Im ersten Teil dieses Interviews beschrieben und wie wichtig es ist, die Kirche als eine geistige Idee zu erkennen. Diesen Monat berichten sie, wie ein wachsendes Verständnis von Kirche die Christlich-Wissenschaftliche Vereinigung in Minden dazu geführt hat, bessere Räumlichkeiten zu finden. Der neue Standort bietet ihnen die Möglichkeit, die Menschen in ihrer Umgebung besser zu erreichen und die heilende Liebe, die Christus Jesus von seinen Nachfolgern erwartete, zum Ausdruck zu bringen.
Frau Linder und Frau Werner sind beide aktive Mitglieder dieser Vereinigung. Frau Werner ist außerdem als Ausüberin im Herold eingetragen. Das Interview wurde von Herold-Redakteur geführt.
Michael Seek: Im vergangenen Monat sprachen wir davon, wie wichtig es ist, die geistige Vision von Kirche aufrechtzuerhalten. Woraus besteht diese Vision?
Ingeborg Werner: Ein Teil der Vision ist einfach die Liebe zu unserer wunderbaren Religion.
Ulla Linder: Ja, wir haben ein Geschenk, und dieses Geschenk, die Christliche Wissenschaft, bieten wir an. Wir sind von seiner Nützlichkeit überzeugt, weil wir diese schon oft erfahren haben. Das möchten wir nicht für uns allein behalten.
Seek: Das führt uns wieder zu der Definition von Kirche, die Mrs. Eddy in Wissenschaft und Gesundheit gibt, nicht wahr? Sie schreibt: „Der Bau der Wahrheit und Liebe; alles, was auf dem göttlichen Prinzip beruht und von ihm ausgeht.“ Und dann fährt sie fort: „Die Kirche ist diejenige Einrichtung, die den Beweis ihrer Nützlichkeit erbringt und die das Menschengeschlecht hebt, das schlafende Verständnis aus materiellen Annahmen zum Erfassen geistiger Ideen und zur Demonstration der göttlichen Wissenschaft erweckt und dadurch Teufel oder Irrtum austreibt und die Kranken heilt.“ Wissenschaft und Gesundheit, S. 583.
Lindner: Ja, genau. Unsere Gebete für die Kirche führen uns auch dazu, für unsere Stadt zu beten. Unsere Nachbarn sollen aus erster Quelle erfahren, was die Christliche Wissenschaft ist. Deshalb haben wir am ersten Sonntag nach dem Umzug in die neuen Kirchenräume Briefe in jeden Briefkasten in der Nachbarschaft gesteckt, in denen wir uns vorgestellt und betont haben, daß die Christliche Wissenschaft schon seit mehr als 100 Jahren besteht. Und wir haben auch zu unserem bevorstehenden Vortrag eingeladen.
Die Anwohner der Straße sind außerordentlich freundlich. Kürzlich erklärte ein Mann nach dem Sonntagsgottesdienst: „Was ihr da macht, das gefällt mir. Macht weiter so.“ Ein anderer fragte, ob er auch einmal kommen dürfe. Wir haben ihm natürlich versichert, daß unsere Gottesdienste jedem offenstehen und daß er sehr willkommen ist! Der Vermieter sagte: „Wir sind ja so froh, daß wir Sie hier in den Räumen haben.“
Seek: Vorher hatte Ihre Kirche die Gottesdienste in einer Schule abgehalten. Wie kam der Wunsch nach neuen Räumen auf?
Werner: Die Schule lag nicht zentral genug. Wir wollten gern in die Innenstadt, die Menschen sollten es nicht so weit zu uns haben. Und wir wollten der Stadt etwas geben, wollten zeigen, daß wir kein interner Klub sind, sondern eine öffentliche Kirche.
Seek: Haben alle Mitglieder diesen Wunsch geteilt?
Werner: Nicht sofort! Inzwischen stehen jedoch alle aktiven Mitglieder voll dahinter.
