Als Paulus und seine Begleiter, Timotheus, Lukas und Silas, in Mazedonien ankamen, machten sie sich unverzüglich auf den Weg nach Philippi (s. Apg. 16:11–40). Philippi war eine der wichtigsten Städte Mazedoniens und eine römische Kolonie, aber mit nur wenigen jüdischen Einwohnern. Am Sabbat gingen die Missionare zum Flußufer, wo, wie es in der Apostelgeschichte heißt, „man pflegte zu beten“. Nach dem griechischen Wort proseuche zu urteilen, hätte das eine Synagoge sein können; da jedoch die kleine Gruppe, die dort versammelt war, aus Frauen bestand, handelte es sich wahrscheinlich um ein zwangloses Treffen, möglicherweise sogar unter freiem Himmel, bei dem Paulus und die anderen sich lediglich mit den Gläubigen unterhielten. So geschah es, daß die erste Person, die sie in Europa bekehrten, eine Frau namens Lydia war. Ob nun Lydia ihr Name war oder ob er sich lediglich auf ihre heimatliche Gegend bezog, sie stammte aus der lydischen Stadt Thyatira in Kleinasien, verdiente nun aber ihren Lebensunterhalt, indem sie den kostbaren Purpurstoff verkaufte, der zu jener Zeit sehr gefragt war. Obgleich sie keine Jüdin war, fühlte sie sich von dem monotheistischen Glauben des Judaismus angezogen und nahm nun bereitwillig das Christentum an; sie und ihr ganzer Haushalt wurden getauft.
Hier haben wir den Kern dieser blühenden und liebevollen Kirche, an die Paulus später schrieb (Phil. 1:3): „Ich danke meinem Gott, sooft ich euer gedenke“ und die er später als die einzige Kirche in Mazedonien hervorhob, die immer und immer wieder seine Bedürfnisse stillte (s. 4:15–18). Lydia war gastfreundlich und wohlhabend, denn sie drängte Paulus und seine Begleiter, während ihres Aufenthalts bei ihr zu wohnen.
Offenbar setzten sie noch einige Zeit ihr Werk in Philippi fort, bis die Heilung eines Sklavenmädchens, die eine Wahrsagerin war, aufgrund einer Anklage durch die Herren des Mädchens zur Auspeitschung und Gefangennahme von Paulus und Silas führte. Die Apostelgeschichte erzählt von einem großen Erdbeben in jener Nacht, das das Gefängnis erschütterte und die Türen des Kerkers öffnete. Am Morgen waren die Stadtrichter bereit, die Apostel freizulassen, besonders als sie hörten, daß sie römische Bürger waren, doch unter der Bedingung, daß sie die Stadt verließen.