens einschließen, weil wir glauben, niemand kümmert sich um uns. Laßt uns vielmehr die beständige Gegenwart und Nähe der Liebe erkennen.
Eine junge Anhängerin der Christlichen Wissenschaft wurde in einer durch das Hinscheiden geliebter Wesen verursachten Zeit des Schmerzes zuerst getröstet und dann völlig geheilt, als sie klarer verstand, daß jene, die ihrem Blick entschwunden waren, immer noch lebten und liebten. Sie erkannte, daß sie immer noch ebenso von der göttlichen Liebe umgeben waren wie je, und daß sie immer noch die Liebe widerspiegelten, da sie niemals von dem getrennt werden konnten, was ihr Leben ausmachte. Sie erkannte ferner, daß jene gottähnlichen Eigenschaften, die sie geliebt hatte, nicht auf eine Person oder einen Ort beschränkt waren, sondern immer noch gerade da, wo sie sich befand, zum Ausdruck kamen. „Bin ich es nicht, der Himmel und Erde füllt? spricht der Herr“ (Jer. 23:24).
Zu einer andern Zeit, als sie von einer Stadt in eine andere gezogen war, wurde dieser Wissenschafterin bewiesen, daß gottähnliche Eigenschaften nicht an ein bestimmtes geographisches Gebiet gebunden sind. Sie hatte eine große Geschwulst im Halse, die ihr das Schlucken sehr erschwerte. Viel gebeterfüllte Arbeit wurde deswegen getan, und manchmal trat eine zeitweilige Besserung ein. Doch dann erschien dieser unharmonische Zustand immer wieder.
Die Wissenschafterin bat Gott in innigem Gebet, ihr zu zeigen, was es war, daß sie klarer verstehen mußte. Sie wurde dazu geführt, Lied Nr. 160 im Liederbuch der Christlichen Wissenschaft zu studieren. Die Worte dieses Liedes sind von Mrs. Eddy. Als sie über die Bedeutung der folgenden Zeilen nachdachte:
„Die Zeiten gehn, Gott bleibt bestehn
In Herrlichkeit;
In Ihm stets find, o Gotteskind,
Zufriedenheit“,
erkannte sie, daß der wahre Mensch völlig zufrieden ist.
Diese Wissenschafterin vermißte viele Freunde, mit denen sie so manches Jahr der Bewegung der Christlichen Wissenschaft gedient hatte. Plötzlich wurde ihr klar, daß sie sich sehr danach sehnte, wieder mit ihnen vereinigt zu sein. Dann fragte sie sich selbst: „Was ist es, das ich so sehr vermisse?“ und sie erkannte, daß es die geistigen Eigenschaften sein mußten, die sie widerspiegelten. Sie dachte jedoch weiter: „Gott ist ja nicht auf jene Stadt begrenzt. Er ist doch auch hier, wo ich mich eben befinde; deswegen werden die gottähnlichen Eigenschaften gerade hier widergespiegelt.“
Die große Geschwulst in ihrem Halse verschwand augenblicklich und kam niemals wieder. Dankbarkeit, Freude und Freiheit überfluteten ihr Bewußtsein, und es kann hinzugefügt werden, daß sie bald neue Freunde fand, die schöne gottähnliche Eigenschaften widerspiegelten.
Wie dankbar sind wir doch, daß wir durch die Lehren der Christlichen Wissenschaft imstande sind, uns nicht nur von körperlichen Leiden zu befreien, sondern auch Schritt für Schritt klarer zu erkennen, daß Gott, die göttliche Liebe, allgegenwärtig ist.
Wir erkennen, daß die Widerspiegelung der Liebe nicht durch Ort oder Zeit begrenzt, sondern stets allüberall verfügbar ist. Eine Widerspiegelung und ihr Urbild müssen stets zusammenbestehen; sie können nie getrennt werden.
Paulus schrieb an die Römer (8:38, 39): „Ich bin gewiß, daß weder Tod noch Leben, weder Engel noch Fürstentümer noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch keine andere Kreatur mag uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christo Jesu ist.“
