Als Jesus fortfuhr, im Tempel zu lehren, bemerkten die Pharisäer, daß die Sadduzäer durch seine Antwort auf ihre Frage zum Schweigen gebracht worden waren. Wenn auch die von den Sadduzäern gestellte Frage über die Auferstehung offensichtlich nicht ernst zu nehmen war, so war vielleicht die, die nun ein Schriftgelehrter an ihn richtete, ernst gemeint. Die Rabbiner diskutierten ständig darüber, welches der 365 Verbote oder der 248 Gebote, in die das jüdische Gesetz aufgeteilt worden war, am wichtigsten sei. „Einer unter ihnen, ein Schriftgelehrter“, der offenbar Jesus in den endlosen und im allgemeinen zwecklosen Streit hineinziehen wollte, „versuchte ihn“, wie uns die Bibel berichtet, „und fragte: Meister, welches ist das vornehmste Gebot im Gesetz?“ (S. Matth. 22:35, 36.)
Die Tiefe und prüfende Einsicht in Christi Jesu Antwort hielt der Herausforderung stand. Als das erste und größte Gebot zitierte er einen Vers aus dem fünften Buch Mose (6:5), in dem unbedingte Liebe zu Gott gefordert wird — eine Bestimmung, die im Sch'ma Jisrael, dem täglichen Gebet der gläubigen Juden, enthalten war. Das zweite Gebot, in dem die Notwendigkeit der Nächstenliebe hervorgehoben wird, stammte aus dem dritten Buch Mose (19:18). Diese beiden grundlegenden Gebote, sagte er, stellten die eigentliche Botschaft dar, die in den Lehren des Gesetzes wie auch der Prophezeiung enthalten war. Der Schriftgelehrte, der die Frage gestellt hatte, erkannte an, daß Jesus weise geantwortet hatte, und Jesus lobte ihn mit den Worten: „Du bist nicht ferne von dem Reich Gottes.“ Pharisäer und Sadduzäer, Herodianer und Schriftgelehrte, sie alle waren zum Schweigen gebracht worden; und Markus berichtet: „Hinfort wagte niemand mehr, ihn zu fragen“ (s. Matth. 22:34–40, 46; Mark. 12:28–34).
Nun aber stellte der Meister diesen religiösen Führern eine Frage. Sie betraf einen der vertrautesten Aspekte ihres heiligen Erbes, den schon vor langer Zeit verheißenen Erlöser, oder den Messias, der oft für den Sohn oder Nachkommen Davids gehalten wurde. Offenbar suchte Jesus seinen Zuhörern den Unterschied zwischen der ewigen Idee des Christus oder des „Messias“ (die ursprüngliche hebräische Form des greichischen Wortes „Gesalbter“) und dem menschlichen Jesus aus dem Geschlecht Davids klarzumachen. „Was denkt ihr von dem Christus? Wessen Sohn ist er? Sie sprachen: Davids. Er sprach zu ihnen: Wie kann ihn dann David im Geist einen Herrn nennen...?“ (S. Matth. 22:41–45; Mark. 12:35–37; Luk. 20:41–44; vgl. Ps. 110:1.)
Wie Matthäus berichtet, wandte sich der Meister dann den Menschen zu und legte ihnen ans Herz, nicht auf dem Wege seiner Gegner zu gehen, und er stellte die Übel bloß, deren sie schuldig waren. Obgleich diese Männer als Vertreter Moses handelten — und als solche sollte ihre Lehre befolgt werden —, unterließen sie es, sich an ihre eigenen Bestimmungen zu halten, denn „sie sagen's wohl, und tun's nicht“ (23:3). Diese Rede wurde vor den Jüngern und dem versammelten Volk gehalten; und wenn sie auch durch die Verurteilung des Bösen negativ erscheinen mag, so hatte sie doch einen konstruktiven Zweck, nämlich den Nachfolgern Jesu eine Richtschnur für ihr Verhalten zu geben. An einer Stelle (23:8–12) sind die Worte des Meisters eindeutig zur Unterweisung seiner Nachfolger gedacht. Sie schließen mit der Mahnung: „Wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht.“
Dann verurteilte Jesus die Schriftgelehrten und Pharisäer wegen ihrer Unterdrückung, ihres Egoismus und Stolzes, ihrer Blindheit und Heuchelei, ihres Wuchers und ihrer Unreinheit — Sünden, die ohne Ausnahme verdammt werden müssen (s. Matth. 23:13–33). Darauf folgt seine bewegende Klage über die von jedem Juden geliebte große Stadt Jerusalem, eine Stadt, deren Geschichte jedoch einen Schandfleck hatte, da sich ihre Bevölkerung weigerte, auf ihre eigenen Propheten zu hören (s. Matth. 23:37–39).
