Vor Beginn einer Mittwochabend-Zeugnisversammlung saß eine Anhängerin der Christlichen Wissenschaft in der Kirche, andachtsvoll über die Einheit von Gott und Seiner reinen Widerspiegelung, dem Menschen, nachdenkend. Eine Freundin kam herein und nahm einen Platz in ihrer Nähe ein. Die Anhängerin fühlte eine tiefe Woge der Dankbarkeit, denn sie wußte, daß diese Freundin gerade eine schwere Prüfungszeit zu überstehen gehabt hatte und daß sie siegreich daraus hervorgegangen war.
Als sie so dasaß, ertappte sich die Anhängerin jedoch dabei, wie ihre Gedanken zu dem Problem ihrer Freundin zurückgingen mit einer Spur von Neugier in bezug auf die genaue Natur und die Ernsthaftigkeit des Irrtums. Doch plötzlich kam ihr mit überraschender Klarheit Christi Jesu unmißverständliche Mahnung in den Sinn, die er kurz nach seiner Auferstehung an die Magdalena richtete (Joh. 20:17): „Rühre mich nicht an! denn ich bin noch nicht aufgefahren zu meinem Vater.“
Keine ernstere Verantwortlichkeit ruht auf den Christlichen Wissenschaftern als die ihrer Einstellung zu ihren Mitmenschen. In allen Schriften unserer geliebten Führerin werden wir ermahnt, unsere Gedanken zu bewachen, wenn sie sich mit anderen Menschen befassen. Mrs. Eddy macht dieses auf Seite 40 ihres Buches „Nein und Ja“ sehr deutlich, wo sie schreibt: „Ich unterweise meine Schüler, ihre Gedankenarbeit sehr heilig zu halten und nie das menschliche Denken zu berühren, außer um ihm die Wahrheit zu bringen, nie in die Rechte des einzelnen denkend einzugreifen, den Menschen nie das Recht sondern nur das Unrecht zu nehmen. Andernfalls verlieren sie ihre Fähigkeit, der Wissenschaft gemäß zu heilen.“
Als Christus Jesus gefragt wurde, welches „das vornehmste Gebot im Gesetz“ sei, verknüpfte er mit den folgenden Worten unauflöslich und für alle Zeit das Gebot, Gott zu lieben, mit dem Gebot, unseren Nächsten zu lieben (Matth. 22:40): „In diesen zwei Geboten hanget das ganze Gesetz und die Propheten.“ Und unsere Führerin erklärt in ihrem Werk „Vermischte Schriften“ (S. 234): „In der Liebe zum Menschen gewinnen wir ein echtes Verständnis von Gott als Liebe, und auf keine andere Weise können wir dieses geistige Verständnis erlangen und uns erheben — und immer weiter erheben — zu den wesentlichen und göttlichen Dingen.“
Der wirkliche Christliche Wissenschafter verweilt in der Atmosphäre der göttlichen Liebe, er lebt sie und drückt sie konsequent und beständig unter allen Umständen aus. Diese Widerspiegelung der Liebe, die Gott ist, ist unpersönlich, unparteiisch, und ihr Wirkungskreis ist allumfassend. Während sie erglüht und ausstrahlt, segnet sie, genauso wie die Sonne ihre Strahlen aussendet und alles erwärmt, was sie berührt. Wir können uns nicht oft genug fragen: „Unterstütze ich meinen Nächsten liebevoll in der Demonstration seiner wahren Identität als des Kindes Gottes?“
Es gibt kein Wachstum zum Geiste hin, es sei denn, wir drücken in gewissem Grade die Liebe aus, die unser Meister ausdrückte. Alle, die in seine Einflußsphäre gelangten, fühlten die heilende Linderung der Berührung jener göttlichen Liebe, die er durch sein Beispiel darstellte. Dieses göttliche Lieben ergründet die Tiefen des Seins, löscht aus dem menschlichen Bewußtsein alles aus, was dem Göttlichen unähnlich ist. Dieser Reinigungsund Läuterungsprozeß wird fortdauern, bis das Menschliche der Vollkommenheit des geistigen Seins völlig weicht.
Ein Kind spürt sofort, wenn das Denken eines Menschen von der sanften Liebe des Christus durchdrungen ist, und es reagiert darauf. Haben wir nicht alle schon erlebt, daß wir uns in der Gegenwart eines kritischen und tadelsüchtigen Menschen nicht wohl fühlten und dann den Wunsch hatten, uns zu entfernen? Was für ein Gegensatz zu der Freude, die wir empfinden, wenn wir in der Gegenwart von Menschen sind, deren liebevolles Denken uns in der Wärme seines heilenden Umfangens einschließt!
Doch kann es sein, daß gerade solch ein Mensch, dem es scheinbar an Liebe fehlt, äußerst dringend unsere liebevolle Unterstützung braucht. Wer kann ermessen, wieviel Gutes sich ergeben mag, wenn wir Härte und Teilnahmslosigkeit mit Sanftmut begegnen und den Lieblosen in jene christusgleiche Liebe einhüllen, die in Wirklichkeit von allen Kindern Gottes spontan widergespiegelt wird.
Wir können von uns nicht als der geliebten Idee Gottes denken, ohne unserem Mitmenschen denselben Stand zuzuerkennen. Christus Jesus sagt (Joh. 20:17): „Ich fahre auf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott.“
An jemanden mit Gedanken der Neugierde oder der mesmerischen Sympathie heranzutreten, hilft ihm nicht, seine Demonstration vom geistigen Sein zu erbringen, sondern es hindert ihn daran. Jemanden mit Gedanken des Zorns, des Grolls oder der Gegenbeschuldigungen zu belästigen, ist Malpraxis, wobei wir unsere eigenen Hoffnungen zunichte machen, zur Erkenntnis unseres geistigen Standes als des Kindes Gottes zu gelangen, und unseren Mitmenschen mit zusätzlichen Lasten beschweren. Kein aufrechter und ernsthafter Anhänger der Christlichen Wissenschaft sollte je der Versuchung nachgeben, dieser heimtückischen Form des Bösen Ausdruck zu geben.
Der persönliche Sinn ist ein tyrannischer Betrüger. Er möchte diejenigen binden, die wir am ehesten befreit sehen möchten. Wir müssen unsere Lieben gedanklich loslassen in der Erkenntnis, daß sämtliche Gottes-Ideen immerdar von der alles-einschließenden Liebe unseres Vater-Mutter Gottes umfangen werden, daß nichts besteht, was dieses sich selbst zur Geltung bringende, unwiderstehliche Gesetz der göttlichen Liebe, das immer wirkt, vereiteln könnte.
Mrs. Eddy sagt in ihrem Werk „Vermischte Schriften“ (S. 12): „Wir sollten unsere Liebe zu Gott an unserer Liebe zum Menschen messen; und unser Verständnis von der Wissenschaft wird gemessen an unserem Gehorsam Gott gegenüber — indem wir das Gesetz der Liebe erfüllen, allen Gutes tun, allen innerhalb unseres Gedankenbereiches Wahrheit, Leben und Liebe mitteilen, soweit wir selbst sie widerspiegeln.“
Möge das Denken der Christlichen Wissenschafter, wenn es daheim, in der Kirche, in der Gemeinde oder innerhalb von Nationen auf ihren Mitmenschen ruht, ein heiliger Segen sein, erhebend, heilend und wohltuend.