Lindner: Wir wurden durch einen Bericht im Christian Science Journal sehr ermutigt. Eine Vereinigung in Oregon mit nur sechs Mitgliedern war sehr aktiv geworden. Den Bericht haben wir übersetzt und für alle Mitglieder kopiert, damit jeder zu Hause darüber nachdenken konnte. Sehr geholfen hat uns auch ein Brief der Christlich-Wissenschaftlichen Vereinigung in Oldenburg, der berichtete, wie die Mitgliedschaft neue Räume gefunden hatte. So beschlossen wir, noch mehr Liebe und Geduld aufzubringen, noch besser aufeinander zuzugehen und mehr Mitdenken und Verständnis zu zeigen.
Seek: Wodurch hatten Sie den Eindruck, daß die Vereinigung in dieser Richtung weitermachen sollte?
Lindner: Die Argumente, die gegen den Fortschritt zu sprechen schienen, waren von Begrenzungen bestimmt. Durch unser Studium der Christlichen Wissenschaft wissen wir, daß es immer richtig ist, diese falschen Elemente von Begrenzung zu verlassen. Sie kommen nicht von Gott. Es gehört zum Fortschritt einer Kirche, aus dem Schatten von Begrenzung herauszutreten und die geistige Grundlage aller Tätigkeiten der Kirche zu sehen. Zu diesen falschen Vorstellungen zählen, daß es zu wenige Mitglieder gibt, daß wir nicht genug Geld haben, daß überall Mangel auftaucht, daß wir überaltert sind, keine Sonntagsschüler haben, daß die Bevölkerung keinen Bedarf, kein Interesse an der Christlichen Wissenschaft hat. Auch unsere Vereinigung mußte sich mit diesen Dingen auseinandersetzen. Da wurden wir ganz still und beteten weiter, weil es nicht Gottes Wille sein konnte, dem zuzustimmen.
Werner: Wir erkannten dankbar in unseren Versammlungen an, daß Gott uns bis hierher geführt hat und natürlich auch weiter hilft.
Seek: Wie kamen Sie dann in die jetzigen Kirchenräume?
Werner: Wir hatten zunächst eine Hauswand gesucht, um einen Schaukasten anzubringen, aber das führte zu keinem Erfolg.
Lindner: Wir suchten jedoch beharrlich weiter. Dann kam plötzlich der Gedanke, nach einem kleinen Leseraum mit Schaufenster zu suchen. Da haben wir auch annonciert. Unser Wunsch, an die Öffentlichkeit zu treten, wuchs in dem Verhältnis, wie sich unser geistiges Verständnis und unsere Hingabe vertieften, und desto unbeschwerter gingen wir an alle Möglichkeiten heran.
An einem Sonntag nach dem Gottesdienst haben wir uns Räumlichkeiten angesehen. Da war eine große Begeisterung, doch als der Mietpreis dann zur Sprache kam, wurde sie etwas gedämpft. Ein Mitglied sagte jedoch, daß wir jetzt nicht diskutieren sollten, sondern jeder solle das mit Gott besprechen, und wir würden am nächsten Sonntag abstimmen. An jenem Sonntag hatten wir besonders viele Besucher. Das war für mich eine Verheißung. Die Mitglieder stimmten mehrheitlich für die Anmietung der neuen Räume. Das war drei Wochen vor dem ersten Gottesdienst. Jetzt hatten wir einen Raum für den Gottesdienst und — nach Jahrzehnten! — wieder einen Leseraum, einen Sonntagsschulraum und große Schaufenster. Alles weitere entfaltete sich mühelos: Möbel, Lampen, Pult. Sogar die Bücher für den Leseraum kamen noch rechtzeitig aus Boston.
