Charles Foster Kent schreibt in seiner Abhandlung über Christi Jesu Lehre in bezug auf das Reich Gottes, oder, was ihm entspricht, das Himmelreich: „Jesus veranschaulichte das Wesen des Reiches Gottes durch zahlreiche Redewendungen und Gleichnisse. Keinem Thema hat er größere Aufmerksamkeit geschenkt“ (The Life and Teachings of Jesus — Das Leben und die Lehren Jesu, S. 161).
In den Evangelien weist Jesus ungefähr achtzigmal auf dieses Reich hin, und obwohl er es offenbar nie genau beschrieben hat, ist durch seine außergewöhnlich vielfältige Behandlung dieses Themas etwas von der Natur und der Wichtigkeit des Himmelreichs klar erkennbar. In lebhafter, anschaulicher Sprache rundet er das Bild in solcher Weise ab, daß er seinen „Bewohnern“ nicht nur ihren Platz in jenem Reich zeigt, sondern auch die wichtige Rolle, die es in ihrer Erfahrung spielt. Immer wieder kam er auf diesen wesentlichen Punkt seiner Botschaft zurück; er nahm den Samen der Wahrheit, den er in den alten Hoffnungen seines Volkes fand, pflegte und bereicherte ihn und gab ihm für alle zukünftigen Zeiten eine neue geistige Bedeutung.
Matthäus setzt seinen Bericht über Jesu Lehren vom Himmelreich mit dem Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg fort (20: 1–16). Wenn wir dieses Gleichnis als einen Bericht über ein bloßes Geldgeschäft auslegen, läßt es sich nicht leicht erklären. Untersuchen wir es jedoch im Hinblick auf Eigenschaften — auf Glauben und geistige Werte —, dann finden wir eine bedeutende Lehre. Der Lohn für vertrauensvoll und gern geleisteten Dienst, ganz gleich, wie kurz der Dienst auch sein mag, ist genauso groß wie der für eine lange Arbeitszeit zu festgesetzten Bedingungen.
Zu der Zeit befanden sich Jesus und die zwölf Jünger zusammen mit einigen anderen Nachfolgern auf dem Weg nach Jerusalem. In allen drei synoptischen Evangelien sind die Worte Jesu niedergeschrieben, mit denen er seine Apostel auf die ihm in der Stadt bevorstehende schwere Prüfung vorzubereiten suchte, eine Prüfung, die mit seiner Kreuzigung enden würde (s. Matth. 20:17–19; Mark. 10:32–34; Luk. 18:31–34). Diese Prophezeiung schließt auch die Verheißung seiner Auferstehung ein; Lukas berichtet jedoch: „Sie aber verstanden der keines, und die Rede war ihnen verborgen, und wußten nicht, was das Gesagte war.“
Dies war der Augenblick, wo Jakobus und Johannes — oder wie Matthäus berichtet, ihre Mutter für sie — einen Ehrenplatz in jenem Reich erbaten, über das sie so viel gehört hatten. Auf Jesu Frage, ob die Jünger die Prüfungen bestehen könnten, die ihm bevorstanden, versicherten sie ihm: „Ja, das können wir“ (Mark. 10:39; vgl. Matth. 20:22). Er antwortete ihnen, daß sie tatsächlich Schweres ertragen müßten, daß es aber nicht ihm, sondern dem himmlischen Vater zustand, ihre Bitte zu gewähren. Als die anderen Jünger sich über sie empörten, wurde ihnen allen eine Lehre in der Demut erteilt. Ihr Lehrer wies darauf hin, daß die Völker Fürsten hatten, unter deren Gewalt sie waren; aber, so setzte er hinzu, „so soll es nicht sein unter euch; sondern ... wer unter euch will der Erste sein, der sei aller Knecht. Denn auch des Menschen Sohn ist nicht gekommen, daß er sich dienen lasse, sondern daß er diene und gebe sein Leben zu einer Erlösung für viele“ (Mark. 10:43–45; vgl. Matth. 20:26–28).
Jesus und seine Jünger näherten sich nun Jericho. Sie hatten von Peräa aus den Jordan überquert und waren wieder nach Judäa gekommen. Die Szene in Jericho, wie die Evangelien sie schildern, ist uns vertraut und hat sich zweifellos viele Male auf Jesu Reisen wiederholt. Sobald die Einwohner eines Ortes erfuhren, daß eine wichtige Persönlichkeit — oder wie in diesem Falle eine Gruppe von beträchtlicher Größe — durch die Stadt zog, sammelte sich eine Schar interessierter Leute in den Straßen. Die Nachricht, daß Jesus von Nazareth mit seinen Jüngern gekommen war, breitete sich schnell aus.