Die Anklage, die Jesus gegen die Schriftgelehrten und Pharisäer erhob, wird von Markus (12:38–40) und Lukas (20:45–47) nur kurz berührt. Diese Evangelien berichten als nächstes von einem Vorfall, der in seiner Schlichtheit einen angenehmen Gegensatz bildet.
Als Jesus in der Säulengalerie des Tempels in der Nähe der Schatzkammern saß, beobachtete er, wie die Leute ihre Opfer an Gold und Silber darbrachten. Was ihn jedoch am meisten interessierte, war die Tat einer armen Witwe, die mit ihren zwei Scherflein alles gab, was sie besaß. Hier hatten sie ein Beispiel wahrer Hingabe, und er empfahl seinen Nachfolgern ebendiesen Geist des Gebens, den sie zum Ausdruck brachte. So verließ er den Tempel, und soviel wir wissen, hat er ihn nie wieder betreten (s. Mark. 12:41–44; Luk. 21:1–4).
Als er aus der heiligen Stätte hinausging, machten seine Jünger eine Bemerkung über ihre Pracht, nur um von Jesus zu erfahren, daß in nicht allzu langer Zeit diese massiven Mauern in Trümmern liegen würden. Vielleicht hatten seine Anhänger gerade solch einen Schock nötig, um aus ihrer Apathie aufgerüttelt zu werden und auf das vorbereitet zu werden, was der Meister in seiner bedeutenden Rede über das Ende der Welt zu sagen hatte.
Als er auf dem Ölberg saß, mit einem freien Blick auf den ganzen Tempel, versammelten sich seine Jünger um ihn. Sie wollten wissen, wann diese Zerstörung, die er soeben vorausgesagt hatte, stattfinden würde. Wenn der Tempel, ihr wichtigstes Symbol der Religion und Gottesverehrung, vernichtet werden sollte, konnte doch dies sicherlich nur bedeuten, daß das Ende der Welt, wie sie sie kannten, kommen und die lang erwartete triumphale Herrschaft des Messias anbrechen würde. Und so fragten sie ihn: „Welches wird das Zeichen sein deines kommens und des Endes der Welt?“ (S. Matth. 24:1–3; Mark. 13:1–4; Luk. 21:5–7.)
In seiner ausführlichen Antwort ermahnte der Meister sie, sich nicht durch falsche Vertreter des Messias täuschen und in die Irre führen zu lassen. Im Laufe der Jahre würden sie von Hungersnöten, Erdbeben und Weltkriegen hören. Aber dies sei noch nicht das Ende der Welt; es sei erst der Anfang der Qualen. Ihnen persönlich könnten Verhaftungen und Gefängnisstrafen, Verhör und Verurteilung, Geißelung, ja sogar der Tod bevorstehen, aber in all dem Leid würde der Heilige Geist ihnen beistehen und sie ermutigen. Wachsamkeit, Geduld und Gebet würde ihnen Erlösung bringen, und selbst wenn sie den Tod erlitten, würden sie nicht zugrunde gehen. Vor dem Ende würde außerdem der ganzen Welt das Evangelium vom Reich gepredigt werden (s. Matth. 24:4—51; Mark. 13:5–37; Luk. 21:8–36).
Christus Jesus sprach dann kurz über die eigentliche Zerstörung Jerusalems und des Tempels, die, wie er sagte, dann kommen werde, wenn sie sähen „den Greuel der Verwüstung stehen an der heiligen Stätte“ (s. Matth. 24:15; Mark. 13:14; vgl. Dan. 9:27; 11:31; 12:11). Einige haben diese apokalyptischen Worte als die Voraussage der Zerstörung des Tempels durch die Römer ungefähr 40 Jahre später, im Jahre 70 n. Chr., ausgelegt.
In Zeiten der Verfolgung müßten sie in die Berge fliehen, so sagte er ihnen. Und er warnte sie erneut davor, daß auch manch ein falscher Christus und falsche Propheten kommen würden. Drastische Änderungen und widersprüchliche Ereignisse würden in der Natur und in der menschlichen Gesellschaft stattfinden; selbst die Himmel würden ins Wanken kommen, bis sie schließlich würden, wie Markus sagt (13:26), „des Menschen Sohn kommen sehen in den Wolken mit großer Kraft und Herrlichkeit“. Und wenn auch Himmel und Erde vergingen, so würden doch seine Worte bestehen bleiben, Worte, die in diesem Falle mehr Ermahnung als Weissagung sind. Markus schließt mit den Worten (Vers 37): „Was ich aber euch sage, das sage ich allen: Wachet!“