Seek: Sie haben sehr viele Erfahrungen gemacht, die den Fortschritt Ihrer Vereinigung beschreiben, und Sie haben die Beweise bekommen, daß das rechte Verständnis von Kirche Lösungen bringt. Was würden Sie anderen Kirchenmitgliedern raten, die in ihrer Zweigkirche oder Vereinigung vor neuen Herausforderungen stehen?
Werner: Ich denke, es ist sehr wichtig, den persönlichen Sinn auszuschalten, das ist ein ganz grundlegender Faktor. Sonst kann der persönliche Sinn, der Glaube zum Beispiel, daß Kirche von einem einzelnen abhänge (womöglich sogar gegen die anderen Mitglieder), Fortschritt blockieren.
Lindner: Ich mußte auch lernen, ein falsches Verantwortungsgefühl abzulegen. Dies ist Gottes Kirche! Wir brauchen nicht zu wissen, wie sich etwas entfalten wird, sondern wir können wissen, daß es sich entfaltet. Wir können gespannt sein, wie der Vater für die Kirche sorgt. Wir bemühen uns, Fülle im Bewußtsein zu haben, neugierig zu sein, wie sich alles zeigt. Fülle tritt in Erscheinung, wenn man sie erwartet.
Seek: Und was war mit den Mitgliedern, die Bedenken hatten gegen diese neuen Schritte? Haben Sie sich mit deren Besorgnissen auseinandergesetzt?
Lindner: Ja, wir haben ja immer wieder innegehalten, wenn es nicht voranging, und uns gesagt, daß es sich zeigen würde, ob ein Schritt richtig ist, damit jede Entscheidung auch wirklich von allen verstanden werden konnte. Das heißt nun nicht, daß alles einstimmig entschieden werden muß, sondern das Richtige setzt sich durch, wenn die große Mehrheit den Weg mitgestaltet.
Werner: Sehr wichtig ist eine große Wertschätzung für die Lehre der Christlichen Wissenschaft und die Dankbarkeit für unsere Religion. Diese Wertschätzung für unsere Sache und der Wunsch, sie nicht aufzugeben, ist das, was uns alle verbindet.
Seek: Sie sprachen von den noch vor Ihnen liegenden Aufgaben. Wie wird es da weitergehen?
Werner: Nun wollen wir mehr Menschen die Christliche Wissenschaft nahebringen. Mit den gemieteten Räumen haben wir sozusagen den Rahmen für unsere Kirche geschaffen. Nun werden wir ihn weiter mit den wichtigen Details ihres „Baues“ füllen. Wir werden weiter vorankommen, denn der Begriff von Kirche ist ja grenzenlos.
Seek: Kann man sagen, daß sich Beruf, Familienleben und die Kirchenarbeit nicht voneinander trennen lassen?
Lindner: Gewiß. Ich erlebe das gerade mittwochs mit dem Besuch der Zeugnisversammlung. Ich möchte mich einfach nicht aufhalten lassen, das Gute der Woche zu teilen. So hat der Alltag auch unmittelbar mit der Kirche zu tun. Wir betätigen im Familienleben oder Beruf eigentlich das gleiche wie in der Kirche. Wir drücken Gott aus.
Werner: Wir wollen überall unbeirrt das Ziel verfolgen, zu heilen. Darum halten wir uns nicht mit menschlichen Meinungen auf. Es ist unser Auftrag zu heilen — seien es körperliche Leiden, Mängel, Zwistigkeiten, egal, ob sie im privaten oder internationalen Rahmen auftreten. So verherrlichen wir Gott in unserer täglichen, freudigen Kirchenarbeit.
Lindner: Es ist wirklich so, daß die gemeinsame Liebe, die wir von Gott haben und die die Christliche Wissenschaft in unserem täglichen Leben zum Vorschein bringt, uns auch zusammenhält. Zusammenzubleiben und Gott zu verherrlichen — ob in den Zweigkirchen, Vereinigungen oder unter dem Dach Der Mutterkirche —, dafür lohnt sich jeder Tag unserer Arbeit.