Hier, am Stadtrand Jerichos, einer der ältesten Städte Palästinas, hörte ein blinder Bettler namens Bartimäus, daß Jesus vorüberging, und er suchte sich durch lautes Rufen bemerkbar zu machen. Obwohl Markus und Lukas von einem einzigen Mann sprechen und Matthäus sich auf zwei bezieht, schildern die drei Berichte wahrscheinlich denselben Vorfall. Wenn es zwei Männer gewesen waren, kann es sein, daß nur Bartimäus genannt wurde, da er der bekanntere von den beiden war. Trotz der Bemühungen, ihn zum Schweigen zu bringen, schrie er von neuem: „Du Sohn Davids, erbarme dich mein!“ Daraufhin rief der Meister den Blinden zu sich und gab ihm sein Augenlicht wieder (s. Mark. 10:46–52; Matth. 20:30–34; Luk. 18:35–43).
Die Geschichte von Zachäus finden wir nur im Lukasevangelium (s. 19:1–10). Jericho war eine blühende Stadt, eine Grenzstadt, durch die man aus dem Osten nach Judäa kam. Hier wurden Steuern und Zoll für Rom eingezogen, ein Amt, das von einer verhaßten Klasse der Juden, die als Zöllner bekannt waren, versehen wurde. Dieses Amt hatte Zachäus inne, der, wie aus dem Bericht hervorgeht, der „Oberste“ der Zöllner war, der Vorsteher des örtlichen Steuer- und Zollamtes. „Und er begehrte, Jesus zu sehen, wer er wäre, und konnte nicht vor dem Volk; denn er war klein von Person. Und er lief voraus und stieg auf einen Maulbeerbaum, auf daß er ihn sähe; denn allda sollte er durchkommen.“
Als Christus Jesus sich näherte, schaute er auf, erblickte Zachäus und forderte ihn auf, eilends herunterzukommen, denn er wollte im Hause des Zöllners einkehren. Wie bei anderen Gelegenheiten war Jesus bereit, einen von der Gesellschaft Ausgestoßenen zu begünstigen. In den Augen des Volkes war ein solches Verhalten zu verurteilen. Sie „murrten ... alle und sprachen: Bei einem Sünder ist er eingekehrt.“
Der Zöllner hatte offenbar den Versuchungen seines Berufes, dem Wucher und der Überforderung, nicht standhalten können — und außerdem war er reich. Er war jedoch schnell bereit, sich zu ändern. „Zachäus aber trat vor den Herrn und sprach: Siehe, Herr, die Hälfte meiner Güter gebe ich den Armen, und wenn ich jemand betrogen habe, das gebe ich vierfältig wieder.“ Der Meister erkannte sogleich die Aufrichtigkeit des Zöllners und verkündete die Erlösung seines Landsmannes sowie den Umfang seiner eigenen Mission: „Des Menschen Sohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.“
Als der Nazarener und seine Freunde näher nach Jerusalem kamen, wurde damit gerechnet, daß die Prophezeiung von dem Reich Gottes sich nunmehr erfüllen würde. Dies legte den Grund für Jesu Gleichnis vom unbeliebten Edelmann, der „ferne in ein Land [zog], daß er das Königtum erlangte und dann wiederkäme“ (s. Luk. 19:12–27). Er ließ seine zehn Knechte rufen und gab jedem einen Geldbetrag, ein „Pfund“, mit dem Auftrag: „Handelt damit, bis daß ich wiederkomme!“ Nach seiner Rückkehr kam ein Knecht nach dem andern, um über die Ergebnisse seines Handelns zu berichten. Jeder wurde belohnt, und zwar in dem Verhältnis, wie er das ursprüngliche Kapital vermehrt hatte. Dem einen, der aus Furcht sein Pfund „im Schweißtuch behalten“ und dem Eigentümer keinen Gewinn eingebracht hatte, wurde ein strenger Verweis erteilt. Selbst wenn er das Geld in eine Wechselbank gegeben hätte, hätte der Eigentümer ein wenig davon profitiert. Sein Geld sollte daher dem klugen Knecht gegeben werden, der zehn Pfunde erworben hatte. Die Lehre des Meisters ist im 26. Vers zusammengefaßt: „Ich sage euch aber: Wer da hat, dem wird gegeben werden; von dem aber, der nicht hat, wird auch das genommen werden, was er hat.“
Wie im Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg, kam es beim Lohn nicht auf die geleistete harte Arbeit an, sondern auf den Geist des Glaubens, die Initiative und die Bereitschaft, die Gelegenheit, zu dienen, zu nutzen.
